Interview Digitale Medizin

Prof. Dr. David Matusiewicz ist Professor für Medizinmanagement an der FOM Hochschule – der größten Privathochschule in Deutschland. Seit 2015 verantwortet er als Dekan den Hochschulbereich Gesundheit & Soziales und leitet als Direktor das Forschungsinstitut für Gesundheit & Soziales (ifgs). Er ist zudem Gründer der Digital Health Academy mit Sitz in Berlin und des Medienformats Digi Health Talk.

Jun.-Prof. PD Dr. med. Maike Henningsen Maike ist praktizierende Ärztin und Juniorprofessorin für Digitale Medizin an der Universität Witten Herdecke und begleitet Start-ups im Bereich Digitale Medizin über den von ihr mit initiierten Start-up Inkubator „Vision Health Pioneers“, der vom Berliner Senat und dem ESF mit 1,5 Mio. Euro gefördert wurde. Ihre Vision ist es, Ärzte mehr in den digitalen Wandel vor allem in einer gestaltenden Rolle miteinzubeziehen.

Prof. Dr. Jan P. Ehlers Tiermedizinstudium an der LMU München und nachfolgende Tätigkeit an den Universitätskliniken. 2005 Wechsel zur TiHo Hannover, 2008 Masterabschluss Mediendidaktik an der Universität Duisburg/Essen. Seit 2014 führt er den Lehrstuhl für Didaktik und Bildungsforschung an der Fakultät für Gesundheit der Universität Witten/Herdecke. Seit 2017 ist er Vizepräsident der Universität.

Zusammen haben sie das Kompendium Digitale Medizin herausgegeben. 


1. Die digitale Transformation des deutschen Gesundheitswesens befindet sich in vollem Gange – wo sehen Sie in der Lehre den größten Nachholbedarf, um zukünftige Health Professionals auf die damit einhergehenden Veränderungen vorzubereiten?

Maike Henningsen: Digitale Medizin findet momentan viel in Wahlpflichtfächern statt, die nicht ausgewählt werden müssen, um das Studium erfolgreich zu beenden. Digitale Medizin sollte aus meiner Sicht allerdings in die Regellehre Eingang finden und den gleichen Stellenwert haben, wie ihn klassische medizinische Fächer auch haben.

Jan Ehlers: Das Thema digitale Transformation des Gesundheitswesens muss ein expliziter Bestandteil der Curricula werden. Wenn irgend möglich, sollte es transdisziplinär diskutiert werden, da die Zusammenarbeit der verschiedenen Berufsgruppen essenziell ist und diese eine gemeinsame Sprache erwerben sollten. Aufgrund der ständigen Veränderung sollte die digitale Transformation auch im lebenslangen Lernen, also in der Fort- und Weiterbildung Berücksichtigung finden.

2. Wieso ist es wichtig, dass das Buch Digitale Medizin jetzt auf den Markt kommt?

David Matusiewicz: Damit die Digitale Transformation der Medizin funktionieren kann, ist es wichtig, dass bereits in der Ausbildung der Mediziner das Thema in die Curricula kommt. Wie beim Masterplan Medizinstudium 2020 gefordert, aber in meinen Augen wird dies unzureichend umgesetzt. Dabei sind zwei immer zwei Blickwinkel auf das Thema wichtig: die digitale Durchführung (bspw. mit Lernen mit Virtual Reality oder in Form von Blended Learning oder Microlearning) und der Inhalt (Was sind Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA)? Wie kann man den medizinischen Nutzen messen?). Wir hoffen, dass das Buch einen kleinen Beitrag dazu leistet, dass diese Aspekte bereits ab dem 1. Semester thematisiert werden.

3. Die Corona-Pandemie ist ein großer Treiber der Telemedizin, das digitale Gespräch zwischen Arzt und Patienten wird zur Normalität. Welches Verbesserungspotenzial sehen Sie hier noch?

Jan Ehlers: Nach langer Zeit des Zögerns hat sich die Telemedizin während der Corona-Pandemie extrem schnell etabliert. Das hat vielen Patient*innen, Ärzt*innen und anderenTeilnehmenden am Gesundheitswesen verdeutlicht, welche Vorteile die digitale Transformation des Gesundheitswesens haben kann. Nun sollte dringend auch hinsichtlich der Kompetenzen z.B. in den Bereichen technische Umsetzung, Online-Kommunikation oder soziale Verantwortungsübernahme diskutiert und vermittelt werden, sodass wir die Chancen der Digitalisierung gut Nutzen und die Risiken vermeiden.

Maike Henningsen: Die Corona-Pandemie hat eine Tür aufgestoßen. Telemedizin ist sicher nützlich, kann aber auch nicht bei allen medizinischen Anliegen Verwendung finden. Um Telemedizin flächendeckend zu nutzen, müssen die verschiedenen Prozesse in der medizinischen Versorgung entsprechend angepasst werden. Das "wo", "wann" und "wie" sollte noch genauer umrissen werden.

Jan Ehlers: Ich freue mich, dass wir mit „Digitale Medizin“ ein Kompendium für Studium und Praxis herausbringen können, dass sich genau diesen Themen widmet und damit auch eine breite Weiterentwicklung fördert.

4. Was braucht es, damit Digitale Medizin in der Versorgung ankommt?

David Matusiewicz: Es braucht sowohl für die Ärzte als auch für die Patienten einen klaren Nutzen. Gute Gesundheitsanwendungen werden sich im Markt (und ja, der Gesundheitsmarkt ist auch ein Markt mit Angebot und Nachfrage) durchsetzen. Wir haben derzeit lediglich zwei Anwendungen, die als App auf Rezept verschrieben werden können, es werden aber sehr viele folgen, denn eine App ist genauso ein (digitales) Therapeutikum wie es eine Pille sein kann. Hierfür notwendig ist, dass es gute Nutzennachweise, Qualitätsstandards und eine Markttransparenz gibt.

5. Patientinnen und Patienten gehen heutzutage informierter denn je in das Behandlungsgespräch – der einfache Zugang zu (teils unseriösen) Gesundheitsinformationen über das Internet macht es möglich. Kann dies auch eine Chance für das behandelnde ärztliche Personal sein oder wird der „informierte Patient“ zu einem Problem?  

Jan Ehlers: Informierte Patienten sind auf jeden Fall eine Chance, wirklich zu einem Shared Decision Making zu kommen. Natürlich können Falschinformationen zu einer Herausforderung werden, aber die Situation gibt es auch ohne Medien. Wichtig erscheint mir, dass digitale Gesundheitskompetenz (e-health literacy) möglichst breit in der Gesellschaft vermittelt und erworben wird, damit jeder unter gleichen Bedingungen am Gesundheitswesen teilhaben kann.

Maike Henningsen: Health Literacy ist der Schlüssel zum gesunden Leben. Patienten können gar nicht genug darüber wissen, daher sollte es auch Aufgabe des Arztes sein, hier mehr qualitativen Input anzubieten und das Feld nicht den unseriösen Anbietern zu überlassen.

6. Zuletzt noch ein Blick auf die Gegenseite: Was sagen die Kritiker der Digitalen Medizin?

David Matusiewicz: Natürlich bekommen wir auch viel Gegenwind, wenn das Wörtchen Digital vor das mächtige Wort Medizin geschrieben wird. Meine Auffassung ist: gute Ärzte sehen die Digitalisierung neben dem Stethoskop als ein wichtiges weiteres Instrument und weniger gute Ärzte empfinden die Digitalisierung als Bedrohung. Digitalisierung passt nicht überall, aber es gibt in der Medizin Bereiche wie die Unterstützung bei der Diagnostik oder Therapie, wo das sehr gut hinpasst. Hier wird die fehlende Empathie derzeit gerne als Gegenargument aufgeführt und ein stückweit "mystifiziert". Aber ist es nicht manchmal besser einen Chatbot, der unendlich Zeit für mich hat zu nutzen, als mehrere Wochen auf einen Arzttermin zu warten und dann einen gestressten Arzt drei Minuten vor mir zu haben? Der Nutzen der Digitalisierung in der Medizin ist immer kontextabhängig.

Das Kompendium Digitale Medizin vermittelt strukturiert und verständlich das Wissen des neuen dynamischen Fachgebietes der digitalen Medizin und hilft so, Wissenslücken aus Studium und Ausblidung zu schließen.


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