Smart Hospital und Nachhaltigkeit

JOCHEN A. WERNERACHIM STRUCHHOLZ UND ANJA GEUTING

Der Schutz der Umwelt und des Klimas wird für die heutige und die kommenden Generationen die zentrale Herausforderung werden, um die Lebensgrundlagen auf der Erde zu erhalten. Die Ergebnisse der zahlreichen Klimakonferenzen, die politischen Interessen, aber auch die Komplexität des Themas haben bislang vor allem eines deutlich gemacht: Eine universelle, durchgreifende Lösung wird es nicht geben. Stattdessen kann nur eine Vielzahl von einzelnen Initiativen und konkreten Handlungen auf staatlicher und wirtschaftlicher Ebene dafür sorgen, in ihrer Gesamtheit die Umwelt spürbar und nachhaltig zu entlasten. Nur die Summe zahlreicher Anstrengungen, nicht eine Einzelmaßnahme wird zum Erfolg führen. Insofern sind alle relevanten Akteure aufgerufen, nicht nur auf andere zu verweisen, sondern ihren eigenen Beitrag zum Schutz der Umwelt zu leisten, auch wenn er in der Gesamtkonstellation zunächst gering erscheinen mag.

Der Pariser Beschluss zum Klimaschutzabkommen, der ein deutliches Signal zur grundlegenden Veränderung und einem Wirtschaften zur Berücksichtigung der natürlichen Grenzen unserer Erde setzt, betrifft selbstverständlich auch das Gesundheitssystem, das in vielen Industrienationen, so auch in Deutschland, die Branche mit der größten Bruttowertschöpfung ist und damit in der Verantwortung steht. Genau an diesem Punkt besteht ein zentrales Dilemma. Denn im Fünften Buch der Sozialgesetzgebung (SGB V), das in Deutschland alle Bestimmungen zur gesetzlichen Krankenversicherung zusammenfasst, kommt der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen und der nachhaltigen Ressourcennutzung nicht explizit vor. Lediglich haben Krankenkassen, Leistungserbringer und Versicherte darauf zu achten, dass die Leistungen wirksam und wirtschaftlich erbracht und nur im notwendigen Umfang in Anspruch genommen werden (§ 2 Absatz 4 SGB V). Ebenso müssen die Leistungen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein; sie dürfen das Maß des Notwendigen nicht überschreiten (§ 12 Absatz 1 SGB V). Alle diese Regelungen sind aber weniger vom Gedanken an den Umweltschutz als vielmehr vom Grundsatz der Wirtschaftlichkeit geprägt. Auch das Wesen der Medizin an sich ist traditionell nicht vom Umweltschutz bestimmt, sondern davon, unter hohem Ressourceneinsatz Menschen zu helfen, Leben zu retten und Krankheiten zu heilen. Jede Intensivstation ist dafür ein einprägsames Beispiel. Diese Kernaufgabe der Medizin steht also nicht zur Disposition.

Die heutigen modernen Kliniken sind Einrichtungen mit hohem Technisierungsgrad. Eine Hochleistungsmedizin bildet sich aus einer Synergie aus bestmöglichen Leistungen des medizinischen Personals und dem Einsatzvon hochleistungsstarken Techniken. Einrichtungen der Grundversorgung und hochspezialisierte medizinische Zentren, die ganzjährig für eine gesicherte Patientenbehandlung zur Verfügung stehen müssen und damit im 24-Stunden-Betrieb einen Energiebedarf aufweisen, gelten damit als ressourcenintensivste Verbraucher.

Eine patientenorientierte Spitzenmedizin geht daher grundsätzlich mit einem hohen Energieverbrauch einher, dennoch ist das Einsparpotenzial der Kliniken hoch. Zu den größten derzeitigen Herausforderungen gehört die Aufrechterhaltung des Gesundheitssystems indessen Zusammenhang das Schlagwort Kostenreduzierung mit negativer Konnotation behaftet ist. Deshalb ist der immense Energieverbrauch für Krankenhäuser aufgrund der dadurch hohen entstehenden Kosten lange kein Randthema mehr. In Deutschland zählen Krankenhäuser in der Branche Handel, Dienstleistung und Gewerbe zu den sechst-größten Energieverbrauchern. Als bildhafter Vergleich entspricht der Energieverbrauch eines Krankenhauses auf das einzelne Krankenhausbett umgelegt im Durchschnitt dem von bis zur vier Einfamilienhäusern.

Kliniken mit ihren Mitarbeitenden als elementarer Bestandteil der Gesellschaft haben die Aufgabe, im Rahmen ihres Auftrags so ressourcen- und klimaschonend wie möglich zu arbeiten ohne die Qualität der medizinischen Versorgung zu gefährden. Dazu gehören betriebliche Nachhaltigkeitskonzepte, vor allem mit den Schwerpunkten Energie- und Wasserverbrauch sowie Abfallreduzierung. Viele Kliniken wurden in den 60er- bis 80er-Jahren erbaut – Investitionen in moderne Anlagentechnik, eine effektive Wärmedämmung sowie sparsamer Wasserverbrauch führen unmittelbar zu einer verbesserten Energiebilanz und damit auch zu verringerten Kosten. Gleiches gilt für ein professionelles Abfallmanagement, obwohl hier insbesondere Hygienevorschriften einen engen Rahmen setzen. 

Gäbe es keinen Investitionsstau bei der Sanierung von Gebäuden und der Modernisierung von technischen Anlagen, wie Investitionen in energiesparende Pumpen und Lüftungsanlagen oder Photovoltaikanlagen, so könnten nach Angaben des Bundes für Umwelt und Naturschutz in Deutschland rund 6 Millionen Tonnen des klimaschädlichen Kohlenstoffdioxids (CO2) vermieden werden. Für einen Vergleich der Größenordnung: Die jährlichen pro-Kopf-CO2-Emissionen liegen bei rund 8,6 Tonnen in Deutschland (Statista 2020). Deshalb liegt der Fokus auf nicht- und geringinvestiven Einspar-maßnahmen und Anschaffungen von Technologien mit geringer Amortisationszeit. Eine Hochleistungsmedizin kann demnach unter dem Einsatz neuster Methoden und Maschinen auch klimafreundlich betrieben werden.

Zudem – und womöglich noch vielversprechender – gehören dazu systemische Ansätze, wie es die Universitätsmedizin Essen seit 2015 mit der Umsetzung des Smart Hospitals verfolgt. Kernpunkt des auf den Menschen fokussierten Smart Hospitals ist die Idee einer informationsoffenen, digitalisierten Steuerungsplattform im Herzen des Gesundheitssystems. Nicht zu unterschätzen ist die Energiebilanz von Digitaltechnologien. Mittlerweile sind digitale Technologien für 3,7% der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich. Das Krankenhaus der Zukunft arbeitet aber nicht nur menschenorientierter, sondern in der Summe auch deutlich effizienter als bislang. Diese Effizienzsteigerung ist verbunden mit weniger Reibungsverlusten, optimierten Prozessen und damit einem deutlich schonenderen Umgang mit Ressourcen als heutzutage. Die Digitalisierung führt somit automatisch zu positiven Abstrahleffekten zugunsten der Umwelt.

Konkret lassen sich im Rahmen des Smart Hospitals folgende Handlungsfelder für eine sowohl ökologische als auch ökonomische Nachhaltigkeit erkennen:

Energiemanagement: Hinter dem Austausch älterer Geräte gegen neue effizientere Technologien verbirgt sich ein enormes CO2-Einsparpotenzial,welches allerdings häufig nur mit sehr hohen investiven Mitteln zu erreichen ist. Gering-investive Maßnahmen können sich aus Strukturanalysen ergeben um Energie und Kosten sparen zu können. Einfache Beispiele sind, dass durch 1°Celsius weniger Raumwärme 6%der Heizenergie gespart werden oder der Einsatz von Präsenzmeldern die benötigte Energie für Lichtquellen, in nicht-häufig frequentierten Bereichen, reduziert. Das Smart Hospital wird durch optimierte Diagnose- und Therapieprozesse, etwa die Vermeidung von Doppeluntersuchungen, den Energieverbrauch reduzieren. 

Beschaffung und Ressourcenverbrauch: Insbesondere im Krankenhauswesen sind Einwegprodukte aufgrund hygienischer Vorschriften teilweise nicht wegzudenken. Die kritische Betrachtung der Mehrfachnutzung von Einmalprodukten durch eine sterile Wiederaufbereitung liegt im Spannungsfeld zwischen dem Anspruch der Patientensicherheit, des Kostendrucks und der defizitären Bedeutung für die Umwelt. Ein digital unterstütztes Einkaufsmanagement ermöglicht einen passgenaueren Einsatz von Ressourcen. Die Beschaffung von umweltfreundlichen Baumaterialien sowie die Einsparung von Papier durch weitgehenden Verzicht auf papiergebundene Dokumentation durch die elektronische Patientenakte tragen zur ökologischen Nachhaltigkeit bei. 

Speisenversorgung: Pro Sekunde landen in Deutschland – ob auf dem Feld, im Einzelhandel, in Kantinen oder beim Verbraucher – 313 kg genießbare Lebensmittel in der Mülltonne. Eine per App gesteuerte Menüwahl der Patienten ermöglicht eine passgenauere Steuerung der Essenspläne, um unnötige Lebensmittelabfälle zu reduzieren. Zur Klimaneutralität gehört die Verwendung von Lebensmitteln aus der Region. 

Abfallwirtschaft: Krankenhäuser sind der fünftgrößte Müllproduzent in Deutschland. In einem Krankenhaus der Maximalversorgung belaufen sich die Kosten für die Entsorgung der Abfallaufkommen auf 800€ pro Jahr je Krankenhausbett. Um das Potenzial einer ökologisch-nachhaltigen Abfallwirtschaft auszuschöpfen, werden digital unterstützte Abfallmanagementsysteme eingesetzt. 

Mobilität und Logistik: Eine Untersuchung in England zeigte, dass 57% der Treibhausgasemission im englischen Gesundheitssektor in der Lieferkette entstehen. Im gesamten Verkehrsbereich in Deutschland verharren die Treibhausgasemissionen seit 1990 auf sehr hohem Niveau. 2017 wurden 186 Millionen Tonnen CO2 ausgestoßen. Im Bereich der Mobilität ist ein Ausbau der Infrastruktur für die E-Mobilität mit E-Autos und E-Ladestationen relevant. Krankenhäuser gehören mitunter zu den großen Arbeitgebern einer Stadt und bezwecken mit Anreizsystemen für die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel oder die Nutzung von Fahrrädern mit beispielsweise Leasing-Angeboten sowie das Angebot eines Homeoffice-Arbeitsplatzes hohe Ersparnisse der CO2-Äquivalente. Auch Verbesserungen in der klinikinternen Logistik durch ein digitales Geräte- und Bettenmanagement, das algorithmengestützt eine optimierte Ausnut-zung des medizinischen Geräteparks ermöglicht und eine optimierte Verkehrslogistik auf dem Klinikgelände durch eine App-gesteuerte Besucherführung sowie damit verbunden eine professionelle Betreuung von Patienten und Angehörigen durch ein digitales Service- und Informationscenter tragen dazu bei.

Ein weiterer Blick in die nahe Zukunft eröffnet ungeahnte Möglichkeiten: Der mittelfristige Einsatz von Scanprogrammen, durch welche Mitarbeitende verschiedener Funktionsbereiche als personalisierte Avatare dargestellt und zur Kommunikation im virtuellen Raum befähigt werden, erspart Patienten neben belastenden Wartezeiten vor allem die CO2-relevante Anfahrt; zudem können Spezialisten auch aus der Entfernung eingebunden werden. 

Nutzerverhalten: Die Motivation der Mitarbeitenden ist nicht nur für die wirtschaftliche Bilanz, sondern auch für den betrieblichen Umweltschutz wesentlich. Hier gilt der Grundsatz: Motiviert ist nur, wer auch informiert ist. Das Wissen und das Bewusstsein für ökologische Zusammenhänge und konkrete Verbesserungsvorschläge sind die Grundvoraussetzung dafür, dass Mitarbeitende ökologisch handeln und routinierte Abläufe im Alltag verändern. Dazu gehören einfachste Verhaltensweisen wie das Licht bei Verlassen des Büros auszuschalten, Computer herunterzufahren und nicht ganztägig bei offenem Fenster im Büro zu heizen. Schätzungen zufolge können im Nutzerverhalten 30% der aufgebrachten Energie eingespart werden.

Vor einigen Jahren standen Energiesparmaßnahmen hinter dem Hauptargument der Kostenreduktion, welches in puncto Nutzerverhalten aufgrund von teilweise fehlendem oder gleichgültigem Kostenbewusstsein der Mitarbeitenden im Unternehmen geringen Zupruch findet. Die Fridays-for-Future Bewegung und weitere Initiativen bezwecken mittlerweile eine höhere Reichweite für bewusstes klimafreundlicheres Verbraucherverhalten. Die soziale Ökologie beschäftigt sich mit den Möglichkeiten eines gesellschaftlichen Wandels einer nachhaltigen Entwicklung, der sogenannten „Sustainability Transition“, um einen unnötigen Energiebedarf zu vermeiden und damit den ökologischen Fußabdruck eines Krankenhauses deutlich zu verringern. Umwelt, Qualität und Effizienz stehen dabei in der medizinischen Versorgung im Einklang.

Die positiven Effekte auf die Umwelt durch die Umsetzung des Smart Hospitals stehen noch am Anfang. Diese Effizienzsteigerungen im Rahmen des Smart Hospitals können und sollen auch nicht-konventionelle Maßnahmen wie die Dämmung von Gebäuden, Investitionen in moderne Heizungsanlagen und vieles mehr ersetzen. Aber getreu der These, dass wirksamer Umweltschutz immer die Summe zahlreicher Einzelmaßnahmen bedeutet, wird das Smart Hospital allein durch seine digitalisierten, optimierten Prozesse dazu beitragen, positive ökologische Effekte zu erzielen – auch wenn die optimierte Versorgung der Patienten ohne Ressourcenlimitierung immer im Vordergrund stehen wird, gerade bei einem Haus der Supramaximalversorgung.

Außerdem stellt sich die Frage, ob anstelle einer nachhaltigen Medizin eine nachhaltige Gesundheit vordergründig zu thematisieren ist. Teilweise hat sich das medizinische Denken in der Täuschung verirrt, dass Gesundheit nur durch die Bekämpfung von Krankheiten entsteht.

Das Smart Hospital erschließt neue Möglichkeiten für eine nachhaltige Medizin und eine nachhaltige Gesundheit. Die Universitätsmedizin Essen hat das Thema identifiziert und wird den ökologischen Aspekten künftig einen nochmals gesteigerten Wert einräumen. Denn auch der Effekt der Umweltschonung reiht sich in die Grundkonzeption des Smart Hospitals ein: Den Menschen zu helfen und ihr Wohlergehen in den Mittelpunkt aller Anstrengungen zu stellen. Smart Hospital bedeutet auch Green Hospital– und das steht nicht nur für Energiesparen und eine nachhaltige Ressourcennutzung. Mit einem gesamten Konzept zur Nachhaltigkeit sollen Mitarbeitende gesund bleiben und Patienten gesund werden.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Werk Smart Hospital, herausgegeben von Jochen A. Werner | Michael Forsting | Thorsten Kaatze | Andrea Schmidt-Rumposch.


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