Die Würfel sind gefallen!

 

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wir haben eine neue Regierung. Zeit des Aufbruchs oder gar ein Neuanfang?

Wir haben uns – gemeinsam mit unserem Kooperationspartner EY Healthcare – entschieden, die Topentscheider in Healthcare nach ihrer Einschätzung zu fragen. Wir wollten wissen:

1. Welche Aufgaben sollte die neue Bundesregierung – abgesehen von der Pandemiebekämpfung –aus Ihrer Sicht unverzüglich anpacken?

2. Welche Aufgaben in Bezug auf die Gesundheitspolitik sind aus Ihrer Sicht die wesentlichsten und dringlichsten, und damit für das Regierungshandeln der nächsten Legislaturperiode zwingend?

Auf dieser Seite finden Sie alle Antworten und Statements! 

Thomas Hopfe & Team

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1. Welche Aufgaben sollte die neue Bundesregierung – abgesehen von der Pandemiebekämpfung – aus Ihrer Sicht unverzüglich anpacken?

  • Finanzierung des Gesundheitswesens sichern und dringend finanzielle Anreize überdenken. Sichere und qualitativ hochwertige Patientenversorgung belohnen, Qualitätsmängel müssen Konsequenzen haben. Deutschland ist im europäischen Vergleich bei den Ressourcen und bei den Kosten im Gesundheitswesen Spitzenreiter, bei der Leistung aber nur Mittelklasse. 
  • Finanzierung von Vorhaltekosten, damit sind nicht nur Schutzmaterialien gemeint, sondern auch Personal oder bestimmte Fachabteilungen, die möglicherweise nicht rentabel sind z.B. Kinderkliniken
  • Sektorenübergreifende Versorgung gestalten und einfordern
  • Personalmangel bekämpfen (es geht nicht nur um Pflegepersonal) 
     

2. Welche Aufgaben in Bezug auf die Gesundheitspolitik sind aus Ihrer Sicht die wesentlichsten und dringlichsten, und damit für das Regierungshandeln der nächsten Legislaturperiode zwingend?

Wir, das APS, haben im Frühjahr 2021 sieben Forderungen an die Politik formuliert, die heute genauso Bestand haben und durch den Global Patient Safety Action Plan der WHO 2021-2030, der im Herbst 2021 veröffentlicht wurde, bestärkt werden!

  1. Patientensicherheit ist ein gesellschaftlich hoher Wert und das  Entscheidungskriterium für die Gesundheitspolitik. Die Gesundheitspolitik hat die dringliche Aufgabe die Struktur des Gesundheitswesen kritisch zu überdenken. Dies ist ein Thema das Mut und Ehrlichkeit erfordert.
  2. Die Verantwortung für Patientensicherheit ist auf jeder obersten Leitungsebene zu verankern, diese kann man nicht delegieren oder beauftragen.
  3. Patientensicherheit ist umfassend in die Ausbildung aller Gesundheitsberufe, so auch in die Approbationsordnung zu verankern.
  4. Die Bevölkerung ist in die Erhöhung der Patientensicherheit einzubeziehen.
  5. Transparenz über Qualität und Patientensicherheit schaffen
  6. Barrierefreiheit als wesentlichen Teil der Patientensicherheit stärken
  7. Mitarbeitersicherheit im Gesundheitswesen erhöhen

Dr. Ruth Hecker
Vorsitzende Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V. (APS)

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„Der größte Hebel für eine qualitativ hochwertige und zugleich effiziente Versorgung ist eine stärkere Kooperation und Koordination der Versorgungsakteure – und zwar berufs-, sektoren- und leistungsträgerübergreifend. Die Koalition hat dazu einige erfreuliche Ankündigungen gemacht, denen jetzt Taten folgen müssen. Dazu gehören neue Gesundheitsberufe wie Community Health Nurses oder Patientenlotsen, die nah am Patienten sind und zugleich eine berufliche Perspektive für Pflegekräfte bieten.

Ebenso dringend ist eine Entlastung von Bürokratie, die wertvolle Kapazitäten bindet und zulasten der Arbeitsattraktivität geht. Die Potenziale digitaler Lösungen haben wir hier noch nicht annähernd ausgeschöpft. Wichtig ist, dass die Bundesregierung endlich den Nutzen für Leistungserbringende in den Blick nimmt, sonst scheitert die Digitalisierung an fehlender Akzeptanz. Mit den Erfahrungen aus der Pandemie erwarte ich zudem eine Neuordnung der Institutionen zur öffentlichen Gesundheit. Hier braucht es vor allem eine konkrete Aufgabenteilung und schlagkräftige Governancestrukturen.“

Prof. Dr. Volker Amelung
Vorstandsvorsitzender Bundesverband Managed Care (BMC)

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1. Welche Aufgaben sollte die neue Bundesregierung – abgesehen von der Pandemiebekämpfung – aus Ihrer Sicht unverzüglich anpacken?
 
Deutschland und Europa stehen vor großen Herausforderungen im Gesundheitswesen. Wenn wir nicht handeln, dann können wir unsere Versorgung nicht langfristig qualitativ hochwertig aufrechterhalten. Wir brauchen Lösungen für die zunehmende Krankheitslast und -komplexität bei gleichzeitigem Anstieg des Fachkräftemangels. Wir müssen die Folgen des demographischen Wandels bewältigen, der die bisherige Form einer solidarischen Finanzierung der Kranken- und Pflegekassen in Frage stellt. Wir müssen einer Unterversorgung entgegenwirken und gleichzeitig sozialer und gerechter werden. Wir sehen, dass andere Länder und Akteure im digitalen Wandel an uns vorbeiziehen und dominierende Stellungen einnehmen, die unseren Handlungsspielraum auf Jahrzehnte einschränken - hier müssen wir dringend gegensteuern. 
 
2. Welche Aufgaben in Bezug auf die Gesundheitspolitik sind aus Ihrer Sicht die wesentlichsten und dringlichsten, und damit für das Regierungshandeln der nächsten Legislaturperiode zwingend?
 
Um die großen anstehenden Aufgaben in der Gesundheitsversorgung zu adressieren, brauchen wir klare, einheitliche und verlässliche Rahmenbedingungen, die Innovationen ermöglichen und fördern. Blended Care-Ansätze und hybride Versorgungsmodelle müssen in die Regelversorgung integriert werden können - effizient und flexibel. Wir müssen darüber hinaus lernen sektorenübergreifend zu denken und Lösungen zulassen. Und wir müssen früher ansetzen: Digitale Angebote für Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention müssen konsequent verfolgt und ausgebaut werden. Aber auch telemedizinische Leistungen sollten als fester und selbstverständlicher Bestandteil in der Versorgung verankert werden. Zu guter Letzt: Wir brauchen ein Leitbild für eine digitale Gesundheitsversorgung an dem alle Akteure, Politik, Leistungserbringer und Leistungsträger beteiligt werden. 

Dr. Anne Sophie Geier
Geschäftsführerin Spitzenverband Digitale Gesundheitsversorgung

 

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"Der Medizintechnik-Branche erwartet von der Bundesregierung in diesem Jahr entscheidende Weichenstellungen für die im Koalitionsvertrag angekündigte Stärkung des Medizintechnik-Standorts Deutschland und die Entlastung der Unternehmen von starker Bürokratie. Politik und Gesellschaft können sich in der Corona-Krise auf die versorgungskritische Medizintechnik-Branche verlassen. Jetzt dürfen wir die mittelständisch geprägte MedTech-Branche bei der Bewältigung der Herausforderungen nicht im Stich lassen.

Denn die Medizintechnik-Branche steht zusätzlich zur Bewältigung der Corona-Pandemie vor großen Herausforderungen. So sorgen beispielsweise steigende Rohstoffpreise, Frachtkosten und Energiepreise für erhöhte Kosten. Die EU-Medizinprodukte-Verordnung binden die Forschungs- und Entwicklungskapazitäten für die aufwändigen regulatorischen Prozesse zur Rezertifizierung von Bestandsprodukten. Hinzu kommt der digitale Wandel und die Transformation der Industrie zu mehr Nachhaltigkeit und Klimaschutz. 

Der Koalitionsvertrag bietet gute Ansätze, um den Mittelstand zu stärken, Bürokratie abzubauen und Innovationen zu fördern. Dafür müssen nun die konkreten Schritte angegangen werden, um die Versorgung der Patient:innen in Deutschland mit modernen Medizintechnologien auch in Zukunft zu sichern. Deutschland braucht eine forschungsstarke, leistungsfähige, wirtschaftlich gesunde und international wettbewerbsfähige Medizintechnik-Branche.
"

Dr. Marc-Pierre Möll
BVMed-Geschäftsführer und Vorstandsmitglied

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"Ich bin froh, dass das Thema Open Source auf der politischen Agenda steht und die SPD das Bundesministerium führt, denn das könnte auch dazu führen, dass wir endlich nicht nur einen wirtschaftlichen, sondern auch einen gesellschaftlichen Wert aus Daten ziehen wollen. Daten sollen für gemeinwohlorientierte digitale Dienste und Innovationen nutzbar gemacht werden und zu offenem Wissen führen. Ich habe letztes Jahr intensiv mit der EU-Kommission (DC Connect) zusammengearbeitet und wir positionieren uns mit HIPPO AI als Datentrust für Datenaltruismus.

Neben all den tollen Startups sollten wir in Deutschland und Europa nicht vergessen, dass dieses System auf Solidarität und sozialen Werten aufgebaut ist, und dies geht nicht wenn wir Daten gleich an Kapital stellen.“

 

Bart de Witte
Gründer & CEO der Hippo AI Foundation

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"Es geht um eine zukunftsweisende Neuordnung der Gesundheitsversorgung in unserem Land, um eine qualitativ hochwertige und ganzheitliche Betreuung auch künftig gewährleisten zu können. Dazu gehört insbesondere der Abbau der bürokratischen Hürden der einzelnen Sozialgesetzbücher, die immer wieder Möglichkeiten der Verschiebung der Zuständigkeiten vom einen zum anderen Kostenträger bieten und schlussendlich weder die Probleme in der täglichen Praxis lösen, noch zur Zufriedenheit der Patienten*innen beitragen. In Anbetracht des stetig steigenden Personalmangels in nahezu allen Gesundheitsberufen muss die seit Jahrzehnten immer wieder proklamierte Reduktion der Kliniken endlich aktiv angegangen werden. Parallel dazu bedarf es einer Neuausrichtung der ambulanten Versorgungsstrukturen mit einer stärkeren Einbindung der Profession Pflege. Seit Jahrzehnten praktizierte Versorgungsstrukturen in diesem Bereich in den skandinavischen Ländern können dafür eine "Blaupause" sein!

Als deutliches Zeichen für die Profession Pflege wird es wichtig sein und das nicht nur im Kontext der Corona-Pandemie, dass die positiven Ansätze, die im Koalitionsvertrag niedergeschrieben und damit fixiert sind, rasch in die praktische Umsetzung gehen. Dazu gehört unbedingt, dass die Position des Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung wieder im Range eines Staatssekretärs/einer Staatssekretärin nachbesetzt wird und zwar mit einem Pflegeprofi! Insgesamt ist es wichtiger denn je die Profession Pflege im Kontext der Selbtverwaltungspartner auf Augenhöhe einzuordnen, was insbesondere die Arbeit des GBA anbelangt. Dort werden die Weichen für eine zukunftsfähige Gesundheitsversorgung gestellt!
"

Peter Bechtel
Vorstandsvorsitzender Bundesverband Pflegemanagement

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"Die neue Bundesregierung sollte den grundlegenden Umbau der medizinischen Versorgungslandschaft angehen mit einer Bündelung der Krankenhausversorgung an interdisziplinären Zentren, durchaus auch in kooperativer Struktur verschiedener Träger. Dies muss verbunden sein mit einer spürbaren Reduzierung der Krankenhausstandorte sowie mit einer stärkeren Ambulantisierung und Digitalisierung der medizinischen Versorgung, ergänzt durch kluge Notfallversorgungskonzepte für ländliche Regionen. Gleichzeitig muss das Vergütungssystem für die Krankenhäuser angepasst werden mit einer besseren Finanzierung von Vorhaltekosten, aber auch einem Anreizsystem, nur die Leistungen zu erbringen, die die Patient:innen brauchen und diese in einer hohen Qualität. Sowohl der gravierende Fachkräftemangel (vor allem, aber nicht nur in der Pflege) als auch die Notwendigkeit, unser Gesundheitswesen bezahlbar zu halten, machen diesen Weg unerlässlich, wenn wir die Qualität der klinischen Versorgung erhalten und ausbauen wollen.

Eine weitere wichtige Aufgabe wird der Umbau des Gesundheitswesen in Deutschland zu einem klimafreundlichen Gesundheitswesen im Sinne der Reduktion des CO²-Fussabdruckes des Gesundheitswesens, aber auch im Sinne der Entwicklung einer stärkeren Resilienz gegen die Folgen des Klimawandels wie etwa Hitze und Hochwasser."

Christian Dreißigacker
Geschäftsführer (Vors.) BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin

 

b128b34c3803b9897d10fd72b3a999ca2dadc97a.png1. Welche Aufgaben sollte die neue Bundesregierung – abgesehen von der Pandemiebekämpfung –aus Ihrer Sicht unverzüglich anpacken?

Die neue Regierung steht vor enormen gesundheitspolitischen Herausforderungen. Bedingt durch den demografischen Wandel und die ausgabenintensive Gesetzgebung der vergangenen Legislaturperiode stellt sich sehr akut die Frage nach der auskömmlichen Finanzierung des Gesamtsystems in den kommenden Jahren. Bereits im Juni haben wir zusammen mit dem IGES-Institut eine Expertise zur Abschätzung des Finanzbedarfs der gesetzlichen Krankenversicherung vorgelegt: Schon für 2023 kommt die Studie zu dem Schluss, dass der Zusatzbeitrag der Kassen um durchschnittlich 1,2 Beitragssatzpunkte steigen muss. Um einen solchen „Beitrags-Tsunami“ zu vermeiden, bedarf es einer finanziellen Abfederung, zum Beispiel durch auskömmliche Beiträge für Bezieherinnen und Bezieher von ALG II. Das ist mehr als im Koalitionsvertrag vereinbart, in dem nur von einer anteiligen Kostenübernahme durch den Bund die Rede ist. Darüber hinaus sind weitere Maßnahmen zur Stabilisierung der GKV-Finanzen erforderlich. Dazu könnte insbesondere eine Absenkung der Mehrwertsteuer auf Arzneimittel beitragen.

2. Welche Aufgaben in Bezug auf die Gesundheitspolitik sind aus Ihrer Sicht die wesentlichsten und dringlichsten, und damit für das Regierungshandeln der nächsten Legislaturperiode zwingend?

Im Koalitionsvertrag wird ein Bund-Länder-Pakt für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung angekündigt. Bund, Länder und die Selbstverwaltung sollten dazu ein gemeinsames Leitbild für die Krankenhausversorgung 2030 entwickeln. In einem Krankenhauspakt sollten klare Zuständigkeiten für die Planung und Finanzierung festgelegt und rechtssichere Mechanismen entwickelt werden, die eine qualitativ hochwertige Versorgung sicherstellen. Dazu gehören eine evidenzbasierte Indikationsstellung sowie medizinisch, personell und technisch gut ausgestatte Krankenhäuser mit guter professioneller Pflege am Bett. Dringend erforderlich ist ein deutlicher Schritt zur Überwindung der Sektorengrenzen. Hier kann eine bessere Einbindung digitaler Lösungen helfen. Hohe Priorität hat auch eine grundlegende Weiterentwicklung der Pflegeversicherung. Wir brauchen eine umfassende Reform, um das Armutsrisiko durch Pflegebedürftigkeit zu verringern, die Zahl der Sozialhilfeempfänger in Heimen zu reduzieren und die Pflegeversicherung finanziell solide aufzustellen. Darüber hinaus gilt es, die Arbeitsbedingungen und die Entlohnung sowohl in der Alten- als auch in der Krankenpflege deutlich zu verbessern. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Gesundheit unserer Kinder. Dieses Thema kommt entschieden zu kurz, nicht nur in Pandemiezeiten. Deshalb sollte der neue Bundestag eine Enquete-Kommission zur Kinder- und Jugendgesundheit einsetzen.

Andreas Storm
Vorstandsvorsitzender der DAK-Gesundheit

Bildquelle: DAK-Gesundheit/Weychardt

9992feed58086dd01e605418c170c41541aff243.png1. Welche Aufgaben sollte die neue Bundesregierung – abgesehen von der Pandemiebekämpfung –aus Ihrer Sicht unverzüglich anpacken?

Das deutsche Gesundheitssystem muss auf die gravierenden Folgen des demografischen Wandels ausgerichtet werden. Das Bundesverfassungsgericht setzt mit seinem Urteil zum Klimaschutz einen Maßstab für Generationengerechtigkeit: Die heute Aktiven dürfen nicht so viele Ressourcen verbrauchen, dass dadurch die Handlungsfreiheit der nachfolgenden Generationen massiv eingeschränkt wird. Das muss auch in der Gesundheits- und Pflegepolitik gelten: Wir müssen mehr Nachhaltigkeit in die Kranken- und Pflegeversicherung einbauen. Doch immer höhere Milliarden-Zuschüsse an die Gesetzliche Kranken- und Pflegeversicherung auf Kosten der Steuerzahler sind keine nachhaltige Lösung. Das wird die Arbeitnehmer und Arbeitgeber sowie vor allem die jüngeren Generationen teuer zu stehen kommen. Nachhaltigkeit erfordert in der Gesundheits- und Pflegepolitik vor allem eine solide und generationengerechte Finanzierung. Der Koalitionsvertrag enthält dazu zwar erste Ansätze, doch die werden bei weitem nicht ausreichen, um die Finanzlücken infolge des demografischen Wandels zu schließen. Das Gebot der Stunde wäre es, die jüngeren Generationen auf mehr Eigenvorsorge vorzubereiten, um eine nachhaltigere Finanzierung zu sichern.

2. Welche Aufgaben in Bezug auf die Gesundheitspolitik sind aus Ihrer Sicht die wesentlichsten und dringlichsten, und damit für das Regierungshandeln der nächsten Legislaturperiode zwingend?

Wir müssen die Digitalisierung des Gesundheitswesens weiter vorantreiben. Damit können wir die Qualität der medizinischen Versorgung weiter verbessern und das System insgesamt effizienter machen. Die Private Krankenversicherung engagiert sich nicht nur als Gesellschafter der „gematik“ für den Aufbau der Telematik-Infrastruktur. Wir bereiten auch Wege für künftige Innovationen, etwa als Gründer des Venture-Capital-Fonds „Heal Capital“, der sich als ein führender europäischer Investor für digitale Gesundheitslösungen etabliert hat. Auch das Ziel der neuen Bundesregierung, die medizinische Prävention zu stärken, werden wir mit besten Kräften unterstützen. Wir wissen, dass entsprechende Programme nur dann auf Zuspruch treffen, wenn sie ohne große Hürden zugänglich sind und sich wie selbstverständlich in den Alltag einfügen. Wir unterstützen Akteure dabei, gesundheitsfördernde Strukturen weiterzuentwickeln: von einer guten Kita-Verpflegung über gelebte Suchtprävention an Schulen bis hin zu bewegungsfreundlichen Pflegeheimen.

Dr. Florian Reuther
Direktor des PKV-Verbands

46769146384fb9c2cae30d64175d2e4ec534d069.pngWelche Aufgaben sollte die neue Bundesregierung aus Ihrer Sicht unverzüglich anpacken?

Regelung der Suizidhilfe

Welche Aufgaben in Bezug auf die Gesundheitspolitik sind aus Ihrer Sicht die wesentlichsten und dringlichsten, und damit für das Regierungshandeln der nächsten Legislaturperiode zwingend?

Zur Verbesserung der Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen:

  • Einen Expertenbeirat zur Beratung der Politik gründen
  • Einen regelmäßigen Bericht zur psychischen Lage der Nation aufsetzen

Prof. Dr. Thomas Pollmächer 
Präsident der DGPPN

b7ae424f15e775155ef4b58cbc23977761639fdb.png1. Welche Aufgaben sollte die neue Bundesregierung – abgesehen von der Pandemiebekämpfung –aus Ihrer Sicht unverzüglich anpacken?

In der Gesundheitspolitik geht es um die Neuordnung der Versorgungslandschaft einschließlich der Innovationsoptionen, die eine sinnvolle Digitalisierung bietet und ganz wesentlich darum, die zukünftige Versorgung durch eine ausreichend vorhandene Anzahl an Fachkräften zu sichern. Das wird schwer genug, aber es hilft nichts, da muss die neue Regierung beherzt und nachhaltig ran!

Jenseits der Gesundheitspolitik halte ich es derzeit für eine der vordringlichsten Aufgaben der neuen Bundesregierung, sich um die Bekämpfung des Klimawandels verdient zu machen. Die Auswirkungen sind langfristig und werden, wenn wir jetzt nicht entschieden dagegen angehen, nachhaltig unser Leben verändern. Damit verbunden ist eine gute Verkehrspolitik, die nachhaltige Mobilitätskonzepte ermöglicht. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Bildungspolitik. Der Fachkräftemangel betrifft ja letztendlich alle Branchen. Hier sind gute und intelligente Konzepte gefragt, die dazu führen, das wir auch in Zukunft in der Lage sind, eine ausreichende Anzahl an Menschen in den Bereichen, wo Bedarf besteht, zu qualifizieren bzw. in unser Land zu holen. Dazu gehört auch eine entsprechende Kultur im Land, die den interkulturellen Austausch pflegt und für Offenheit, Innovation und Austausch steht. Das ist gerade in diesen besonderen Zeiten ein sehr wichtiges Gut, für das es sich einzusetzen lohnt.

2. Welche Aufgaben in Bezug auf die Gesundheitspolitik sind aus Ihrer Sicht die wesentlichsten und dringlichsten, und damit für das Regierungshandeln der nächsten Legislaturperiode zwingend?

Dringend anstehende Aufgaben, die angegangen werden müssen, sind aus meiner Sicht 1.) die Investitionskostenfinanzierung für die Krankenhäuser 2.) Lösungsansätze gegen den Fachkräftemangel zu finden und 3.) das aktuelle Vergütungssystem sektorübergreifend neu anzugehen.

Zu 1.)  Ein Dauerbrenner, der immer noch nicht gelöst ist: Seit geraumer Zeit sind die Kliniken gezwungen, Ihre Mittel für Investitionen teilweise aus den Erlösen zu finanzieren, die eigentlich für die Deckung der Betriebskosten vorgesehen sind.  Der Investitionsbedarf wird weiter deutlich durch die zunehmenden Anforderungen aus der dringend erforderlichen Digitalisierung steigen. Ich gehe davon aus, dass die Mittel, die über das KHZG kommen, hierfür nicht ausreichen werden. Also müssen Mittel und Wege gefunden werden, die Kliniken, die man wirklich benötigt, langfristig und solide auch in Richtung der notwendigen Investitionen auszustatten. Diesbezüglich muss man sich völlig unpolitisch darüber Gedanken machen, welche Kliniken mit welcher Ausstattung tatsächlich erforderlich sind. Hierzu können Sicherstellungszuschläge sowohl für bedarfsnotwendige Häuser in strukturschwachen Regionen als auch für Hochleistungszentren in Ballungsgebieten gehören, die kostenintensive Infrastruktur für Hochleistungsmedizin vorhalten.
 
Bei uns in NRW werden hier gerade über Minister Laumann neue Wege gegangen, die sehr zu begrüßen sind. Man löst sich von der traditionellen Bettenplanung und verteilt die Mittel für die Krankenhäuser und damit die Kapazitäten zukünftig über eine Leistungs- und Strukturplanung mit klaren regionalen Vorgaben. Das ist gut und mutig und wird möglicherweise richtungsweisend für die Bundesrepublik.
 
2.) Der zunehmende Fachkräftemangel ist aktuell sicher das beherrschende Thema im Gesundheitswesen. Man braucht nicht wirklich über ein Leistungswachstum nachdenken, wenn man gar nicht mehr das Personal hat, um die aufgestellten Betten zu betreiben. Hierzu bedarf es mannigfacher Initiativen in Richtung Weiterentwicklung der Berufsfelder, um diese auch mit Akademisierung und neuer interprofessioneller Aufgabenverteilung und Verantwortungsübernahme noch attraktiver und zukunftsfähiger zu machen. Aber auch die Bezahlung spielt sicher eine wesentliche Rolle. Wir brauchen deshalb u.a. eine auskömmliche Finanzierung einer angemessen bezahlten Pflege. Auch in anderen Bereichen, wie zum Beispiel bei den IT-Expert*innen, können wir gegenüber der Industrie nicht mehr mithalten. Wertschätzung ist gut und wichtig. Aber die Bezahlung ist ein wichtiger Hygienefaktor, den wir erfüllen müssen, wenn wir noch ausreichend Menschen für die Berufe, die derzeit nicht adäquat besetzt werden können, gewinnen wollen. 

3.) Reform des Vergütungssystems: Derzeit werden mit dem fallzahlgetriggerten DRG-System immer noch die falschen Anreize gesetzt. Das System löst sich ja bereits durch zunehmende Sonderregelungen, wie z.B. der Herausnahme der Pflegefinanzierung in seine Bestandteile auf und bedarf dringend einer Modernisierung. Die bislang erzielten Effekte in Richtung Prozess- und Ressourcenoptimierung sind ausgeschöpft. Es geht nun darum, die Kliniklandschaft neu zu ordnen und festzulegen, wen man wo braucht und wen nicht mehr. Und es müssen die ökonomischen Fehlanreize entschieden beseitigt werden, die dafür sorgen, dass sich manche Klinken mit bedenkenswerter Qualität durch die reine Fallzahlakquise am Leben halten müssen, obwohl dies realistischerweise mangels vorhandener Fachkräfte und damit mangels vorhandener Expertise kaum möglich ist. Manche Kliniken werden deshalb langfristig vom Netz gehen müssen beziehungsweise in intersektorale Gesundheitszentren transformiert werden. Sofern sie jedoch versorgungsrelevant sind, müssen sie fallzahlunabhängig über entsprechende Zuschläge bei adäquatem Qualitätsmonitoring auskömmlich ihre Leistung erbringen können und zwar in den Leistungsbereichen, wo sie tatsächlich gebraucht werden.  

Ein weiterer wesentlicher Aspekt ist hierbei auch der zweite Dauerbrenner: die intersektorale Versorgung. Hier macht es Sinn, in Zukunft intersektoral in Versorgungsregionen neu zu denken und sektorenübergreifende Budgets zu schaffen. Dies ließe sich zunächst in Modellregionen pilotieren, mit dem Ziel, die ökonomischen Anreize mehr auf die Gesunderhaltung der Bevölkerung zu setzen als auf die Steigerung von stationären Fallzahlen. Dazu gehört auch, den Krankenhäusern den Zugang zur ambulanten Versorgung zu öffnen. Denn vielfach sind gerade in der Fläche die Krankenhäuser diejenigen Leistungsanbieter, die bei einem Ärztemangel in der Fläche noch einspringen und die Versorgung sicherstellen können. Das sollte zukünftig nicht mehr an den derzeitigen Reglementierungshürden scheitern. Bisherige halbherzige Versuche das Thema der Sektorenöffnung anzugehen, sind ja bekanntermaßen leider immer wieder gescheitert. Hier muss sich etwas in der kommenden Legislaturperiode tun.
Damit sind wir dann auch beim Krankenhaus als kooperierendem, intersektoralen Gesundheitsdienstleister, was aus meiner Sicht ohnehin die zukünftige Rolle unserer Kliniken sein wird. 
 

Dr. Jörg Noetzel
Medizinvorstand und stellv. Vorstandsvorsitzender der Mühlenkreiskliniken

81e6fff02daf74596afa6d139d199d295022af40.png1. Welche Aufgaben sollte die neue Bundesregierung – abgesehen von der Pandemiebekämpfung –aus Ihrer Sicht unverzüglich anpacken?

Der Öffentliche Gesundheitsdienst muss wesentlich gestärkt, wenn nicht sogar neu aufgestellt werden. Das hat die Corona-Pandemie wie unter einem Brennglas deutlich gemacht. Dazu gehört neben besserer Bezahlung und einer dringend erforderlichen Digitalisierung, die endlich auch den Anforderungen der Interoperabilität genügt, die Stärkung der ärztlichen Kompetenz im ÖGD. Medizinische Aspekte müssen wieder mehr im Fokus stehen, um Prävention und Vorsorge den erforderlichen Stellenwert einzuräumen. Sinnvoll ist eine Verzahnung zwischen ÖGD auf der einen Seite und Krankenhäusern sowie MVZs auf der anderen Seite. Zu prüfen wäre die Möglichkeit einer Übertragung hoheitlicher Aufgaben des ÖGD an vertragsärztliche Strukturen, etwa durch einen Facharzt für Öffentliches Gesundheitswesen in der Praxis; ebenso die Einbeziehung von Krankenhäusern, die ab einer bestimmten Größe ohnehin Fachkompetenz im Bereich Hygiene besitzen und durch die Auswirkungen der Pandemie auch Impf-Fachwissen vorweisen können. Durch Kooperationen mit den Gesundheitsämtern kann der gesamte Sektor des ÖGD nachhaltig zukunftsfähig gestaltet werden.

2. Welche Aufgaben in Bezug auf die Gesundheitspolitik sind aus Ihrer Sicht die wesentlichsten und dringlichsten, und damit für das Regierungshandeln der nächsten Legislaturperiode zwingend?

Das Gesundheitswesen muss nicht nur digitaler, sondern auch nachhaltiger werden. Es gibt eine Reihe von beeinflussbaren Faktoren – sie reichen von energiesparenden Gebäuden, über CO2-Einsparung durch digitale Sprechstunden statt physischer Arztbesuche und dem Einsatz umweltverträglicherer Narkosestoffe bis zu Müllvermeidung, Nutzung regenerativer Energie und sparsamerem Wasserverbrauch.

Im Krankenhausbereich ist eine Weiterentwicklung des Vergütungssystems von DRG zu patientenassoziierten, teilweise individualisierten Modellen sowie der Umsetzung der im Koalitionsvertrag genannten Vorsorgepauschalen erforderlich.

Dem Fachkräftemangel in nahezu allen nichtärztlichen Gesundheitsberufen muss durch Aufgabenteilung und -übernahme untereinander begegnet werden. Dazu gehört auch, Synergien deutlicher zu identifizieren und voranzutreiben. Es führt kein Weg daran vorbei, Akutkrankenhäuser weiter konsequent umzuwidmen.

Ein lange bekanntes Problem ist nach wie vor ungelöst: Es muss endlich eine engere und effiziente Verzahnung zwischen den unterschiedlichen Versorgungsstrukturen geben. Ambulante, stationäre und notfallindizierte Medizin muss übergreifend gedacht und umgesetzt werden. Das bedeutet auch, dass der Patient viel besser als bislang durch das Gesundheitssystem gelotst wird. Die typischen Drehtüreffekte erzeugen enorme Kosten und binden Ressourcen. Das kann sich unser Gesundheitssystem mittelfristig nicht mehr leisten.
 

Prof. Dr. Axel Ekkernkamp
Geschäftsführer Medizin der BG Kliniken – Klinikverbund der gesetzlichen Unfallversicherung gGmbH
Direktor der Klinik und Poliklinik für Unfall-, Wiederherstellungschirurgie und Rehabilitation der Universitätsmedizin Greifswald


 

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"Neben der Bewältigung der Pandemie gilt es jetzt, die Finanzierung von Gesundheit zukunftssicher aufzustellen und notwendige Reformen in der Versorgung anzugehen. Es ist gut, dass die Koalitionspartner bereits den Bereich Krankenhaus im Blick haben. Dabei ist wichtig, sowohl die Versorgungslandschaft insgesamt als auch die tatsächlichen Notwendigkeiten vor Ort zu berücksichtigen. Auch beim Thema Digitalisierung sind weiterhin Tempo und Entschlossenheit gefragt."

Dr. Jens Baas
Vorstandvorsitzender TK

 

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Der Klimawandel ist die größte Herausforderung, der die Menschheit im Moment gegenübersteht. Von daher muss dieser, am besten jetzt schon während der Pandemie, mit im Blick behalten werden. Die notwendigen Ansatzpunkte hier sind so vielfältig wie unsere Lebensbereiche, reichen durch alle Ressorts und sollten auch parteiübergreifend Priorität haben. Weichenstellungen vonseiten der Politik sind meines Erachtens unumgänglich. Wir brauchen z.B. Hitzeschutzpläne, damit in Deutschland nicht mehr so viele Menschen aufgrund von Hitze sterben. Die Forschung muss dabei unterstützt werden, kreative Lösungen zu erarbeiten. Die Städteplanung sollte urbane Räume neu denken und so umgestalten, dass sie in Zukunft nachhaltige und sogar noch lebenswertere Orte sind als vielleicht jetzt. Absolut jeder ist gefragt, um diese Herausforderung zu bewältigen – wie wir dies auch jetzt in der Pandemie schon erleben und zu großen Teilen leben und tragen. Auch wir im Gesundheitssektor müssen aktiv werden.

2. Welche Aufgaben in Bezug auf die Gesundheitspolitik sind aus Ihrer Sicht die wesentlichsten und dringlichsten, und damit für das Regierungshandeln der nächsten Legislaturperiode zwingend?

Für mich hat auch hier die Bewältigung der Folgen des Klimawandels einen hohen Stellenwert. Wir müssen Resilienz entwickeln – durch Forschung, innovative Ideen, Anpassungsstrategien –gegenüber den Folgen, die schon nicht mehr abzuwenden sind. Die Herausforderungen sind groß und sie werden auf ein Gesundheitssystem treffen, dessen Schwachpunkte auch hinlänglich bekannt sind: wir brauchen mehr medizinische Fachkräfte, besser bezahltes Pflegepersonal, fachübergreifende Zusammenarbeit, nachhaltige Krankenhäuser und Versorgungsstrategien und mehr Zeit für die Versorgung der Patienten, damit wir den ganzheitlichen Blick einnehmen können, der hilft, uns und den Planeten gesund zu erhalten.

Prof. Dr. med. Claudia Traidl-Hoffmann
Direktorin Institut für Umweltmedizin, UNIKA-T, Technische Universität München
Chefärztin Ambulanz für Umweltmedizin, Klinikum Augsburg

Bildquelle: Anatoli Oskin, Universität Augsburg

0efae095d8420e074b5a0318c44f47ab27f5f4ab.jpgWelche Aufgaben in Bezug auf die Gesundheitspolitik sind aus Ihrer Sicht die wesentlichsten und dringlichsten, und damit für das Regierungshandeln der nächsten Legislaturperiode zwingend?

"Die Ausgaben steigen deutlich schneller als die Einnahmen. Dringlich sind daher zunächst - etwa durch ein Vorschaltgesetz - Maßnahmen zur Sicherstellung der externen Finanzierung des Gesundheitswesens. Wie im Koalitionsvertrag beabsichtigt, müssen darüber hinaus endlich auch einschneidende Strukturmaßnahmen erfolgen. Stichworte hier sind u.a.: bedarfsgerechte Reform von Krankenhausstruktur und -vergütung, umfassende Reform der Notfallversorgung, konkrete Schritte zu einer sektorenunabhängigen Versorgung und Vergütung, Stärkung der Akut- und Langzeitpflege. Damit Deutschland nicht noch weiter abgehängt wird und seinen Wohlstand verspielt, sind außerdem weitere Schritte zur nutzergerechten Digitalisierung des Gesundheitswesens erforderlich: eine elektronische Patientenakte mit Opt-Out für alle Versicherten und die Verabschiedung eines Gesundheitsdatennnutzungsgesetzes sind wichtige Meilensteine."

Prof. Dr. Ferdinand Gerlach
Direktor des Institut für Allgemeinmedizin, Goethe-Universität Frankfurt und
Vorsitzender des Sachverständigenrats Gesundheit

Bildquelle: Stiftung Gesundheitswissen

Welche Aufgaben sollte die neue Bundesregierung – abgesehen von der Pandemiebekämpfung –aus Ihrer Sicht unverzüglich anpacken?

Notfallversorgung als integrierte ambulant-stationäre Versorgung eingebettet in eine Krankenhausreform!

Welche Aufgaben in Bezug auf die Gesundheitspolitik sind aus Ihrer Sicht die wesentlichsten und dringlichsten, und damit für das Regierungshandeln der nächsten Legislaturperiode zwingend?

Digitalisierung der Strukturen: Patienten und Leistungserbringer sowie Versicherte zu Kassen!

Günter Neubauer
Institut für Gesundheitsökonomik

64f70edfff8ec0f499a4ecc0e1ad77f0ab0f5a7a.jpg1. Welche Aufgaben sollte die neue Bundesregierung – abgesehen von der Pandemiebekämpfung –aus Ihrer Sicht unverzüglich anpacken?

Viele Fehlentwicklungen im Gesundheitswesen gehen darauf zurück, dass die Bedürfnisse, Probleme und Präferenzen der Patienten nicht ausreichend erkannt, berücksichtigt oder gar durchgesetzt werden. Im Koalitionsvertrag steht, dass die Vertretung der Patienteninteressen im Gemeinsamen Bundesausschuss gestärkt werden soll. Das wäre schon ein wichtiger Hebel, der unbedingt umgesetzt werden sollte. Das reicht aber nicht aus, sondern mittels Beteiligungsformaten, gezielter Versorgungsforschung und weiterer Nutzung von patientenberichteten Endpunkten (PROMs) und Erfahrungen (PREMs) als Steuerungselement sollte die Patientenorientierung vorangetrieben werden und natürlich Patientensicherheit als zentrales Entscheidungskriterium etabliert werden.

2. Welche Aufgaben in Bezug auf die Gesundheitspolitik sind aus Ihrer Sicht die wesentlichsten und dringlichsten, und damit für das Regierungshandeln der nächsten Legislaturperiode zwingend?

Besonders dringend ist der Personalmangel, insbesondere mit Blick auf die Pflegekräfte. Ohne ausreichende (Pflege-)Personalausstattung ist keine sichere Versorgung möglich. Aktuell verschärft sich die Situation tagtäglich, Stichwort Pflexit. Deshalb sollte oberste Priorität der Regierung sein, ein klares Signal zu setzen, dass sowohl die Vergütung als auch die Arbeitsbedingungen rasch, spürbar und nachhaltig verbessert werden.

Dr. Ilona Köster-Steinebach
Geschäftsführerin Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V. (APS)

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Die neue Bundesregierung muss sich in der Gesundheitspolitik vor allem mit zwei zentralen Themen befassen: wir brauchen zum einen eine deutliche Dynamisierung der bisherigen, nicht ausreichenden Digitalisierungsanstrengungen. Erste Schritte sind etwa mit dem Krankenhauszukunftsgesetz gemacht, es fehlt aber noch an Tempo, Umfang und Entschlossenheit. Die Pandemie hat gezeigt, wie weit das Gesundheitswesen bei der Digitalisierung zurückhinkt, aber auch, welche große Perspektiven und Effizienzsprünge sowohl für die Menschen als auch das Gesundheitssystem insgesamt möglich. Die Digitalisierung des Gesundheitssystems muss allein schon aus Gründen einer national funktionierenden Infrastruktur eingebunden werden in eine gesamtgesellschaftliche  Digitalisierungsoffensive, die wir überdies brauchen, um unser Industrieland international wettbewerbsfähig zu halten. Zum anderen müssen Themen wie Klimawandel und Nachhaltigkeit endlich auch in der Gesundheitspolitik eine Rolle spielen. Die Gesundheitswirtschaft ist ein relevanter Emittent von Treibhausgasen, der daraus erwachsenden Verantwortung muss mit konkreten Maßnahmen zum Umweltschutz auch und gerade in unserer Branche begegnet werden – zugegebenermaßen ein noch relativ neuer Gedanke in der Medizin. Die Politik muss dazu die passenden  Rahmenbedingungen schaffen, ich denke etwa an zielführende Finanzierungsvorgaben bei Investitionen in Gebäude oder Infrastruktur.  

2. Welche Aufgaben in Bezug auf die Gesundheitspolitik sind aus Ihrer Sicht die wesentlichsten und dringlichsten, und damit für das Regierungshandeln der nächsten Legislaturperiode zwingend?

Neben der Digitalisierung sind dies zweifellos die notwendigen, schon lange aufgeschobenen Strukturreformen vor allem in der Krankenhauslandschaft. Zielprojektion ist eine zukunftsfeste Struktur, in welcher der Gegensatz zwischen Überversorgung der Ballungsräume und Gefährdung der Grundversorgung im ländlichen Raum, bedingt auch durch den Rückgang der klassischen Hausärzte, aufgelöst wird. Große Zentren für komplexe Krankheitsbilder, kleinere Häuser für die Grundversorgung mit enger an Anbindung an die Telemedizin – so könnte ein funktionierendes, leistungsfähiges und dauerhaft funktionierendes System aussehen. Dies muss noch nicht einmal mit einem dramatischen Rückgang an Krankenhäusern einhergehen, wohl aber mit einer sinnvollen Aufgabeteilung.

Diese große Herausforderung muss die Politik allein schon aufgrund des demographischen Wandels und des zunehmenden Kostendrucks mit Priorität angehen, wohlwissend, das dies ein langwieriger Prozess ist, der nicht innerhalb einer Legislaturperiode abgeschlossen werden kann. Aber die Basis muss jetzt gelegt werden, auch deshalb, damit die Digitalisierung nicht konterkariert wird – diese braucht eine effiziente und leistungsfähige Struktur, um ihren vollen Nutzen zu entfalten.

Prof. Dr. Jochen A. Werner
Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender der Universitätsmedizin Essen

555d10a36b2c168f518d28e92e24372cfc076e61.png1. Welche Aufgaben sollte die neue Bundesregierung – abgesehen von der Pandemiebekämpfung –aus Ihrer Sicht unverzüglich anpacken?

Umfassendes Engagement im Bereich des Kindergartenangebots und in der Schulausbildung (z.B. Infrastruktur, Inhalt, Personalressourcen), um die Zukunft des Landes zu sichern.

2. Welche Aufgaben in Bezug auf die Gesundheitspolitik sind aus Ihrer Sicht die wesentlichsten und dringlichsten, und damit für das Regierungshandeln der nächsten Legislaturperiode zwingend?

Die Covid-19 Pandemie hat die besonderen Anforderungen an eine qualitätsorientierte, belastbare und ausreichende Versorgung im intensivmedizinischen Bereich eindrucksvoll belegt. Durch vernetzte intensivmedizinische Versorgungsnetzwerke wird eine langfristige Perspektive für die Sicherstellung einer hochqualitativen und flächendeckenden intensivmedizinischen Versorgung in Deutschland ermöglicht werden. Die Ergebnisse der Pandemieversorgung u.a. in der Publikation von S. Dohmen et al. (Anästh Intensivmed 2021;62:431–440) belegen deutlich den relevanten und nachweisbaren patienten- und versorgungsstrukturellen Nutzen einer vernetzten Zusammenarbeit von Intensivmedizinern in der Fläche und der zusätzlichen telemedizinischen Unterstützung aus ausgewiesenen intensivmedizinischen Expertenzentren. Insbesondere profitieren beatmete Patienten (ca. 20% aller Intensivpatienten), Patienten mit akutem Lungenversagen (ca. 5% aller Intensivpatienten) und Patienten mit Sepsis (ca. 11% aller Intensivpatienten), die zusammen mehr als 1/3 des dauerhaften intensivmedizinischen Versorgungsvolumens ausmachen.

Daher muss umgesetzt werden, dass mittels intensivmedizinischen digital-gestützten Versorgungsnetzwerk (IDV Zentren) Spitzenintensivmedizin mit höchster Kompetenz flächendeckend telemedizinisch angeboten werden kann. Die Aufnahme der Intensivmedizin in den GBA Zentrenkatalog als eigenständiges Zentrum stellt neben erforderlichen bundeseinheitlichen Qualitätsanforderungen auf besondere Aufgabe nach § 136c Absatz 5 Satz 2 SGB V aus einer überörtlichen und krankenhausübergreifenden Aufgabenwahrnehmung aufgrund außergewöhnlicher technischer und personeller Voraussetzungen ab und ist somit hervorragend geeignet, die aus unserer Sicht erforderliche Struktur im Rahmen der GKV Regelversorgung rechtssicher und dauerhaft abzubilden.

Univ.-Prof. Dr. Gernot Marx, FRCA
Klinikdirektor Universitätsklinikum Aachen
Präsident DIVI

 

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"Die Digitalstrategie für das Gesundheitswesen muss dringen umgesetzt werden und das Implementierungswirrwarr der verschiedenen Pflichtanwendungen wie eRezept und ePA sortiert werden. Es braucht schnell ein gutes Projektmanagement mit koordinierender Funktion Entscheidungsfreude, um das digitale Vakuum nicht implodieren zu lassen."

Sebastian Zilch
Geschäftsführer bvitg

Bildquelle: bvitg

7f52e8a202974482be396383c57ab1d19257559e.jpgWelche Aufgaben sollte die neue Bundesregierung – abgesehen von der Pandemiebekämpfung –aus Ihrer Sicht unverzüglich anpacken?

Intersektorale Versorgung und damit Hybrid-DRG

Welche Aufgaben in Bezug auf die Gesundheitspolitik sind aus Ihrer Sicht die wesentlichsten und dringlichsten, und damit für das Regierungshandeln der nächsten Legislaturperiode zwingend?

Pflegeberuf so attraktiv machen, dass mehr junge Menschen diesen Beruf wählen.

Dr. med. Andreas Tecklenburg
Mitglied der Geschäftsführung der Marienhaus Holding GmbH und Vorsitzender der Geschäftsführung der Marienhaus Kliniken GmbH

9815daa7b4f5dab3cdd245ca7356959d96fcd242.jpg1. Welche Aufgaben sollte die neue Bundesregierung – abgesehen von der Pandemiebekämpfung –aus Ihrer Sicht unverzüglich anpacken?

  • Vermeidung bzw. Verringerung von Über-, Unter und Fehlversorgung
  • Strukturierung der Umsetzung konkreter intersektoraler, interdisziplinärer und interprofessioneller Versorgungsansätze
  • Festschreibung größerer Freiheit für regionale Akteure und Versorgungsstrukturen vor Ort

2. Welche Aufgaben in Bezug auf die Gesundheitspolitik sind aus Ihrer Sicht die wesentlichsten und dringlichsten, und damit für das Regierungshandeln der nächsten Legislaturperiode zwingend?

  • Standardisierung der Überwindung der Sektorengrenzen z.B. durch eigenes SGB V-Kapitel „für Menschen mit interdisziplinären, intersektoralen und interprofessionellen Behandlungsbedarf
  • Orientierung des Gesundheitssystems am konkreten Versorgungsbedarf vor allem chronisch kranker Patientinnen und Patienten
  • Etablierung einer allen Akteuren zugänglichen interoperablen digitalen Infrastruktur auf der Grundlage geschützter interner Kommunikationswege

Prof. Eckhard Nagel
Leiter des IMG
Universität Bayreuth 

1. Welche Aufgaben sollte die neue Bundesregierung – abgesehen von der Pandemiebekämpfung –aus Ihrer Sicht unverzüglich anpacken?

Die Politik sollte verstehen, dass eine starke Wirtschaft, solide Finanzpolitik und motivierte Menschen essenziell für die Zukunft Deutschlands sind. Auf diesen Gebieten muss vorrangig und verlässlich gearbeitet werden. Ideologiedebatten reichen nicht aus. Im Gegenteil, man verliert viele kluge Köpfe.

2. Welche Aufgaben in Bezug auf die Gesundheitspolitik sind aus Ihrer Sicht die wesentlichsten und dringlichsten, und damit für das Regierungshandeln der nächsten Legislaturperiode zwingend?

Ein funktionierendes Gesundheitswesen braucht motivierte Menschen, die ihren Beruf lieben. Nehmen wir das Beispiel Pflegekräfte. Die Politik versteht meines Erachtens nicht, wie dramatisch hier die Situation ist. Uns fehlen heute schon massiv Pflegekräfte und der Bedarf steigt rapide an. Fehlende Pflegekräfte sind der Hauptgrund warum die Anzahl der verfügbaren Intensivbetten in der Pandemie drastisch abgenommen hat. Ein unhaltbarer Zustand. Mit Geld kann man da viel machen. Nur muss dieses bei den Pflegekräften ankommen und nicht in den unendlichen Weiten unseres Gesundheitssystem versacken. Mit einem Nettomonatseinkommen von 1.700 Euro*) kann man niemand dauerhaft zu Höchstleistungen motivieren. Das ist exakt das, was eine ledige Pflegevollkraft in der Altenpflege derzeit im Durchschnitt verdient. Auf der anderen Seite geben wir bereits heute deutlich mehr als Euro 400 Mrd. für unser Gesundheitssystem aus.

*) Bruttoeinkommen von Pflegekräften in der Altenpflege; Quelle: Statista 2021; Nettoeinkommen durch eigene Berechnungen ermittelt

Prof. Dr. Volker Penter
Partner, Audit, Niederlassungsleiter Dresden
KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

 

e0717da4c579a33676c4263c3959a9e17bfd1013.png1. Welche Aufgaben sollte die neue Bundesregierung – abgesehen von der Pandemiebekämpfung –aus Ihrer Sicht unverzüglich anpacken?

In unserer Gesellschaft gibt es Tendenzen, sich in immer homogeneren Gruppen zusammenzufinden, „Schutzräume“ zu fordern und Andersdenkende auszugrenzen. Rechthaberei statt Kompromissbereitschaft hat Konjunktur. Dem gilt es, mutig entgegenzutreten. Eine glaubwürdige Zukunftsvision zu entwickeln, die den Menschen eine realistische Perspektive bietet und den Diskurs wieder erstrebenswert macht, ist unabdingbar. Eine zukunftszugewandte Politik ist mehr als solide Administration. Die Gesellschaft zusammenzuführen, ist eine zentrale Aufgabe unserer Zeit. Bei deren Verfolgung ist Nachhaltigkeit vonnöten, die ökologische und ökonomische Ziele vereint.


2. Welche Aufgaben in Bezug auf die Gesundheitspolitik sind aus Ihrer Sicht die wesentlichsten und dringlichsten, und damit für das Regierungshandeln der nächsten Legislaturperiode zwingend?

Es gibt Landstriche in Deutschland, in denen das tradierte Gesundheitssystem mit der Trennung in einen ambulanten und einen stationären Sektor nicht mehr ausreichend funktioniert. Freiwerdende Arztsitze können dort nur noch verzögert oder teilweise auch schon gar nicht mehr nachbesetzt werden und den Krankenhäusern fehlt mehr und mehr das Fachpersonal. Es muss zügig zu einer Neuordnung der Gesundheitsangebote kommen, die geprägt ist von Konzentration der Spezialleistungen und Vernetzung der regionalen Akteure, auch über das Gesundheits- und Sozialsystem hinaus. Dabei spielen die Chancen der Digitalisierung eine entscheidende Rolle, die es gilt, energisch voranzutreiben. Das wird nur erfolgreich sein können, wenn Planung und Finanzierung diese Ziele im Gleichklang befördern. Deshalb ist die Neuordnung der Gesundheitsangebote eine umfassende Gemeinschaftsaufgabe des Bundes und der Länder, die der Politik in den kommenden Jahren Aufmerksamkeit und Kraft abfordert.

Professor Heinz Lohmann

Bildquelle: LOHMANN konzept/Bertram Solcher

f837e5120994b246292101b279bbbc34f3ecf0cc.jpg1. Welche Aufgaben sollte die neue Bundesregierung – abgesehen von der Pandemiebekämpfung –aus Ihrer Sicht unverzüglich anpacken?

  • Sicherstellung der Mobilität (auch in strukturschwächeren Gebieten) – Ausbau öffentlicher Nahverkehr (Bus, Bahn, S-Bahn, U-Bahnen, breite Fahrradwege)
  • Digitalisierung voranbringen
  • Mehr Bürgerbeteiligung und Öffnung für neue Wohn-, Lebens- und Versorgungformen
  • Abbau von Bürokratie in allen Bereichen
  • Bezahlbaren Wohnraum schaffen, auch für Geringverdiener
  • Aufnahme und Integration von Flüchtlingen

2. Welche Aufgaben in Bezug auf die Gesundheitspolitik sind aus Ihrer Sicht die wesentlichsten und dringlichsten, und damit für das Regierungshandeln der nächsten Legislaturperiode zwingend?

  • Reform der Pflegeversicherung
  • Grundsätzliche Reform der Gesundheitsversorgung
  • Neuordnung Krankenhausfinanzierung
  • Öffnung der sektorenübergreifenden Versorgung
  • Pflege stärken durch mehr Autonomie und Selbstbestimmung/Verwaltung,
  • Akademisierung der Pflege fördern durch Finanzierung von Professuren und Pflegeforschung,
  • Klare Vorgaben für die Allokation von Aufgaben von Arzt an Pflegefachperson
  • 2-jährige Pflegeassistenzausbildung  - 4 jährige Bachelor-Studium Pflege, Masterstudium (Schwerpunkte Intensiv, Geriatrie, Psychiatrie, Transplantation, ÖGD,  Psychiatrie), Promotion- Habilitation: klare Strukturen schaffen, die aber  nach oben durchlässig sind und Karrieren ermöglichen
  • Ministerium für Pflege und Gesundheit
  • Weg frei machen für eine Bundespflegekammer

Vera Lux
Pflegedirektorin
Geschäftsführung Pflege
Medizinische Hochschule Hannover