OPEN TEXT: Marketing-Notfall Pflege?

Wie vermarktet sich die Pflege?

BURKHARD STRASSMANN

Stellen wir uns einen Markt vor. An jedem Stand wird ein Beruf präsentiert. Der Bankangestellte, die Friseurin, der Bäcker, der Mechatroniker, die Lehrerin, der Informatiker, der Dachdecker, der Rechtsanwalt– und die Pflegeberufe, natürlich. Zwischen den Ständen gehen Jugendliche hin und her, auf der Suche nach einem guten Beruf. Womit würde die Pflege auf sich aufmerksam zu machen versuchen?

Bei uns ist man nah am Menschen! Wir machen was Soziales! Wir springen ein, wenn ihr nicht mehr könnt! Wir wischen und putzen und rasieren und kämmen und schneiden Fuß- und Fingernägel und verteilen Tabletten und messen Fieber. Das Geld, die Freizeit,na ja – aber die Befriedigung, die uns die Arbeit gibt!

Gäbe es ein Gedränge am Stand der Pflegeberufe? Sicher nicht. Das Bremer Institut für Public Health und Pflegeforschung (IPP) hat das Image der Pflegeberufe bei Jugendlichen untersucht und festgestellt, dass Pflege zu den „Out-Berufen“zählt.

Pflege zählt zu den „Out“-Berufen

„In“ dagegen sind Verwaltungs- und kaufmännische Berufe; Jungen bevorzugen technische Berufe, Mädchen Kreativ- und Designberufe.

Am Pflegestand würden vielleicht ein paar Mädchen anstranden. Als wäre es in den Genen festgelegt, finden sich bis heute in den Pflegeberufen überwiegend Frauen. Pflege ist weiblich, das gilt nicht nur für das Zuhause: Ehefrauen, Töchter, Schwiegertöchter und Enkelinnen leisten zu über 70% die häusliche Pflegearbeit. In den ambulanten Pflegediensten und den Pflegeheimen machen die Männer gerade mal 15% aus. Das IPP hat 2010 herausgefunden, dass überhaupt nur 1,9% der Jungen auf allgemeinbildenden Schulen sich vorstellen können, einen Pflegeberuf zu ergreifen. Bei den Mädchen waren es immerhin 10,4%.

Doch warum stürzen sich dann nicht wenigstens die Mädchen auf die Berater am Pflegestand?

Es gibt objektive Gründe, einen Beruf gar nicht erst in Betracht zu ziehen. Wer partout nicht früh aus dem Bett kommt, wird kein Bäcker. Wer nicht schwindelfrei ist, sortiert den Dachdecker und den Schornsteinfeger automatisch aus. Was spricht gegen die Pflege?

Man verdient da nichts. Das hört man immer wieder. Stimmt aber nicht, nicht mehr. Seit 2010 gibt es auch in dieser Branche einen Mindestlohn, der liegt ab 2019 bei 11,05 Euro (Ost: 10,55 Euro). Das ist nicht viel Geld, doch die Tarifgehälter von Pflegefachkräften liegen deutlich darüber. Vollzeitbeschäftigte Fachkräfte in der Krankenpflege verdienten 2016 im Schnitt 3239 Euro Brutto – über 100 Euro mehr als der deutsche Durchschnittsbeschäftigte. Weniger verdienen dagegen Fachkräfte in der Altenpflege. Sie bekamen 2016 nur durchschnittlich 2621 Euro brutto.

Die weit verbreitete Fehlinformation über die Verdienstmöglichkeiten in der Pflege hat mit einem Faktor zu tun, der ebenso wirkmächtig wie schwer beeinflussbar ist und der auch das Verhalten unserer Jugendlichen bestimmt: mit dem Image der Pflege. Und dieses Image ist miserabel.

Das Image der Pflege ist miserabel

Das hat nur zum Teil damit zu tun, dass wir hier über einen typischen Frauenberuf reden. Dazu kommt, dass in diesem Beruf zwei Motive aufeinanderprallen, die vollkommen gegensätzlich erscheinen, ja die sich womöglich gegenseitig ausschließen.

Historisch ist die Pflege ein Werk der Nächstenliebe.Das Idealbild der deutschen Krankenschwester leitete sich traditionell von der christlichen Ordensschwester her, die für Gottes Lohn arbeitet. Spätestens in den 1990-er Jahren verschwanden die letzten Ordensschwestern aus den meisten Krankenhäusern. Sie wurden durch Pflegepersonal ersetzt, das für einen „Liebesdienst“ schnöden Mammon verlangte: angemessenen Lohn, anständige Versicherungen, eine gute Rente. Aus christlicher „Karitas“ wurde Kommerz – und in diesem Prozess knirschte – und knirscht es heute noch – gewaltig.

Die verschwommene Motivlage erzeugt ein unklares, widersprüchliches Image – den Schrecken jeglichen Marketings. Professionelle Pflege war von Anbeginn irgendwie weiblich, erwuchs irgendwie der Liebe zum Menschen und zu Gott, war irgendwie bescheiden und dienend. Und wollte zugleich Geld. Dazu kommt, dass die Pflegekraft in einem Bereich arbeitet, von dem alle, die nicht betroffen sind, auch gar nichts Genaueres wissen wollen. Lebensphasen der Unselbstständigkeit, in denen wir auf fremde Hilfe angewiesen sind, stellen eines der letzten großen gesellschaftlichen Tabus dar.

Fassen wir zusammen: Pflege ist weiblich, unklar motiviert und tabu.

Und genau hier wird es für eine gesellschaftliche Institution interessant, die sehr viel mit Image, Stellenwert und sozialer Wertschätzung zu tun hat: mit den Medien. Die demokratische Zentralaufgabe der Medien ist die Wächterfunktion. Ihr Hauptnahrungsmittel aber ist der Skandal. Und wo wächst der der Skandal am besten? In der Nähe des Tabus!

Die Pflege ist für die Medien ein idealer Themenkomplex. Stöbert man ein wenig in den Zeitungsarchiven, findet man zum Stichwort „Pflege“ typischerweise Zeitungstexte über Minutenpflege, Pflegebatterie, Pflegemafia, „Pflegefall Pflege“, Pflege und Folter. Die gängigen Zeitungsüberschriften lauten: „Wenn Pillen die Pflege ersetzen“,„Antifolterstelle soll Altenpflege prüfen“, „Pflege wird zur Tortur“. Alles dreht sich um Pflege-Schande, Pflege im Akkord, Verhungert im Pflegeheim. Gewalt reimt sich auf alt, Pflege auf Schläge.

Doch daneben existiert ein weiteres, das Image des Berufs vermutlich noch gründlicher herabziehendes Schlagwort, das vom Ursprungsbegriff „Pflege“ heute kaum mehr zu trennen ist: der „Pflegenotstand“. Der Pflegenotstand ist inzwischen über 50 Jahre alt.

Der Pflegenotstand ist inzwischen über 50 Jahre alt

In den 1960ern kam es in deutschen Krankenhäusern erstmals zu massiven Personalproblemen. Es war die Zeit, als man versuchte, den Mangel mit der Anwerbung koreanischer und philippinischer „Gastarbeiterinnen“ zu kompensieren. Damals wurde er erstmals ausgerufen, der Notstand. Seitdem tauchte er immer wieder auf. Im Zeitungsarchiv von Gruner + Jahr findet man unter dem Stichwort „Pflegenotstand“ allein in den letzten zwei Jahren 616 Artikel. Und in den vergangenen 30 Jahren führten 127 Beiträge den Pflegenotstand sogar in der Überschrift.

Das Seufzen, Jammern, Klagen oder Schimpfen über den allumfassenden Pflegenotstand verbindet das Pflegepersonal mit Taxifahrern, Bauern, Lehrern und Apothekern: Jedes Gespräch wird binnen Minuten zum Jammern. Die Stichwörter lauten: „Pflege am Limit! Belastungsgrenze erreicht!“Branchenvertreter können es sich auch noch leichter machen und stattdessen bei Amazon für 12,90 Euro ein T-Shirt mit dem Aufdruck kaufen: Kranke Schwester!

Die Lage ist ernst, aber auch paradox. Einerseits: Ja,es gibt sie, die objektiven Probleme der Branche – Personalmangel, kaum kalkulierbare Arbeitszeiten und Freizeit, Wochenend- und Nachtdienste. Es gibt einen auffallend hohen Krankenstand, fatalerweise verknüpft mit einem schlechten Gewissen gegenüber den Kollegen, die den Ausfall kompensieren müssen. Zudem sind die Aufstiegsmöglichkeiten sehr beschränkt. Eine Konsequenz, welche die Verhältnisse nicht schöner macht: Die Verweildauer im Beruf liegt bei den Altenpflegern bei 8,4 Jahren; in der Krankenpflege hält man es im Durchschnitt sogar nur 7,5 Jahre lang aus.

Andererseits: Das aus objektiven Gründen mäßige Image der Pflege wird zusätzlich beschädigt durch selbstgemachtes Schlechtreden.

Zum Glück gibt es genügend Beispiele dafür, wie man aus der Misere Schlüsse zieht und dazu auch noch dem Image aufhilft. Die großen Demonstrationen der letzten Jahre gegen den Pflegenotstand waren das Gegenteil von Jammern. Das Personal in den Pflegeberufen zeigte seine (potenzielle) Macht. Und selbst die umstrittenen Streiks an den Krankenhäusern in Essen und Düsseldorf wurden öffentlich meist als das wahrgenommen, was sie waren: als starkes und erfolgreiches Eintreten für bessere Arbeitsbedingungen an den Kliniken.

Ob solche Signale bei den Jugendlichen ankommen? Was sicher nicht hilft, ist falsche Anbiederung. Wenn die Bundesfamilienministerin Franziska Giffey eine Ausbildungs- und Informationsoffensive für mehr Interesse an der Pflegeausbildung plant und in dem Zusammenhang fordert: „Es muss cool sein, Pflegefachkraft zu sein“ – dann ist das nicht nur peinlich. Es ist verkehrt.

Moderne Pflege verbindet Empathie mit Wissen

Vielleicht wäre stattdessen dies ein gutes Image der Pflege, mit dem man auch bei den Jugendlichen am Stand auf dem Arbeitsmarkt punkten könnte: Wir arbeiten wie alle anderen. Das Geld stimmt. Der Arbeitsplatz ist sicher. Wir setzen uns kraftvoll für bessere Arbeitsbedingungen ein.

Und die Sache mit den Karrieremöglichkeiten und der Akademisierung wird auch ziemlich sicher immer besser. Denn moderne Pflege verbindet Empathie mit Wissen. Genau dieser Zusammenhang macht Pflege auch für Jungen interessant; die können nämlich ebenso so gut pflegen wie Mädchen.

Cool? Die Arbeit mit dem Menschen ist alles andere als cool. Sie ist vielmehr befriedigend, kann sich ausgesprochen sinnvoll anfühlen, macht oft auch Spaß – und ist zunehmend wissenschaftlich-technisch herausfordernd. Ein Job für Profis!

Auszug aus Pflegemanagement"

Bild: © AdobeStock/Salome


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