Interview mit Enrico Jensch

Kein Unternehmen ist vor den Auswirkungen der Pandemie verschont geblieben – vollständige Schließungen, Einschränkung durch Hygiene-Konzepte und Homeoffice stehen seit über einem Jahr an der Tagesordnung. Anpassungen folgten: Arbeitsstrukturen wurden verändert und die Digitalisierung beschleunigt.

Diese Veränderungen bringen ein enormes Potenzial für Innovationen und Fortschritt mit sich. Deshalb möchten wir nun den Blick auf Akteur:innen und Unternehmer:innen aus dem Gesundheitswesen werfen und erfahren, wie sie die Pandemie in ihren Organisationen und Unternehmen gemeistert haben und auf das Jahr zurückblicken.

Enrico Jensch ist Geschäftsführer (COO) operatives internationales Geschäft / Managing Director bei der Helios Health GmbH.

  • Wie haben Sie als Unternehmer:in/Führungskraft den Beginn der Corona-Krise und des Shutdowns in Ihrem Verantwortungsbereich im März 2020 erlebt?

Uns war recht schnell klar, dass das Coronavirus keine vorübergehende Thematik darstellt und öffentliche Wahrnehmung und Realität schnell auseinanderklafften. Da wir erfahren in dezentralen Führungsstrukturen sind, stand fest, dass wir längerfristig aus einem neuen zentralen „Organ“ heraus handlungsfähig bleiben und Führung in einer für uns alle neuen Situation übernehmen müssen. Wir haben daher zügig reagiert und seitens der Konzerngeschäftsführung einen Corona-Krisenstab ins Leben gerufen, der sich bis vor Kurzem täglich per Videokonferenz zusammengeschaltet hat. Mittlerweile sind wir auf einen wöchentlichen Rhythmus umgestiegen. Der Krisenstab besteht neben der Konzern-Geschäftsführung aus den medizinischen Regionalgeschäftsführer:innen sowie den zentralen Abteilungsleiter:innen verschiedener betroffener Fachbereiche, wie Einkauf, Recht oder Personal. In dem Krisenstab haben wir Entscheidungen für alle Unternehmensbereiche (Kliniken, Arztpraxen, Arbeitsmedizin) im Umgang mit bestimmten Themen getroffen und Fragen zum weiteren Vorgehen geklärt – einheitliches Bild und Vorgehen bei den so unterschiedlichen Landesregelungen und der Austausch dazu war und ist als wesentliche Erfahrung ganz enorm wichtig. An jedem Abend haben wir ein internes Mailing an unsere Führungskräfte und Klinikleitungen versendet, um sie über die aktuellen Entscheidungen und das Vorgehen zu informieren – das hat in allen Kliniken und ambulanten Einrichtungen wesentlich zu einem einheitlichen Bild und Vorgehen in der Pandemie beigetragen – wir wollten immer für unsere Patienten und Mitarbeiter da sein.

Aus meiner Sicht war das ein absolut richtiger Schritt: Wir konnten im Krisenstab Anfragen kanalisieren, es gab einen zentralen Informationspunkt nach intern und das hat unseren Mitarbeiter:innen das Signal gegeben, dass wir „dran“ sind. So konnten wir auch viele Themen aus den Kliniken und Medizinischen Versorgungszentren besprechen und haben keine Top-Down-Kommunikation betrieben. Der Gedanke, dass wir durch diese außergewöhnliche Zeit gemeinsam gehen, hat vielen Mut, Halt und auch Gestaltungskraft gegeben. 

Zu Beginn der Corona-Krise haben wir kurzfristig 600 neue Intensivbetten in unseren Kliniken aufgestellt. Während der Hochphase der Pandemie mussten alle elektiven Eingriffe – das heißt, medizinisch nicht dringend notwendige Behandlungen – aus Veranlassung der einzelnen Bundesländer länderspezifisch verschoben werden, auch wenn wir das in keiner Phase der Pandemie für richtig gehalten haben und nie Notwendigkeit dafür gesehen haben.

Während der Akutphase der Pandemie haben wir täglich die Zahl der verfügbaren und belegten Intensivbetten in den Helios Kliniken aktuell erhoben, sodass wir in den Kliniken, die von der Infektionswelle stärker betroffen waren, Patient:innen bei drohender Aus- oder Überlastung in andere, weniger beanspruchte Helios Kliniken verlegen konnten.

Um alle Intensivbetten auch personell betreuen zu können, haben wir unser Personal in den Kliniken, das normalerweise nicht im Intensivbereich arbeitet, auf diese Aufgaben geschult. So waren wir auch personell auf die Inanspruchnahme der Betten durch Corona-Patient:innen vorbereitet.


  • Wie hat die Corona-Krise Ihre internen Abläufe und/oder Ihre Organisation verändert?

Die Pandemie hat vieles verändert und verlangt uns organisatorisch Einiges ab. Unser Krisenstab tagt zum Beispiel nach wie vor, aktuell allerdings nur noch einmal wöchentlich. Die größte Veränderung in den Abläufen und der Organisation sehen wir aber in unseren medizinischen Einrichtungen. Seit Ende des Lockdowns im Sommer 2020 haben wir ein Sicherheitskonzept in unseren Einrichtungen eingeführt, das nach wie vor gilt. Wir führen mit allen planbaren stationären Patientinnen und Patienten eine Vorabanamnese durch, um das Infektionsrisiko einzuschätzen. Bei der stationären Aufnahme werden alle Patient:innen auf das Coronavirus getestet und entsprechend ihrer Vorabanamnese in Farbzonen aufgenommen – rot = erhöhtes Infektionsrisiko/positiver Test, gelb = Infektionsrisiko unklar/Testergebnis noch offen, grün = kein Infektionsrisiko/negativer Test.

Aufgrund der Abstandsregeln von zwei Metern Kopfabstand in den Patientenzimmern, können und wollen wir nicht alle Stationen und Zimmer wie vor der Pandemie belegen, sodass unsere Bettenkapazität insgesamt geringer ist. Nach einem monatelangen Besuchsstopp, während dessen wir Besucher nur in Ausnahmefällen, zum Beispiel auf der Palliativstation, zulassen konnten, lockern wir aktuell in vielen unserer Kliniken die Besuchsregelungen und öffnen uns, damit die Patient:innen und deren Angehörige das Gefühl von Normalität zurückbekommen können. Besucher:innen können bei Nachweis einer mindestens seit zwei Wochen abgeschlossenen/vollständigen Covid-Impfung, eines negativen Corona-Tests oder einer überstandenen Corona-Infektion innerhalb der letzten sechs Monate zum Besuch in die Kliniken kommen.

Natürlich haben wir aber auch in den nicht-medizinischen Bereichen einen echten Wandel erlebt: Der Großteil der Kolleg:innen aus der Verwaltung oder den nicht zwingend täglich an den Standorten erforderlichen Mitarbeiter:innen sind ins Home Office gewechselt. Wir konnten dank unserer bestehenden IT-Infrastruktur schnell auf diesen Umstand reagieren, haben Treffen nur noch digital veranstaltet und uns auch im Bereich Fort- und Weiterbildung wo es ging digital aufgestellt. Dieser Paradigmenwechsel wird auch nach dem Abflachen der Pandemie spürbar bleiben und als Arbeitgeber ermöglichen wir unseren Kolleg:innen eine flexiblere Arbeitsgestaltung, wo immer das möglich ist.

Zu vielen Fragen haben wir interne Podcasts erstellt, sodass wir möglichst viele Mitarbeiter:innen auch „stimmlich“ zu ihren Fragestellungen abholen konnten.


  • Wie hat die Corona-Krise Ihre Produkte bzw. Dienstleistungen verändert?

Wir spüren ganz klar, dass die Bereitschaft der Patient:innen, sich in medizinische Einrichtungen zu begeben durch die Pandemie beeinflusst wird. In den Hochphasen verzeichnen wir deutliche Rückgänge der Patient:innen, wenn die Infektionszahlen nach unten gehen, nimmt diese Zahl auch wieder zu. Bis jetzt haben sich die Patientenzahlen im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie noch nicht vollständig erholt. Das bereitet uns natürlich Sorge, da wir befürchten müssen, dass Viele Erkrankungen verschleppen und möglicherweise deutlich verspätet zur Behandlung gehen. Erste Indizien dafür zeigen sich insbesondere bei den schweren Krankheitsbildern.

Die Pandemie beschleunigt zudem den Trend zur Ambulantisierung. Bereits vor der Pandemie haben wir begonnen, viele Eingriffe ambulant vorzunehmen, die früher stationär durchgeführt wurden. Das ist vor allem für die Patient:innen eine sehr positive Entwicklung. Man wird in der Folge noch mehr als zuvor darauf schauen, so schnell als möglich wieder nach Hause zu kommen und einen stationären Aufenthalt wenn möglich zu vermeiden. Zudem sind Sicherheit und Service wesentliche Trigger, ob, wo, wann und wie man sich behandeln lässt.

Auch im Bereich der Digitalisierung hat Corona bestimmte Projekte beschleunigt. So bieten viele unserer Einrichtungen inzwischen Videosprechstunden an, sodass die Patient:innen bequem und ohne Risiko von zu Hause aus das Gespräch mit unseren Ärzt:innen führen können. Die Videosprechstunde kann zwar nicht den persönlichen Kontakt und die Untersuchung ersetzen, ermöglicht aber, Fragen zu stellen und Unsicherheiten zu nehmen. Die Videosprechstunden werden sehr gut angenommen, sodass wir das Angebot sukzessive ausweiten wollen.

Wir haben aber auch neue pandemiebezogene Dienstleistungen in unserem Angebot aufgenommen, um dringende Bedürfnisse der Bürger:innen zu erfüllen. Ganz am Anfang die Corona-Hotline und Corona-Videosprechstunde. Damit konnten wir während der ersten Phase der Pandemie aufklären und auch Ängste nehmen. Später kamen flächendeckende Testangebote hinzu, damit die Bürger:innen mit einem negativen Testergebnis bestimmte alltägliche Angebote wahrnehmen können, wie Friseurbesuche, Einkäufe im stationären Handel oder den Besuch in der Gastronomie. Seit April bieten wir die Corona-Schnelltests in einigen Städten sogar mobil in unseren Testbussen an. Die hohe Nachfrage zeigt uns, dass wir hier einen großen Bedarf abdecken.

Erst kürzlich haben wir ein flächendeckendes Impfangebot bei Helios geschaffen. In unseren ambulanten Einrichtungen können die Bürger:innen online Impftermine buchen oder sich auf Wartelisten setzen lassen. Dieses Angebot wird sehr gut angenommen. In unserem digitalen Impfticker veröffentlichen wir tagesaktuell die Anzahl an Impfdosen, die wir bei Helios seit Beginn des Impfstarts verabreicht haben: https://www.helios-gesundheit.de/helios-impft/


  • Von wem und in welchem Kreis in Ihrem Unternehmen/Verantwortungsbereich wurden die wesentlichen Maßnahmen/Weichenstellungen für die Veränderungen eingeleitet?

Die Maßnahmen wurden alle in unserem Krisenstab besprochen und abgestimmt. Die Impulsgeber kommen aus unterschiedlichen Bereichen bei Helios, zum Beispiel aus dem Bereich Arbeitsmedizin oder Hygiene. Bei der Umsetzung sind dann immer mehrere Abteilungen involviert, wie zum Beispiel der Datenschutz, Einkauf, die IT. Gemeinsam erarbeiten wir ein entsprechendes Konzept und setzen es dann in die Tat um.

Die Dynamik der Pandemie hat oftmals von uns gefordert, bereits Beschlossenes wieder zurückzunehmen oder anzupassen. Ich bin hier sehr stolz auf unser Krisenstab-Team und auf alle Kolleg:innen in unseren Einrichtungen. Denn: Das war ganz klar eine Teamleistung, teilweise sehr agil und flexibel auf die sich schnell verändernden Themen zu reagieren.


  • Welche der getroffenen oder eingeleiteten Maßnahmen (Organisation, Prozesse, Produkte, Dienstleistungen) werden in Ihrem Unternehmen/Verantwortungsbereich auf jeden Fall auf Dauer beibehalten bleiben?

Covid-19 wird unseren Klinikalltag noch längere Zeit beeinflussen. Derzeit beschäftigen wir uns nach wie vor damit, den Patienten mögliche Ängste vor einem Klinik- oder Praxisaufenthalt zu nehmen. Zugleich loten wir derzeit aus, welche Behandlungen sich künftig ambulant durchführen lassen, um stationäre Klinikaufenthalte zu reduzieren. Gleichzeitig sind wir uns darüber bewusst, dass jederzeit die Corona-Fallzahlen wieder ansteigen können – aktuell gehen die Zahlen der täglichen Neuinfektionen glücklicherweise deutlich nach unten. Die Covid-19-Impfungen tragen hier vermutlich einen großen Anteil bei.

Inwieweit die Pandemie dauerhaft Veränderungen in den Kliniken mit sich bringt, können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen, betrachten das aber, auch in Hinblick auf bauliche Anforderungen, jederzeit sehr genau.


  • In einem Satz: Was bedeutet für Sie "die neue Normalität"?

Die „neue Normalität“ bedeutet eine schnellere Entwicklung und vor allem auch eine größere Bereitschaft in der Digitalisierung, bessere Vernetzung verschiedener Disziplinen miteinander und ein Umdenken der Prozesse in vielen Fachbereichen zu deutlich mehr Servicequalität und die Bereitschaft, die Sicht des Patienten anzunehmen. Digitalisierung, Service und niedrigschwellige Gesundheitsangebote sind der Schlüssel zur „neuen Normalität“.


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