OPEN TEXT: MeToo-Debatte

NAHLAH SAIMEH

Die MeToo-Debatte hat das Thema „Sexuelle Gewalt“ von der sozialen Randständigkeit mitten in das gesellschaftliche Rampenlicht befördert. Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung geschehen in jeder sozialen Schicht und in allen sozio-ökonomischen Verhältnissen. Die dysfunktionalen Umgangsweisen mit diesem Problem unterscheiden sich in all jenen gesellschaftlichen Gruppen ebenfalls nicht sonderlich voneinander.

In kirchlichen Institutionen sind weltweit in den letzten Jahren sexuelle Missbrauchsdelikte an Kindern und Jugendlichen offenbar geworden. Sie wurden gedeckt, ignoriert, bagatellisiert – über Jahrzehnte hinweg. Aus Hollywood als Welt der „Schönen, Reichen und Erfolgreichen“, als Welt der „Mächtigen und Einflussreichen“ kamen Vorwürfe ans Tageslicht, die eigentlich aus der Zeit gefallen zu sein schienen. Mindestens so irritierend wie die Zahl der sich äußernden Frauen, die offerierten, für ihre Karriere sexuelle Übergriffe stillschweigend geduldet zu haben, ist doch letztlich auch die Folgereaktion auf die Kampagne selbst. Plötzlich wussten es alle und jeder, plötzlich war jedem bekannt, dass Einladungen in eine Hotelsuite zum geschäftlichen Gespräch nur das Präludium zu anderen Performances waren.

Fortwährender gesellschaftlicher Irrtum: Sexualität ist männlich 

Man darf sich fragen, wie es sich mit dem System der Mitwisser und Dulder verhält. Dass das überhaupt möglich ist, verweist auf nach wie vor tief liegende Grundüberzeugungen zur menschlichen Sexualität: Sie ist männlich – und die Frau, die hoch hinaus will, soll sich nicht so anstellen und ein bisschen nett sein. Sexualdelikte wird es immer geben, je nach gesellschaftlichem Entwicklungsstand weniger und seltener, aber grundsätzlich ist ein soziales Scheitern auf dem Gebiet der Sexualität dem Menschen zu eigen. Es ist aber erforderlich, den gesellschaftlichen Hintergrund für Machtsysteme auf dem Gebiet der Sexualität kritisch zu hinterfragen.

Die Kehrseite dieser Medaille ist nicht minder dunkel: Wer einen Mann des sexuellen Übergriffs anzeigt, bewirkt seinen sozialen, ökonomischen und zivilen Tod. Zu wenig beachtet ist das Thema der Fehlbezichtigung von Männern wegen sexueller Übergriffe. So wenig eine Sexualstraftat ein Kavaliersdelikt ist, so wenig ist die Fehlanschuldigung eines.

MeToo-TäterIn häufig kein Fall für die Forensische Psychiatrie

Die Diskussion zeigt aber auch: sexuelle Gewalt ist kein Primat der Forensischen Psychiatrie. Im Gegenteil: die meisten Personen, die wegen sexueller Übergriffe strafrechtlich sanktioniert worden sind, kommen nicht in die Forensische Psychiatrie. Sie erhalten eine Haftstrafe, fakultativ die Möglichkeit zur Kriminaltherapie und sie werden in den allermeisten Fällen nach dem Verbüßen einer zeitlich befristeten Haftstrafe wieder in die Gesellschaft reintegriert.

Die Forensische Psychiatrie bewegt sich auf diesem Gebiet in der Schnittmenge zwischen Gesellschaftswissenschaften und Sexualmedizin. Ihr kommt die stets aufs Neue herausfordernde Aufgabe zu, Menschen mit der gebotenen Sachlichkeit und Professionalität zu behandeln, das Risiko für (sexuelle) Gewaltstraftaten einzuschätzen, das Risikomanagement zu strukturieren und nicht zuletzt auch den fachlichen Diskurs bis in die gesellschaftspolitische Mitte hinein zu prägen.

Auszug aus „Destruktive Sexualität"


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