3 Fragen an...

Timo Frank, Initiator und Vorstandsvorsitzender der Initiative #Gesundheit hat uns einen Einblick in seine Prognosen der Zukunft von Medizin und Gesundheitswesen gewährt. Als Vorsitzender einer Initiative, die sich explizit der Zukunft des Gesundheitswesens widmet und diese mitgestaltet, sind Zukunftsfragen für Timo Frank allgegenwärtig.

1. Welche Innovationen werden das deutsche Gesundheitswesen in naher Zukunft maßgeblich prägen?

Unser Gesundheitswesen wird in naher Zukunft vor allem durch Personalisierung geprägt werden. Nicht nur die Medizin, vor allem die Prävention wird in Zukunft personalisiert werden. Wir messen schon heute unser Bewegungs-, Ernährungs- und Schlafverhalten. Nicht nur wir selbst, auch viele Unternehmen sammeln Daten über unsere Verhaltensmuster.

Das Gute daran: Vor allem seltene Erkrankungen können schneller diagnostiziert werden. Die auf unser Verhalten angepasste Prävention könnte den Eintritt von Erkrankungen verhindern und verzögern. Und wir können Therapiemöglichkeiten auf die Bedürfnisse des Individuums zuschneiden. Im besten Fall wird so nicht mehr nach finanziellen Interessen diagnostiziert, therapiert und operiert.

Aber: Aus der Transparenz unseres Verhaltens lässt sich ebenso schließen, wie wir uns noch besser verhalten könnten und sollten. Das ist die Welt der Selbstoptimierung. Klingt beängstigend, oder?

2. Gehört die verpflichtende Einführung der elektronischen Patientenakte zum 01. Januar 2021 dazu? Innovativer Schritt oder längst überfälliges Aufrüsten?

Die elektronische Patientenakte ist definitiv längst überfällig. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob ich sie wirklich noch als Innovation bezeichnen möchte. Eine gesetzliche verpflichtende Patientenakte und der Begriff Innovation sind prinzipiell gegensätzlicher Natur. Und trotzdem bin ich schon jetzt ein großer Fan der elektronischen Patientenakte. Die zurzeit auf dem Markt verfügbaren elektronischen Gesundheitsakten (eGA) sind definitiv innovative Lösungen und zeigen, was uns ab 01. Januar 2021 erwarten könnte.

Und auch die ePA wird einen Teil zur Personalisierung beitragen können: Im Referentenentwurf des Digitale Versorgung Gesetz (DVG) wird für Versicherte erstmalig ein Anspruch auf Speicherung ihrer medizinischen Daten aus der vertragsärztlichen Versorgung in der ePA festgelegt. Aus der Kombination von medizinischen Daten und Daten unseres Bewegungs-, Ernährungs- oder Schlafverhalten können sowohl Präventions- als auch Therapiemaßnahmen verbessert werden.

3. Du hast dich intensiv mit dem Konzept des Nudgings beschäftigt. Wie schätzt du die Bedeutung des Nudgings für das Gesundheitswesen der Zukunft ein?

Nudging (eng.: anstupsen) ist eine Methode, die den Menschen zu einer rationalen Entscheidung bewegen soll. Drei Beispiele für rationales Verhalten: Mehr Bewegung, gesünder essen, ausreichend Schlaf. Das Nudging von Verhaltensweisen im Kontext Gesundheit zielt also primär auf die Stärkung präventiver Maßnahmen ab. Das ist grundsätzlich zu begrüßen. Schlussendlich stellt sich jedoch die Frage, ob wir einen Stups für ein gesundes Leben akzeptieren - oder in Gesundheitsfragen frei entscheiden wollen.

Die Bedeutung des Nudging steht und fällt mit der Quelle, von der diese ausgehen. Grundsätzlich sehnt sich der Mensch nach Freiheit. Fühlen wir uns unserer Freiheit beraubt, wirkt Nudging kontraproduktiv. Vor allem im Zeitalter von Big Data und Personalisierung wird es zunehmend auf uns zugeschnittene Anreize für unser Verhalten geben – ob wir wollen oder nicht.


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