New Work im Gesundheitswesen

VOLKER E. AMELUNG UND PATRICIA EX

Vor dem Geld geht uns das Personal aus

Das deutsche Gesundheitswesen ist im internationalen Vergleich mit sehr vielen Ressourcen ausgestattet: Wir verfügen über reichlich Krankenhausbetten, viele Arztpraxen, genügend Ärztinnen und Ärzte und sogar über eine vergleichsweise hohe Anzahl an Pflegekräften pro Bürger. Auch die Kassen der Kassen sind bislang gut gefüllt, sodass pro Versichertem relativ viel Geld im System vorhanden ist. Dennoch herrscht ein unterschwelliges Gefühl von Mangel vor: „Versorgungslöcher“ auf der Landkarte, längere Wartezeiten auf einen Facharzttermin, zunehmende Unzufriedenheit beim medizinischen und pflegerischen Personal. Nach Jahren, in denen wir unsere Aufmerksamkeit stark auf ökonomische Fragestellungen gerichtet haben, setzt sich mittlerweile mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass uns nicht das Geld, sondern vielmehr das Personal auszugehen droht.

Das Thema Kapazitäten ist gewiss nicht neu und eng mit der Betrachtung von Personal als zentraler Ressource des Systems verknüpft. Jedoch hat sich das Gleichgewicht der Kräfte in der jüngeren Vergangenheit deutlich verschoben: So wäre es vor 20 Jahren kaum vorstellbar gewesen, dass ein Krankenhaus aufgrund von Personalmangel eine Abteilung schließen muss oder dass Landräte sich persönlich auf die Suche nach Hausärzten machen würden.

Zu wundern brauchen wir uns darüber nicht, denn es war kaum zu erwarten, dass der in vielen Branchen schon lange vorausgesehene Fachkräftemangel vor dem Gesundheitswesen haltmachen würde. Doch anders als andere Disziplinen befindet sich die Medizin im Grunde immer noch in einer komfortablen Lage: Nach wie vor sind mehr junge Menschen am Arztberuf interessiert als Studienplätze vergeben werden. Der limitierende Faktor besteht also nicht im potenziell verfügbaren Personal, sondern vor allem in der derzeitigen Bildungs- bzw. Hochschulpolitik. Hinzu kommt, dass Medizinerinnen und Mediziner heute deutlich mehr berufliche Optionen haben als früher, sodass bei Weitem nicht mehr jeder ausgebildete Arzt bzw. jede Ärztin tatsächlich für die Patientenversorgung zur Verfügung steht. Etwas anders gelagert gilt der letztgenannte Punkt auch für andere Gesundheitsfachkräfte: 

Laut dem Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfP) liegt die Verweildauer von Kranken- und Altenpflegekräften in ihrem Beruf bei durchschnittlich etwa acht Jahren (Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe o.J.). 

Was wir brauchen, sind also nicht primär neue Pflegekräfte, sondern eine umfassende Strategie, um die bereits ausgebildeten Pflegekräfte zu halten.

Ganz gleich, ob Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte, Heilberufe: In Zukunft wird es sich keine Organisation im Gesundheitswesen mehr leisten können, Personal allein als Kostenfaktor zu betrachten. Motivierte und qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden zunehmend zu einem strategischen Erfolgsfaktor. Diese Einsicht zu beherzigen, dürfte dem Gesundheitswesen allerdings besonders im Kontext eines recht festgefahrenen Rollenverständnisses schwerfallen: Die Primärstellung von Ärztinnen und Ärzten ist nicht zuletzt daran abzulesen, dass man die große (und mittlerweile sehr ausdifferenzierte) Gruppe der anderen in der Gesundheitsversorgung tätigen Menschen unter dem Begriff der nicht-ärztlichen Gesundheitsberufe zusammenfasst. Während einige Gesundheitsleistungen von einem stark hierarchischen System abhängen – eine OP kann ungeachtet allen Teamworks nur mit der Verantwortlichkeit einer einzelnen Person, die den Ton angibt, gelingen – verhindern diese starren Hierarchien an anderen Stellen eine sinnvolle Leistungserbringung im Team und ein notwendiges Maß an Koordination und Kooperation. Mit diesem Mindset werden wir die Probleme des Gesundheitswesens niemals in den Griff bekommen. 

Anstelle von „mehr des Gleichen“ brauchen wir intelligente Umsetzungsideen und einen Kulturwandel. 

In der Diskussion fehlt insbesondere eine tiefergehende Auseinandersetzung mit den tatsächlichen und „gefühlten“ Veränderungen der Arbeitswelt.

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Gesundheitspolitik ist heute auch Personalpolitik

Nahezu alle Trends, die rund um das Thema Arbeit allgemein in der Wirtschaft zu beobachten sind, kommen in mehr oder weniger starker Ausprägung auch im Gesundheitswesen zum Tragen. Ob der Einzelne diese Veränderungen nun positiv oder negativ beurteilen mag – man wird sich auf allen Ebenen des Systems mit den neuen (und weiter im Wandel befindlichen) Rahmenbedingungen arrangieren müssen. Das bedeutet, dass Gesundheitspolitik heute mehr denn je auch Arbeitsmarkt- und Personalpolitik ist.

Dies gilt umso mehr, als Gesundheitsversorgung eine Leistung ist, die sich in hohem Maß an der Qualität der Personalleistung orientiert. Das mag nach einer Binsenweisheit klingen. Doch ein Blick hinter die Kulissen von Gesundheitseinrichtungen zeigt: Das Personal wird bisher vielfach nicht als zentraler Wert der Organisation verstanden. Vielmehr wird den Arbeitskräften oft ein überaus hohes Maß an Einsatz abverlangt, ohne dass man gleichzeitig in Motivation, Weiterentwicklung und Gesunderhaltung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter investiert.

Im Gesundheitswesen wird das Personal bisher vielfach nicht als zentraler Wert der Organisation verstanden. Dabei ist Gesundheitsversorgung eine Leistung, die sich in hohem Maße an der Qualität der Personalleistung orientiert.

In Zeiten von Fachkräftemangel und nach Jahrzehnten mit einem recht hohen Maß an Ausbeutung können wir uns nicht länger auf der intrinsischen Motivation oder Alternativlosigkeit der in der Versorgung tätigen Menschen ausruhen. Das gilt für die einzelne Einrichtung ebenso wie für das System als Ganzes. Beide müssen sich darauf einstellen, ihre Ressourcen anders einzusetzen, und ihren Werkzeugkasten im Bereich der Steuerungsinstrumente aufstocken. Fokus der Politik muss dabei immer sein, gute Versorgung in allen Teilen des Landes sicherzustellen. Ihre Aufgabe wird in nächster Zukunft vor allem darin bestehen, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken und Blockaden aus dem Weg zu räumen, die das Ausschöpfen der vielfältig im System vorhandenen Effizienzpotenziale verhindern.

Ausbildung reformieren

Zu den größten Effizienzreserven im System zählt der Ausbau der interprofessionellen Zusammenarbeit. Zum einen vermeiden wir dadurch Versorgungsbrüche und verschwenden in der Folge weniger Kapazitäten. Zum anderen können dadurch die Stärken vieler Gesundheitsberufe – Empathie, Zeit und Koordination – ausgebaut werden. Um von vornherein neue Gewohnheiten und Denkmuster der Zusammenarbeit zu etablieren, ist es sinnvoll, direkt bei der Sozialisierung der Professionen anzusetzen. Ein Gesundheits-Campus, auf dem Medizinerinnen und Mediziner sowie Pflegekräfte teils gemeinsam, teils parallel zueinander ausgebildet werden, würde Berührungsängste abbauen und die Zusammenarbeit auf Augenhöhe fördern. Darüber hinaus gilt es, im Rahmen der Ausbildung innerhalb der Professionen, insbesondere den ärztlichen, die Bedeutung von interprofessioneller Zusammenarbeit mehr hervorzuheben sowie Sozialkompetenz zu fördern und zu fordern.

Wir müssen Berührungsängste zwischen den Gesundheitsprofessionen abbauen und Zusammenarbeit auf Augenhöhe fördern. Ein Gesundheits-Campus, auf dem Medizinerinnen und Mediziner, Apothekerinnen und Apotheker, Pflegekräfte sowie Angehörige anderer Heilberufe teils gemeinsam, teils parallel ausgebildet werden, kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten.

Eine neue Kultur der Zusammenarbeit zu etablieren, ist ein langfristiges Vorhaben, das in Zeitspannen von zehn bis 20 Jahren gedacht werden muss. Gerade jetzt, wo ausreichend viel Geld im System vorhanden ist, wäre ein guter Zeitpunkt, um hier Maßnahmen zu ergreifen und die medizinische ebenso wie die pflegerische Ausbildung zu reformieren.

Gleichzeitig könnte man in diesem Zuge die Ausdifferenzierung und Akademisierung der Gesundheits- und Pflegeberufe strukturieren und weiterentwickeln. Es kommt nicht nur der Versorgung zugute, wenn Kompetenzen, Qualifikationen und Verantwortung auf eine breitere Basis bzw. auf mehr Stufen verteilt werden. Vielfältigere Entwicklungsmöglichkeiten sowie die Aussicht darauf, größere Verantwortungsbereiche zu übernehmen, tragen überdies dazu bei, Pflegeberufe attraktiver zu machen.

Digitale Transformation vorantreiben

Nachdem IT fest etabliert ist, kommt nun auch High Tech im Gesundheitswesen und bei den Gesundheitsprofessionen an. Die digitale Transformation ist ein Motor für die Gestaltung und Verbesserung von Prozessen, definiert aber ebenso Aufgabenbereiche neu und hat damit nicht selten Einfluss auf Selbstverständnis, Haftung und viele weitere Grundsätze der Arbeit. Digitale Lösungen können in unterschiedlicher Form Unterstützung für Gesundheitsprofessionen liefern, wobei der Anteil Mensch und der Anteil Digitalisierung jeweils unterschiedlich ist. Ein unmittelbarer Nutzen ergibt sich beispielsweise in folgenden Bereichen:

  • Unterstützung der Gesundheitsprofessionen durch Spracherfassung zur Dokumentation, Robotik im OP, zeitgenaue Erinnerungen etc.
  • digitale Vernetzung der Beteiligten 
  • körperliche Entlastung, beispielsweise in der Pflege 
  • Einsatz von Maschinen und Algorithmen, etwa bei der Arzneimittelzuteilung im Krankenhaus, bei Auswertungen von genetischen Dispositionen auf Grundlage von Big Data usw.

In der Vergangenheit war hier noch viel Sand im Getriebe: Nur schleppend kommt die digitale Transformation, die in vielen anderen Sektoren schon längst vollzogen ist, in Gang. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Wettbewerbsvorteil,den sich der einzelne Leistungserbringer im Markt durch den Einsatz digitaler Technologien verschaffen kann, anders als in anderen Branchen, verhältnismäßig klein ausfällt. Die Arztpraxen sind voll, die Leistung wird nachgefragt und im selben Maße vergütet, unabhängig davon, ob der Patient online einen Termin buchen kann oder den Arztbrief aufs Handy gespielt bekommt. Im Gegenteil bedeutet der Aufbau einer digitalen Infrastruktur für viele Praxen eine finanzielle und zeitliche Belastung. Hinzu kommt die Angst vor erhöhten Dokumentationspflichten – und möglicherweise auch eine Vermeidungsstrategie gegenüber dem Thema Transparenz.

Es ist daher kaum zu erwarten, dass die Marktteilnehmer gegen ihre eigenen Interessen handeln und selbst zu Treibern der Digitalisierung werden. Diesen Punkt hat auch die Politik mittlerweile erkannt und damit begonnen, klare Vorgaben zu machen,die im Sinne der Versicherten den Weg ins digitale Zeitalter weisen. Das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) stellt auf diesem Weg einen wichtigen Meilenstein dar. Das Thema wird aber auch die nachfolgenden Koalitionen noch intensiv beschäftigen.

Personal systematisch entwickeln

Systematische Personalentwicklung, wie sie in anderen Wirtschaftszweigen schon seit Langem praktiziert wird, ist in vielen Teilen des Gesundheitswesens noch immer ein Fremdwort. Einer der Grundgedanken von Managed Care besteht darin, Modelle aus anderen Branchen auf das Gesundheitswesen zu übertragen. Im Bereich Personalentwicklung wird man nicht lange suchen müssen, um Ansätze zu finden, die teilweise sogar eins zu eins übernommen werden können.

Jede Gesundheitsorganisation ist gut beraten, das Thema Personal auf die Agenda zusetzen, wenn sie langfristig überleben will. Denn auch wenn man sich um die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen wenig Gedanken zu machen braucht, so muss man doch immer noch in der Lage sein, diese Nachfrage zu bedienen – und dafür braucht es Personal. Mehr denn je befinden sich Versorgungseinrichtungen heute in einem Wettbewerb um qualifizierte Arbeitskräfte. Gewinnen werden diejenigen, die ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern genau die Arbeitsplätze und Bedingungen zu Verfügung stellen, die ihren Bedürfnissen entsprechen. Intelligente Unternehmenspolitik zeichnet sich zunehmend dadurch aus, gesellschaftliche Trends frühzeitig zu erkennen und sich darauf einzustellen. Dazu gehört beispielsweise auch, dem eigenen Team glaubwürdig den Sinn der Arbeit zu vermitteln.

Mehr denn je befinden sich Versorgungseinrichtungen heute in einem Wettbewerb um qualifizierte Arbeitskräfte. Gewinnen werden diejenigen, die den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern genau die Arbeitsplätze und Bedingungen zu Verfügung stellen, die ihren Bedürfnissen entsprechen.

Der Druck im System treibt Veränderungen voran, die lange überfällig sind. Das Aufbrechen von verkrusteten Strukturen in rigiden Systemen wie dem Gesundheitssystem wird nicht von innen kommen, sondern bedarf extern stimulierten Veränderungsanreizen. Dass es sich aktuell schwierig gestaltet, Personal zu rekrutieren, wird auch dazu beitragen, dass dringend nötige Innovationen, wie beispielsweise die Einführung von physician assistants als neue Form der ärztlichen Tätigkeit, vorangetrieben werden. Ohne Personalmangel würde hier kaum Bewegung ins deutsche System kommen. Auch die Akademisierung der Pflegeausbildung ist zumindest teilweise dadurch bedingt, hoch qualifizierten und motivierten Pflegekräften Entwicklungspotenziale anbieten zu können. Daher stellt die aktuelle Situation aus Fachkräftemangel, neuen Anforderungen und Erwartungen der Gesundheitsprofessionen an das System sowie der digitalen Transformation insgesamt eine große Chance für die Beteiligten dar, um Veränderungen anzustoßen.

Dieser Beitrag ist eine gekürzte Version aus dem Werk Die Zukunft der Arbeit, herausgegeben von Volker Eric Amelung (Hrsg.) | Susanne Eble (Hrsg.) | Ralf Sjuts (Hrsg.) | Thomas Ballast (Hrsg.) | Helmut Hildebrandt (Hrsg.) | Franz Knieps (Hrsg.) | Ralph Lägel (Hrsg.) | Patricia Ex (Hrsg.).


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