3 Fragen an...

Prof. Dr. Sami Haddadin, Experte für Robotik und Maschinelle Intelligenz, wird auf dem diesjährigen BMC-Kongress „Gesundheit in einer Gesellschaft des längeren Lebens" als Keynote Speaker präsent sein. Im Gespräch mit dem BMC e. V.  gibt er einen Einblick in die Rolle der Digitalisierung in Anbetracht einer alternden Gesellschaft: 

Inwiefern hilft es Ihrer Meinung nach, beim Zusammendenken der isolierten Themen Gesundheitsversorgung, Wohnen, Behinderung, Pflege und Einsamkeit die Digitalisierung als tragendes Instrument zu nutzen? 

Durch die stetig steigende Lebenserwartung der in Deutschland lebenden Menschen und die sinkende Geburtenrate ist absehbar, dass die deutsche Bevölkerung in den nächsten Jahrzehnten zunehmend älter wird. Durch die immer höher werdende Lebenserwartung steigt die Zahl älterer Menschen, die oft aufgrund kleinerer körperlicher Einschränkungen ihren Alltag nur beschwerlich meistern und dann entgegen ihren Wünschen oft nicht mehr in den eigenen vier Wänden leben können. 
Die intelligenten Assistenzroboter sind mit den jetzt erstmalig verfügbaren Technologien in den kommenden Jahren zunehmend in der Lage, dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Wir forschen daher an menschenzentrierter Robotik und Künstlicher Intelligenz, die das Leben der Menschen erleichtern soll und uns auch die Dinge abnimmt, die schwierig und ungesund oder gar gefährlich sind. Diese ist - natürlich richtig eingesetzt - ein verbindendes Element einer Gesamtlösung solch zentraler Herausforderungen für unsere Gesellschaft.

Als wie relevant sehen Sie die Rolle von Digitalisierung im Kontext der Gesellschaft eines längeren Lebens tatsächlich an? 

Perspektivisch ist sie natürlich hochrelevant, wenn sie denn richtig eingesetzt wird. Bestehende Assistenzsysteme konnten sich bislang noch nicht flächendeckend durchsetzen und im Einsatz bewähren. Langfristig wird die maschinelle Intelligenz hier jedoch einen wertvollen Beitrag leisten. Gerade im Bereich Gesundheit stehen wir noch relativ am Anfang. Robotik und Künstliche Intelligenz für das 3. und 4. Lebensalter ist ein hoch spannender Forschungsschwerpunkt – nicht nur in Europa, sondern beispielsweise auch in Japan, das sehr mit den Auswirkungen der alternden Gesellschaft kämpft. Mit der neu gegründeten Munich School of Robotics and MachineIntelligence (MSRM) beschreiten wir an der TU München neue Wege, um maschinelle Assistenzsysteme in interdisziplinärer und fakultätsübergreifender Art reaktionsfähiger, schlauer und vor allem lernfähig zu machen. Neben der Zukunft der Arbeit und Mobilität, ist hier die Zukunft der Gesundheit eine unserer zentralen Schwerpunktsetzungen. In den nächsten 8 Jahren werden wir, in unserem gerade im Aufbau befindlichen Geriatronik-Forschungszentrum in Garmisch-Partenkirchen, lernfähige und intelligente Serviceroboter entwickeln. Diese sollen insbesondere älteren Menschen ermöglichen, möglichst lange ein selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden zu führen. Für den langfristigen Erfolg ist es aber ebenso erforderlich, dass wir die Gesellschaft frühzeitig an den Ergebnissen unserer Forschung teilhaben und sie sich einbringen lassen. Nur so können wir sicherstellen, dass unsere Roboter die Bedürfnisse der Menschen erfüllen und Berührungsängste von Anfang an abgebaut werden können bzw. gar nicht erst auftreten. Und genau das haben wir in Garmisch-Partenkirchen mit dem Aufbau von Begegnungsstätten in enger Kooperation mit dem Deutschen Museum vor.

Wo sehen Sie den größten Nutzen von Digitalisierung in Bezug auf den Brennpunkt Pflege? 

Bereits heute könnte durch intelligente Software sowie konsequent umgesetzte Vernetzung und Datenverfügbarkeit die immer größer werdende Flut angeforderter Dokumentation und Qualitätssicherung reibungslos und hochqualitativ gewährleistet werden. Heutzutage belastet der Mangel an Digitalisierung ja insbesondere das medizinisch-pflegerische Personal und geht damit direkt auf Kosten der Zeit mit den Patienten und damit der Pflege. 

Digitalisierung kann aber auch helfen, die Effizienz in der Versorgung von Pflegepatienten zu erhöhen. So können Verkehrsrouten bei ambulanter Pflege optimiert oder die Bestellung von Medikamenten und Material durch Vorhersagemodelle unterstützt werden. In solchen isolierten Szenarien ist die Künstliche Maschinelle Intelligenz bereits sehr weit fortgeschritten und leistet einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung unserer Gesundheitssysteme. 

Der größte langfristige Nutzen wird jedoch in der Unterstützung des Pflegepersonals selbst liegen. Und hier ist es sehr wichtig, darüber zu informieren, dass unsere Forschung eben nicht die Pflege durch Menschen ersetzt, sondern ganz im Gegenteil: Es geht darum, den Pflegealltag so gut es geht zu erleichtern, fehlende Kapazitäten dadurch zu kompensieren, dass nicht-pflegerische Tätigkeiten durch Assistenzsysteme ausgeführt werden oder beispielsweise bei schwerer körperlicher Arbeit die Pflegekräfte entlastet werden, damit sie langfristig nicht selbst zu Pflegefällen werden. 

Moderne Roboter sind also Werkzeuge, die den Pflegekräften wieder mehr Zeit für die direkte Interaktion mit den zu Pflegenden geben sollen. Ein gutes Beispiel ist die Rehabilitation von Schlaganfallpatienten. Aktuell werden diese anstrengenden patientenindividuellen Rehabilitationsübungen manuell durch das Pflegepersonal oder Physiotherapeuten durchgeführt und natürlich gibt es viel zuwenige dieser wichtigen Fachkräfte. Daher haben wir erstmals in Prototypen gezeigt, wie feinfühlige Roboterassistenten diesen wichtigen Bedarf in der Reha und Pflege decken könnten: Der sichere und feinfühlige Roboterassistent wird durch den Physiotherapeuten kurz am jeweiligen Patienten angelernt und dient dann als Multiplikator für die patientenindividuelle Betreuung – zu jeder gewünschten Zeit und an jedem Ort. So könnten die wenigen Therapeuten nicht nur mehr Patienten versorgen, sondern die generelle Versorgungsabdeckung schlagartig verbessert werden. Die automatische Dokumentation und Qualitätsprüfung würde auch nicht mehr im Papierkrieg enden, sondern durch intelligente Software, die mit dem Roboterassistenten vernetzt ist, dem Therapeuten zur Durchsicht aufbereitet. 

Bild: © fotolia_monsitj

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