Angst & Corona – Angstexperte im Interview

Prof. Dr. Peter Zwanzger ist Angstexperte und Autor zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen. Bei der MWV erschienen ist sein Werk Angst - Angst und Angsterkrankungen verstehen und behandeln. Seit 2013 ist Zwanzger Ärztlicher Direktor am kbo-Inn-Salzach-Klinikum in Wasserburg am Inn und leitet dort als Chefarzt den Fachbereich Psychosomatische Medizin mit den Therapieschwerpunkten Angsterkrankungen und Depression.

1. Herr Professor Zwanzger, als Angstforscher beschäftigen Sie sich alltäglich mit Angsterkrankungen. Wie lautet Ihre Prognose: Werden psychische Angsterkrankungen durch coronabezogene Erlebnisse wie Quarantäne zunehmen? Zeigen sich vielleicht erste Effekte?

Auswirkungen der Corona-Pandemie mit all ihren medizinischen und gesellschaftlichen Konsequenzen beobachten wir bereits jetzt und – es wäre auch ein Wunder gewesen, wenn diese massive Krise, die ja ein außergewöhnliches historisches Ereignis darstellt, mit all ihren gesellschaftlichen Begleiterscheinungen, beispielsweise der zeitweisen Isolation, des Kontaktverbots, der reduzierten Möglichkeiten Nähe zu suchen, spurlos an uns vorübergegangen wäre. 

Die Folge sind Krisensituationen, Angst und Sorgen, die als Reaktion auf außergewöhnliche Lebensereignisse nahezu immer zu finden sind. Diese Gruppe von Erkrankungen, die den Belastungsstörungen zugeordnet werden, und die je nach persönlicher Widerstandskraft und Ausmaß der Belastung in ihrer Intensität variieren können, beobachten wir regelhaft bei vergleichbaren Ereignissen. Wir wissen allerdings auch, schwere seelische Störungen wie Angsterkrankungen oder Depressionen entstehen multikausal, haben also viele Ursachen und auch hier spielen Lebensereignisse, Traumaerfahrungen und sonstige schwere biografische Einschnitte als Auslöser oftmals eine wichtige Rolle. Allerdings ist es in diesen Fällen nicht ein Faktor allein, der das Fass zum Überlaufen bringt, sondern das Resultat aus dem Zusammenkommen verschiedener ätiologischer Faktoren, zu denen eben auch neurobiologische Einflussvariablen wie Stoffwechselprozesse im Gehirn und genetische Einflüsse gehören. Das bedeutet in der Konsequenz,dass gerade die Menschen, die vielleicht eine geringere Widerstandskraft haben, beispielsweise weil sie schon einmal in der Vergangenheit an einer psychischen Störung gelitten haben, weil sie aktuell seelisch erkrankt sind, oder sich gerade in Behandlung befinden, ein erhöhtes Risiko aufweisen, von diesem Ereignis akut getroffen zu werden. Vice versa gibt es aber auch viele Menschen, für die die aktuelle Entwicklung zwar eine seelische Belastung darstellt, bei denen jedoch eine hieraus erwachsende seelische Erkrankung sehr unwahrscheinlich ist. 

Leider ist bisher die Zeit zu kurz, um anhand von konkreten Fallzahlen in Kliniken und Ambulanzen mögliche Entwicklungen ableiten zu können. Die Gesellschaft für Angstforschung beschäftigt sich intensiv mit diesen Themen und wird die Entwicklung im Verlauf sorgfältig beobachten.

2.  Existiert ein Zusammenhang zwischen dem aktuell gestiegenen Zulauf zu Verschwörungstheoretikern und der Angst vor dem Virus?

Diese Krise historischen Ausmaßes ist für die ganze Gesellschaft eine große Belastung. Viele Menschen machen sich Sorgen: Wie geht es mit meinem Arbeitsplatz weiter? Werden meine Kinder die Versäumnisse in der Schule jemals aufholen können? Wie soll ich die aus der Krise erwachsenen finanziellen Belastungen jemals schultern? Wie kann ich mich und meine Angehörigen vor Erkrankung schützen?

Nicht jeder kann gleichermaßen zu diesen Fragen Distanz finden. Vielen Menschen gehen diese Fragen nach – Tag und Nacht. Wir alle haben unterschiedliche Methoden mit Stress umzugehen. Eher defensiv veranlagte Menschen igeln sich in ihren Sorgen ein und ziehen sich zurück. Eher offensiv veranlagte Menschen versuchen oftmals, mögliche Verantwortliche für die Krise auszumachen und die Schuld anderen zu geben, was sie dann entlastet.Dies kann dazu führen, dass zum Teil wirre und logisch nicht nachvollziehbare Theorien über das Virus und alle damit im Zusammenhang stehenden Vorgänge entwickelt werden. Oftmals sind diese Menschen aber korrigierbar in ihren Überzeugungen und lassen sich auf einen vernünftigen Pfad bringen, wenn man ihre Sorgen ernstnimmt. Das ist aber nur ein Teil der großen und heterogenen Gruppe der Verschwörungstheoretiker. 

Menschen mit psychischen Erkrankungen, die im Rahmen ihrer Störung die Realitätskontrolle verloren haben, entwickeln auch oft solche Theorien. Bessert sich die Grunderkrankung können sich diese Menschen jedoch in der Regel gut wieder von ihren Ideen distanzieren. Vorsicht ist geboten bei Menschen, deren Meinungen und Einstellungen im Rahmen einer ideologischen Entgleisung längerfristig festgefahren sind. Da sollte man nicht mehr diskutieren.

3. Kann die Erfahrung einer gemeinsamen erfolgreichen Krisen- und Angstbewältigung langfristig auch positiv wirken?

Bei allen Belastungen, die die aktuelle Krise mit sich bringt, fallen mir eine ganz Reihe positiver Begleiterscheinungen ein – auch wenn dies auf den ersten Blick unverständlich klingt oder überraschend. In jeder Krise liegt auch eine Chance. Bereits jetzt beobachten wir, dass viele die Dinge, die ihnen aufgrund der aktuellen Restriktionen versagt sind, vermissen und damit viel mehr wertschätzen als früher. Die Selbstverständlichkeit, mit der wir uns in unserem Land frei bewegen, mit der wir reisen und sozial interagieren können, wird wieder mehr geschätzt. Manch einer nimmt es plötzlich als Geschenk wahr, Freunde und Familie wieder persönlich treffen zu können. Wir wissen aber auch von vielen Berufstätigen, dass der Entfall von Meetings und Terminen, der Wegfall von Dienstreisen sowie die Möglichkeit von zu Hause zu arbeiten, von vielen Menschen auch als etwas Positives wahrgenommen wird. 

Wenn Sie so wollen, eine von außen verordnete Entschleunigung. 

Manch einer berichtet sogar, jetzt besser zu schlafen. Auch wenn es uns schwerfällt, ich versuche die Menschen zu ermutigen, die Krise als Chance zu sehen und zumindest jetzt im Augenblick das Beste daraus zu machen.

25.05.2020


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