MWV OPEN TEXT: Die Entstehung von Vivantes

Vivantes – Die Entstehung des größten kommunalen Krankenhauskonzerns in Deutschland

ANDREA GREBE UND KRISTINA TSCHNENETT

Wirtschaftlich betrachtet ist Vivantes bei seiner Gründung im Jahr 2001 so etwas wie ein „Intensivpatient“: Ein heiß umstrittener Zusammenschlussaus neun sanierungsbedürftigen städtischen und bezirklichen Krankenhäusern und einem Sozialzentrum mit mittelmäßigen Überlebenschancen. Heute – 15 Jahre später – ist Vivantes der größte kommunale Krankenhauskonzernmit rund 15.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, wirtschaftlich stabil und mitwachsenden Patientenzahlen. Wie kam es zu dieser Entwicklung? Berlin gilt nach der Wiedervereinigung mit 70 Krankenhäusern als überversorgt, es gibt zu viele Betten und die Kosten pro Krankheitsfallliegen deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Mitte der 90er-Jahre nimmt der Druck auf die Berliner Krankenhäuser zu. 1998 erstellt dasKieler Institut für Gesundheits-System-Forschung im Auftrag der Krankenkassen und desBerliner Senats ein Gutachten, das radikale Maßnahmen empfiehlt: sieben Kliniken schließen und die städtischen Häuser privatisieren.

Deutschlands größter kommunaler Klinikkonzern wird aus der Taufe gehoben

Die Landespolitik entscheidet sich nach hitzigen Debatten für einen Kompromiss. Das Krankenhaus Moabit wird trotz starker Proteste geschlossen. Für neun Krankenhäuser wird der Beschluss gefasst, sie zu einer Gesellschaft in Form einer GmbH zusammenzuführen – mit dem Land Berlin als einzigem Gesellschafter. Also eine formalrechtliche Privatisierung, aber mit öffentlichem Eigentümer. Am 30. November 2000 beschließt das Berliner Abgeordnetenhaus das Gesetz zur Gründung des größten kommunalen Krankenhauskonzerns. Zunächst unter dem Namen NET-GE Kliniken, dann als Vivantes Netzwerk für Gesundheit GmbH werden folgende neun Häuser zu einem Konzern fusioniert:

  • Klinikum Am Urban
  • Auguste-Viktoria-Klinikum
  • Klinikum im Friedrichshain
  • Klinikum Hellersdorf (heute wieder Klinikum Kaulsdorf)
  • Klinikum Neukölln
  • Klinikum Prenzlauer Berg
  • Humboldt-Klinikum
  • Klinikum Spandau
  • Wenckebach-Klinikum

Dazu kommt das bereits als GmbH geführte Max-Bürger-Zentrum. Zum 1. Januar 2001 nimmt die Vivantes Netzwerk für Gesundheit GmbH ihre Geschäfte auf.

Auf die Diagnose folgt die Therapie: Die Gründung des Klinikkonzerns stellt den Auftakt zu einer schmerzhaften aber notwendigen Sanierung der Strukturen dar. Zehn Finanz‑, Bau und Personalabteilungen müssen in der neuen Konzernstruktur „unter einen Hut“ gebracht werden. Vivantes schließt mit dem damaligen Gesamtbetriebsrat und den örtlichen Betriebsräten eine Rahmenbetriebsvereinbarung, um die anstehenden schwierigen Aufgaben bewältigen zu können. Das betrifft beispielsweise Verfahren bei Betriebsänderungen, bei Gründung von Tochtergesellschaften oder Personalgestellung. Das Max-Bürger-Zentrum wird geschlossen, Stationen werden geschlossen, die Zahl der Beschäftigten wird innerhalb weniger Jahre um 4.000 reduziert. Ab 2002 werden Tochtergesellschaften gegründet, um die Versorgungsinfrastruktur effizienter und kostengünstiger zu gestalten, so z.B. die Speiseversorgung und ‑logistik GmbH, die Textilservice und ‑logistik GmbH oder die Vivantes Rehabilitationen GmbH.

Trotz aller Maßnahmen sind die Belastungen durch die geerbten Altschulden vom Unternehmen nicht zu verkraften. Zu Beginn des Jahres 2004 steht Vivantes vor der Insolvenz. Ein neues Sanierungskonzept ist nötig, wenn der Klinikkonzern nicht dauerhaft am Tropf des Landes hängen soll. Das Land Berlin übernimmt schließlich nach intensiven Verhandlungen die Altschulden des Unternehmens. Auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeitertragen zur Konsolidierung maßgeblich bei. In einem Sanierungstarifvertrag, dem „TV Zukunft“, verzichten die Beschäftigten in den folgenden Jahren auf Gehaltssteigerungen sowie Weihnachts- und Urlaubsgeld, im Gegenzug wird der Schutz vor betriebsbedingten Kündigungen verlängert. Mit diesen „Reha-Maßnahmen“ kommt das Unternehmen auf die Beine.

Seit 2004 weist Vivantes ein positives Jahresergebnis aus. In den Folgejahren werden die Standorte strategisch weiterentwickelt, die medizinischen Profile geschärft. Pflegeeinrichtungen der Vivantes Tochter Forum für Senioren GmbH sowie Medizinische Versorgungszentren (MVZ) kommen hinzu. 2010 wird gemeinsam mit der Charité eine weitere Tochter für Labordienstleistungen gegründet. Zwei Jahre später eröffnet Vivantes ein Hospiz auf dem Gelände des Wenckebach-Klinikums, und übernimmt 2013 noch das Ida-Wolff-Krankenhaus von der Berliner Arbeiterwohlfahrt. Dies bestätigt das Vertrauen in den eingeschlagenen Kurs und die Entwicklung des Unternehmens. Am 1. Januar 2014 kehrt Vivantes nach Auslaufen des Sanierungstarifvertrages zurück zum regulären TvöD.

Heute kann man sagen, dass die Geschichte von Vivantes eine Erfolgsgeschichte ist, vor allem aufgrund der hohen Qualität der Medizin und Pflege. Ein weiterer Indikator sind die Wirtschaftskennzahlen: Zum Unternehmen gehören heute u.a. neun Krankenhäuser, fünfzehn Senioreneinrichtungen, ein Dutzend Töchter. Die Zahl der Patientinnen und Patienten ist auf rund eine halbe Million jährlich angewachsen. Der Umsatz beträgt inzwischen gut 1 Milliarde Euro, das Jahresergebnis liegt seit 2004 nachhaltig und dauerhaft im positiven Bereich. Das ist auch deshalb so bemerkenswert, weil viele kommunale Krankenhäuser in Deutschland dieses Ziel verfehlen.

Vivantes Leitbild: Gute Medizin und Pflege für Berlin

Lange bevor Vivantes als Unternehmen sich dieses Leitbild gewählt hat, haben die Krankenhäuser, die jetzt zum Unternehmen gehören, bereits danach gestrebt: Gute Medizin und Pflege für Berlin! Zu den hohen Ansprüchen der einzelnen Krankenhäuser an qualitativ gute Versorgung der Berliner Bevölkerung kommt heute die Stärke des Netzwerkes dazu. Vivantes versorgt insgesamt rund ein Drittel der stationären Patientinnen und Patienten in Berlin und etwa die Hälfte der Menschen, die stationär psychiatrisch behandelt werden müssen. Das Unternehmen ist damit trotz seiner „Jugend“ eine tragende Säule der Gesundheitsversorgungdieser Stadt und sieht sich auch für alle zukünftigen Herausforderungen gut gerüstet.

Auszug aus "Geschichte der Berliner Krankenhäuser"


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