Sprachrohr Zukunft: Intelligente Gesundheit

Das Gesundheitswesen befindet sich in einem Prozess des fundamentalen Wandels. Disruptive Entwicklungen benötigen differenzierte und kontroverse Diskussionen. In der Rubrik "Sprachrohr Zukunft" kommen Akteure mit ihren Positionen und Lösungsansätzen für die zukünftige Ausgestaltung des Gesundheitswesens zu Wort. Linh Vu Thi von der denkschmiede gesundheit beschäftigt sich in diesem Beitrag mit einer KI-geprägten Zukunft unter dem Aspekt der Datenethik. Die denkschmiede gesundheit ist eine Interessensgemeinschaft und Sprachrohr der jungen Generation im Gesundheitswesen, die sich aktuell in einen Verein umwandelt.

Die optimistische Zukunftsvision der intelligenten Gesundheit 

LINH VU THI

Pläne für ein digitales Europa sind in aller Munde. In den vergangenen Wochen stellte sich die designierte Kommissarin „des Europas des digitalen Zeitalters“ Margarethe Vestager den Fragen der EU-Parlamentarier. Vestager richtete den Fokus unter anderem auf ein europäisches Konzept zu Künstlicher Intelligenz (KI) mit dem Ziel der Förderung von KI-Anwendungen. Der Einsatz von KI und Algorithmen sowie der Umgang mit Daten ist mit vielen ethischen und menschlichen Auswirkungen als auch rechtlichen Fragestellungen verbunden. Diesen Herausforderungen widmet sich aktuell auch die Datenethikkommission der Bundesregierung und hat diese Woche nach über einem Jahr intensiver Arbeit ihre ethischen Leitlinien für den Schutz des Einzelnen, Wahrung des gesellschaftlichen Zusammenlebens und Sicherung und Förderung des Wohlstands im Informationszeitalter herausgebracht.

Digitalisierung und digitale Technologien, wie Big Data, CloudComputing, intelligente Anwendungen aller Art, das Internet der Dinge, KI –  all dies sind große, menschengemachte Entwicklungen, die im Großen und Ganzen die Tendenz und das Potential haben unser Leben zu verbessern, Dinge für uns zu tun und besser zu tun als wir, uns mehr Zeit und Kapazitäten gewinnen zu lassen und uns befähigen, mit weniger Aufwand mehr erreichen zu können oder Dinge zu erreichen, die sonst unmöglich wären. Dies gilt insbesondere für das Gesundheitswesen, in dem man technologische Machbarkeit und ethische Erwartungen miteinander gut und produktiv vereinbaren kann, um die Patientenversorgung durch maßgeschneiderte Versorgungsangebote zu verbessern. Ein digitaler Wandel zum Wohle der Gesellschaft mit Hilfe von intelligenter Gesundheit, die auf lernfähigen Algorithmen basiert, gibt die Hoffnung, über clevere Verknüpfungen von großen Datenmengen die Effizienz und Qualität in der Versorgung zu steigern: Schnellere Wirkstoffentwicklung, treffsicherere Diagnosen, innovative Therapieformen, eine effizientere Verwaltung und Bürokratie mit einem verbesserten Zugang zur Pflege und Kostensenkungen sind nur einige Beispiele hierfür.

Doch nur, wenn diese KI-Systeme verantwortungsbewusst entwickelt und eingesetzt werden, kann die Gesellschaft die Vorteile KI-fundierter Technologien für die öffentliche Gesundheit nutzen. Zum einen müssen geeignete Rahmenbedingungen für die Förderung von individueller und gesellschaftlicher Kompetenz und eine neue Art der Reflexion in der Informationsgesellschaft geschaffen werden, zum anderen ist deren Einhaltung sowie die Freiheit, Autonomie und Verantwortung der Nutzer, Anwender und weiterer Beteiligter von KI-Technologien erforderlich, um dem Menschen Aufgaben abzunehmen. Schließlich gewinnen wir durch KI nicht nur neue Kompetenzen hinzu, sondern menschliche Kompetenzen gehen auch verloren.

Entwicklungen wie die elektronischePatientenakte (ePA) und die elektronische Gesundheitsakte (eGA) können dazu beitragen, die Datensouveränität der Versicherten zu erhöhen und die Qualität der Gesundheitsversorgung zu verbessern. Um die Menschen zu schützen und das Vertrauen in die Technologie aufrechtzuerhalten muss den Beteiligten der größtmögliche Datenschutz, Datenqualität, Datensicherheit sowie Einbeziehung,Transparenz und Rechenschaft gewährleistet werden. Wir müssen die Technologie mit Schutzmaßnahmen für Privatsphäre und Sicherheit ausstatten. Ein geeignetes Instrument hierfür ist die Einbindung des Patienten in den Entwicklungs- und Gestaltungsprozess von Beginn an, sodass in diesem partizipativen Prozess die Interessen aller Beteiligten berücksichtigt werden können und vor allem die rechtliche und ethisch fundierte Gestaltung der ePA und eGA sichergestellt wird.

Damit wird das Vertrauen gelegt, welches Grundlage für den Erfolg von solchen KI-Anwendungen ist. Doch vergessen wir nicht, dass wir von der KI nicht erwarten können, dass sie selbst gestaltet und völlig eigenständig wird. Sie kann uns Dinge erleichtern, aber die herausfordernden Probleme nicht lösen. In der Tat müssen wir Menschen, die hinter diesem Werkzeug stehen, Eigentümer und Gestalter bleiben. Wir sind dafür verantwortlich, wie wir sie verwenden und wir müssen sicherstellen, dass der Datenschutz und sämtliche ethische Standards erfüllt werden.

Linh Vu Thi ist Gründungsmitglied der denkschmiede gesundheit, einer unabhängigen, überparteilichen Initiative, die als Interessenvertretung der jungen Generation in der deutschen Gesundheitspolitik agiert. Ziel der denkschmiede gesundheit ist es, ein zukunftsfähiges Gesundheitswesen mitzugestalten und die Interessen der jungen Generationen zu vertreten. Vu Thi ist Medizin-Ökonomin und Ethikberaterin im Gesundheitswesen mit mehr als 5 Jahren Erfahrung in der globalen Gesundheitspolitik mit Schwerpunkt auf Innovation und Digitalisierung im Gesundheitswesen. Mit akademischer und praktischer Expertise auf 5 Kontinenten hat Sie sich auf die strategische Politikkommunikation als Erfolgskonzept für politische Interessenvertretung in der Gesundheitswirtschaft fokussiert. Aktuell ist sie im Europäischen Parlament als Referentin akkreditiert und betreut Projekte in Vietnam mit ihrer Initiative AM-USE, die Bewusstsein für Antimikrobielle Resistenzen schafft.

25.10.2019



AKTUELLES

Mord im Rückfall: Buchlaunch

Zu einem mörderischen Valentinstag mit Buchvorstellung und Podiumsdiskussion lud die MWV anlässlich des Erscheinungstermins von „Mord im Rückfall“ über 100 Gäste in die Hörsaalruine der Charité ein. Expertinnen und Experten aus Forensischer Psychiatrie, Polizei und Justiz näherten sich den Fragen „Warum töten Menschen? Welche Lebensgeschichten, welche Motive stehen dahinter?“.