Gründerin Katharina Jünger im Interview

Bitte fasse kurz deinen bisherigen beruflichen Werdegang zusammen. Du hast dein jetziges Start-up (mit )gegründet – wie sieht euer Businessmodell aus? Was macht ihr anders als bestehende Lösungen? Welche Rolle hast du?

Nach meinem Studium der europäischen Rechtswissenschaften an der Humboldt European Law School habe ich einen Bachelor in Technologiemanagement am Center for Digital Technology and Management gemacht. Die Idee, jedem Menschen einfachen Zugang zu Gesundheit zu ermöglichen, hatte ich schon während dem Studium. Mithilfe von Prof. Dr. med. Reinhard Meiers medizinischen Kenntnissen und Patrick Palacins technischer Expertise haben wir drei 2015 die Idee des Online-Arztbesuches in die Tat umgesetzt und TeleClinic gegründet.

TeleClinic ist die führende Telemedizin-Plattform in Deutschland. Der Patient hat die Möglichkeit 24/7, von überall aus mit einem mit einem TeleClinic Arzt aus unserem deutschlandweiten Netzwerk zu sprechen und so die beste und schnellste Behandlung zu erhalten. Die Kontaktaufnahme erfolgt dabei über einen Fragebogen zur Terminvereinbarung oder ein Gesprächmit einer unserer telemedizinischen Assistenten. Diese vereinbaren den Rückruftermin eines TeleClinic Arztes, welcher für den medizinischen Fall qualifiziert ist.

Nach einer ausführlichen Behandlung kann der TeleClinic Arzt dem Patienten ein digitales Rezept oder eine eArbeitsunfähigkeitsbescheinigung direkt in der App ausstellen. Der Arztbesuch kann damit für bestimmte Use Cases vollkommen von zu Hause aus stattfinden. Lange Wartezeiten in überfüllten Wartezimmern und Anfahrtswege entfallen. Die notwendigen Medikamente kann der Patient im Anschluss an das Arztgespräch in der Partner-Apotheke vor Ort oder über die Partner-Versandapotheke einlösen. Um möglichst vielen Patienten den Arztbesuch bei TeleClinic zu erstatten, arbeitet TeleClinic eng mit Versicherungen zusammen. Dadurch wird für alle privat versicherten Patienten der TeleClinic-Arztbesuch von ihrer Versicherung übernommen. Im Bereich der gesetzlichen Krankenversicherung sind ebenfalls erste Kooperationen geschlossen worden. Als deutscher Pionier der Telemedizin ermöglicht TeleClinic-Patienten einen einfachen, digitalen Zugang zu Gesundheit.

Als CEO und Co-Founder setze ich mich täglich dafür ein, noch mehr Menschen den digitalen Arztbesuch und somit eine bessere Gesundheitsversorgung zu ermöglichen. Durch meinen juristischen Hintergrund kann ich rechtliche Fragestellungen für das Unternehmen meistern. Ich behalte den Überblick über die Veränderungen im Markt. Durch Lobbyarbeit versuche ich die Durchsetzung der Digitalisierung in einem Gesundheitsmarkt mit regulatorischen Hürden und Vorschriften voranzubringen. Außerdem gewinne ich im Bereich der privaten Krankenversicherungen neue Kooperationspartner für das Unternehmen hinzu, um noch mehr Menschen den Zugang zu TeleClinic erstattungsfähig zu machen.

(Update) Wie reagiert dein Unternehmen auf die aktuelle Corona-Pandemie?

Mit dem Ausbruch der Corona-Krise war mir schnell klar, dass wir als Teil des deutschen Gesundheitssystems hier ebenfalls beitragen können und wollen. Die Vorteile der Telemedizin liegen bei einer solchen Infektionserkrankung ja klar auf der Hand: Die Videosprechstunde ermöglicht es, qualifiziert Patient*innen zu helfen, ohne dass sie sich und andere weiterer Ansteckungsgefahr aussetzen. Wir bieten also bereits seit Mitte Februar kostenfreie Sprechstunden an. Die Menschen haben das Angebot mit großer Dankbarkeit angenommen, denn natürlich sorgt man sich um die eigene Gesundheit und die der Liebsten, wenn so plötzlich und überraschend eine Ausnahmesituation wie durch Corona entsteht.

Wer hat dich im Leben bisher am meisten inspiriert? Weshalb?

Eine der größten Inspirationen und Vorbilder ist meine Mutter für mich. Sie arbeitet als Ärztin und Unternehmerin bis heute leidenschaftlich. Sie hat mir vorgelebt, wie erfüllend eine unternehmerische Tätigkeit ist. Den unternehmerischen Spirit habe ich wohl auch von ihr geerbt. Darüber hinaus sind Richard Branson und Warren Buffet meine Vorbilder. Auch sie gehen unbeirrt ihrer Leidenschaft nach. Gleichzeitig wirken sie auf mich trotz ihres Erfolges herzlich, bescheiden und hungrig. Alle drei haben die unglaubliche Lust am Arbeiten gemein. Sie lieben das, was sie tun und strahlen echte Freude an der Arbeit aus. Trotz ihres Erfolgs sind sie alle bodenständig geblieben. Diese Einstellung inspiriert mich und ich rufe sie mir täglich wieder in Erinnerung.

Alle drei haben die unglaubliche Lust am Arbeiten gemein. Sie lieben das, was sie tun und strahlen echte Freude an der Arbeit aus. Trotz ihres Erfolgs sind sie alle bodenständig geblieben. Diese Einstellung inspiriert mich und ich rufe sie mir täglich wieder in Erinnerung.

Was ist das Buch, was dich bisher am meisten geprägt hat? Weshalb?

Es gibt nicht das eine Buch was mich besonders geprägt hat. Mich haben verschiede Bücher in vielfältiger Art und Weise geprägt und mir neue Ideen mit auf den Weg gegeben. Zuletzt hat mich das Buch „Radical Candor“ inspiriert. Es geht darum, wie man eine gute Führungskraft in einem schnell wachsenden Tech-Unternehmen ist und wie man seine Mitarbeiter am besten fordert. Unter anderem wird thematisiert, wie man konstruktives Feedback gibt und ein kompetentes Team aufbaut, ohne seine Sympathie zu verlieren. Das Buch hat mir hinsichtlich dessen praktische Tipps mit auf den Weg gegeben, die ich selbst schon anwenden konnte.

Was ist deine Motivation, die Gesundheitsbranche verändern zu wollen? Gibt es Schlüsselerlebnisse, die deine Leidenschaft hierfür entfacht haben?

Ich wollte schon immer einen Beitrag zu einer echten Verbesserung für den Einzelnen und für die Gesellschaft als Ganzes leisten. Ich komme aus einer Familie voller Ärzte und war es schon immer gewohnt direkt Hilfe zu bekommen, wenn ich ein gesundheitliches Problem habe. Und diese Möglichkeit wollte ich auch anderen Menschen geben. Das ist das treibende Motiv für TeleClinic: Durch die Verknüpfung von Arzt und Patient hat der Patient schnelleren und einfacheren Zugang zum richtigen Arzt. Ärzte haben die Möglichkeit, flexibler und besser mit der Familie vereinbar ihre Expertise anzubieten. Gesamtgesellschaftlich werden wir durch Telemedizin sowohl die Qualität der Versorgung erhöhen als auch Kosten senken können.

Welchen Tipp würdest du einem CxO im Gesundheitswesen geben, der seine Position frisch angetreten hat? Welchen Ratschlag Dritter sollte sie/er am besten ignorieren?

Ich würde einem frisch angetretenen CxO im Gesundheitswesen den Tipp geben, sich möglichst schnell einen guten Überblick über das deutsche Gesundheitswesen zu verschaffen. Macht euch frühzeitig mit der Regulatorik vertraut, die in der Gesundheitsbranche herrscht.

Ein gutes Beispiel für die Herausforderungen im Markt ist die Erstattung von Lösungen und Produkten. Wenn die Lösungen, die ihr anbietet nicht zu den bestehenden Vergütungsregeln passen und auch die Patienten keine Zahlungsbereitschaft zeigen, funktioniert eure Unternehmen nicht. Wichtig ist daher für euch genau nachzuvollziehen, wie die Erstattung eurer Produkte/Eurer Services abläuft. Versucht nicht ganz neue Erstattungswege zu erfinden – dafür ist das Gesundheitswesen zu komplex – nehmt Schritt für Schritt kleine Änderungen vor.

Lasst euch nicht von Aussagen Dritter beirren, wie: „Das Gesundheitswesen ist zu konservativ. Da kannst du dich niemals durchsetzen.“ Lasst euch nicht den Mut an eurem Vorhaben nehmen, eure Idee in die Tat umzusetzen.

Das deutsche Gesundheitswesen bietet viel Potenzial für Veränderung, wichtig ist sich vorher mit dem komplexen System vertraut zu machen und schrittweise Veränderungen herbeizuführen.

Warum hebt Digital Health in Deutschland (noch) nicht ab? Was sind deine größten Bedenken?

Als wir vor ungefähr vier Jahren angefangen haben, war die Grundstimmung noch negativ. Auf Ärztekongressen wurde uns zum Beispiel oft gesagt: „Digitalisierung ist Teufelszeug. Das wollen wir nicht.“ Mittlerweile ist es so, dass jede Facharztgruppe in Deutschland eine Digitalisierungsabteilung hat. Auch im Medizinstudium ist das Thema Telemedizin inzwischen Bestandteil von Vorlesungen. Insofern hat sich schon viel getan. Gesundheit hebt in Deutschland gerade ab. Wir sind mittendrin. Deswegen stellt sich heute auch nicht mehr die Frage, ob wir die Digitalisierung im Gesundheitsbereich wollen, sondern wie wir sie gestalten können.

Welche Eigenschaften müssen aus deiner Sicht Führungskräfte und Mitarbeiter von morgen mitbringen, damit die digitale Transformation im Gesundheitswesen funktionieren kann? Wie sollten Arbeitswelten geschaffen sein, die den künftigen Bedürfnissen der Mitarbeiter gerecht werden? Wie lassen sich bestehende und neue Mitarbeiter gewinnen und incentivieren, um die neue Reise in die digitale und globale Geschäftswelt offen mitzugehen? Wie sollten diese und bestehende Mitarbeiter weiter ausgebildet werden?

Die Eigenschaft, die Führungskräfte von morgen mitbringen müssen, ist die Bereitschaft jeden Tag dazuzulernen. Die moderne Arbeitswelt besteht aus permanenter Veränderung. Wichtig ist es dabei gerade für Führungskräfte eine innere Ruhe beizubehalten und sich nicht beirren zu lassen. In der Beschaffenheit moderner Arbeitswelten kristallisiert sich ein Stichwort heraus: Individualisierung. Das ist gerade der Megatrend. Es wird immer wichtiger für Führungskräfte werden, in der Lage zu sein, auf individuelle Bedürfnisse einzugehen. Mitarbeiter sind nicht mehr bloße Ressourcen, sondern individuelle Erfolgsfaktoren. Auch das Arbeitsumfeld gewinnt in diesem Zusammenhang immer mehr an Bedeutung. Betriebliches Gesundheitsmanagement ist nur ein Teil dieses Wandels. Es muss eine Unternehmenskultur aufgebaut werden, die nur mit der aktiven Hilfe von Führungskräften entsteht. Es reicht nicht, Mitarbeitern zu sagen, was sie tun, sondern man muss ihnen die richtigen Werkzeuge in die Hand geben, um sich selbst zu verwirklichen und jeden an seinem individuellen Standpunkt abzuholen.

Für Führungskräfte muss betriebliche Weiterbildung eine Selbstverständlichkeit sein, um solche Trends zu erkennen und für ständig neue Herausforderungen gerüstet zu sein.

Wie einfach ist es aus deiner Sicht in Deutschland an Risikokapital zu gelangen? Welche Rolle spielt hierbei die Phase, in der sich ein junges Unternehmen befindet? Sollten Gründer bei der Kapitalbeschaffung auch frühzeitig den Blick ins außereuropäische Ausland wagen?

Sicher ist Risikokapitalbeschaffung in Deutschland nicht so einfach wie im Ausland. Das liegt allein schon daran, dass es eine geringere Anzahl an Fonds in Deutschland im Gegensatz zum Ausland gibt. Auch die Risikobereitschaft in Deutschland ist geringer als beispielsweise in den USA. Trotzdem hat sich im Hinblick auf Risikokapitalbeschaffung schon viel getan. Deshalb werden deutsche bzw. europäische Kapitalgeber auch immer attraktiver. Leichter haben es da natürlich Unternehmen, die schon ein Wachstum vorzeigen können. Grundsätzlich ist es aber für alle kompetenten Unternehmen möglich, an Risikokapital zu gelangen.

Welche ethischen und kulturellen Herausforderungen siehst du bei der Digitalisierung im Gesundheitssektor?

Die Gruppe der Personen, die im Gesundheitssektor arbeiten, ist eine sehr heterogene Gruppe. Sie reicht beispielsweise vom ausländischen, nicht ausgebildeten Pfleger bis zum hoch akademischen Arzt. Alle leisten einen wichtigen Beitrag für das Funktionieren des Systems. Dementsprechend betrifft Digitalisierung irgendwann jeden. Es ist daher wichtig, dass alle Personengruppen gleichermaßen mitgenommen werden.

Natürlich spielt bei Digitalisierung immer auch das Alter eine Rolle. Die Leute, die mit Technik aufgewachsen sind die „Digital Natives“ können sich eine nicht-digitale Welt gar nicht mehr vorstellen. Für sie ist es selbstverständlich, dass alle Bereiche des alltäglichen Lebens nach und nach digital werden. Sehr alten Menschen ist es jedoch nicht so einfach zu erklären, dass sie ihre Rezepte jetzt auf dem Smartphone sehen können. Sie kennen das Smartphone im Zweifel nur von den Enkeln.

Da die „Digital Natives“ jetzt jedoch in einem berufsfähigen Alter angekommen sind, können diese Druck auf Andere in Hinsicht auf Digitalisierung machen. Sie bringen mehr technische Kompetenz in Bezug auf den Umgang mit Smartphone und Co. mit und treiben die Digitalisierung voran.

Stell dir vor, du sprichst vor den wichtigsten Playern in der Gesundheitsbranche. Mit welchem Grundgedanken oder welchem Appell würdest du dich verabschieden – und warum?

Digitalisierung bietet offensichtlich riesige Chancen um Qualität als auch die Kosten positiv zu beeinflussen. Die Frage ist nicht mehr ob es eine Qualitätssteigerung und Kostensenkung gibt, sondern wie wir diese in Zukunft messbar machen können.

Welche Wünsche richtest du an die Politik? Wie können aus deiner Sicht Rahmenbedingungen verbessert werden? Was wäre der große Wurf?

Bevor ich Wünsche äußere, möchte ich zunächst mal ein großes Lob aussprechen. Insbesondere an das Gesundheitsministerium unter Jens Spahn. Die Mitarbeiter arbeiten mutig und visionär in einem sehr lobby-starken, komplexen Umfeld, um Digitalisierung konsequent nach vorne zu pushen. Ihr seid eine große Hilfe bei der Umsetzung der Digitalisierung des Gesundheitswesens in Deutschland. Die Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums sind unglaublich offen, wahnsinnig innovativ und ein starkes Team aus einzigartig motivierten Leuten.

Stell dir vor, dein Start-up wäre von heute auf morgen nicht mehr Bestandteil deines Lebens – welchem Projekt würdest du dich widmen?

Ich denke nicht an das, was wäre wenn. Für mich gibt es keine andere Option, als in meinem Start-up zu arbeiten. Die Arbeit erfüllt mich jeden Tag aufs Neue mit Spaß und Motivation. Ich bin dankbar dafür, dass ich so viel Leidenschaft in meinem Beruf gefunden habe. Da stelle ich mir nicht die Frage, wie es wäre, wenn es anders sein könnte.

Was war bisher das beste Investment in deiner Karriere? Welches privat?

Es gibt nicht das eine Investment, welches mir jetzt sofort in den Kopf kommt. Familie, Freunde, Gesundheit, Beruf und individuelle private Interessen sind für mich gleichermaßen entscheidend für ein glückliches Leben. Wichtig ist dabei die intelligente Investmentallokation.

Wenn man seine Arbeit liebt ist das eine gute Grundvoraussetzung, weil sie einen dann nicht so auslaugt, wie wenn man sich immer zwingen muss, arbeiten zu gehen. Gerade dann ist es aber auch wichtig, sich selbst zu kennen und seine Kräfte einschätzen zu können. Man muss wissen, wann man die Bremse ziehen muss und was man braucht, um zu funktionieren. Das sind für mich gutes Essen, genügend Schlaf und viel Sport. Darin investiere ich gern meine Zeit als Ausgleich zu meiner Arbeit.

Das Interview ist ein Auszug aus dem Werk Digitale Geschäftsmodelle im Gesundheitswesen, herausgegeben von Matthias Puls und David Matusiewicz. Das Werk bietet weitere spannende Einblick in die Biografien und Geschäftsmodelle der Gründerszene Digital Health.


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