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Perspektiven und Ideen für die Zukunft der Gesundheit

d3c7160ec394e7600acf8baa15a76f9158fd4a2e.jpgDas Rad der Innovation dreht sich immer schneller. Die digitale Transformation ist der größte Treiber der Veränderung. Menschen und Organisationen im Gesundheitswesen arbeiten daran, die Zukunft der Gesundheitsversorgung auf Basis der digitalen Möglichkeiten neu zu gestalten. Globale Unternehmen aus der Technologiebranche drängen in den attraktiven Gesundheitsmarkt. Neue Technologien und Plattformen entstehen, die Versorgungspfade werden digitaler und dabei treten die Patient:innen immer weiter in den Vordergrund. Sie bringen als Konsumierende Erwartungen mit, haben Zugang zu Informationen und stehen zunehmend vor der Herausforderung, diese für sich einzuordnen. Auch die medizinischen Berufe wandeln sich.

Doch was bringen diese Veränderungen mit sich? Was sollte bedacht werden? Und welche Entwicklungen können als Grundlage für neue Ideen genutzt werden?

Für diese Fragen braucht es Visionär:innen – Menschen, die in ihrem beruflichen Alltag mit den stetigen Veränderungen konfrontiert sind und daraus Folgerungen ziehen können, um sich den wechselnden Gegebenheiten immer wieder neu und bedacht anpassen zu können. Am wichtigsten ist es stets das Wissen zu teilen, sich untereinander auszutauschen, Standpunkte und Meinungen zu präsentieren, um Entwicklungen in die richtige Richtung zu bringen.

Auf dieser Seite findest du einige der Antworten, die uns Visionärinnen und Visionäre auf die Fragen zur Zukunft der Gesundheitsversorgung gegeben haben. Alle Impulse gibt's in Visionäre der Gesundheit (m/w/d), herausgegeben von Inga Bergen

 

Welche Vision haben Sie von der Gesundheitsversorgung der Zukunft?

Welche Vision haben Sie von der Gesundheitsversorgung der Zukunft?

Das Gesundheitssystem der Zukunft muss vor allem eines sein: besser vernetzt als das heutige! Und diese Vernet­zung bezieht sichd7075c16c1611e6b96ed691b30282a1c1fec20b9.png sowohl auf die im System tätigen Ak­teure und deren Vernetzung mit den Patienten, vor allem aber auch auf die Vernetzung und Nutzbarmachung der Gesundheitsdaten. Das Sammeln, Vernetzen und Aus­werten von Daten hat das Potenzial, unsere Gesundheits­versorgung grundsätzlich zu verändern und die Versor­gung des Einzelnen deutlich zu verbessern. Alle struk­turiert zur Verfügung stehenden Daten können Teil der Diagnostik oder Therapie werden, die Behandler werden Expertensysteme nutzen, die den aktuellen Stand des me­dizinischen Wissens zu jeder Zeit und an jedem Ort zur Verfügung stellen können. Durch die Nutzung von Daten werden digitale Patientenpfade entstehen, durch die Leis­tungserbringer und auch Patienten besser informiert und beraten durch die Versorgungslandschaft des Gesund­heitssystems geleitet werden können. Dadurch wird sich endlich ein vernetztes Gesundheitssystem entwickeln, in dem die Akteure über die Systemgrenzen hinweg zu­sammenarbeiten und miteinander Daten austauschen können. Die Hoheit der eigenen Gesundheitsdaten muss dabei allerdings immer beim Patienten liegen, der selbst bestimmen kann, was damit geschehen soll. Zudem wird es eine größere Einbindung von digitalen Anwendun­gen und künstlicher Intelligenz in der Prävention und in der Versorgung geben. Die Gesundheitsversorgung der Zukunft ist personalisiert, datengetrieben und vernetzt – mit den Patienten und Patientinnen im Mittelpunkt. Werden Ärzte im Gesundheitswesen der Zukunft noch darauf verzichten können, eine künstliche In­telligenz in der Behandlung zurate zu ziehen?

Dr. Jens Baas 
Die Techniker

Welche Vision haben Sie von der Gesundheitsversorgung der Zukunft?

Eine Wanderung zu unserer Vision des Gesundheitswesens

Ergreift Sie manchmal Fernweh, der Wunsch neue Orte und Länder zu entdecken? Wir möchten Sie auf eine andere Reise mitnehmen, eine Reise in die Gesundheitsversorgung der Zukunft. Gemein­sam begeben wir uns auf eine Wanderung, um Ih­nen vom höchsten Gipfel unsere Vision 18d29a538200b6ba1aa918bf9f053a3186f21c55.pngzu zeigen.

Die Planung unserer Reise oder: Individualisierung von Prävention und Therapie

Unsere Reise startet lange vor der Abfahrt, mit der individuellen Planung. Welches Gepäck nehme ich mit? Mit welcher Ausrüstung bin ich ausgestat­tet? Wieviel Training habe ich vorher absolviert?

Mit Blick auf unsere Gesundheitsversorgung werden diese individuellen Bedürfnisse durch unsere Genome und unsere Prädisposition für einzelne Krankheiten, durch unseren Lebensstil und unser tagtägliches Ver­halten bestimmt. Weiterentwicklungen in der Daten­erfassung und -analyse ermöglichen personalisierte Risikoprofile sowie individuelle Empfehlungen. Prä­vention und Therapie basierend auf diesen individu­ellen Profilen steht im Vordergrund unserer Vision.

Während der Wanderung oder: Alltagskompatible Versorgungsstrukturen

Wer mehrtägige Wandertouren kennt, weiß, wie wichtig es ist, die eigene Geschwindigkeit zu fin­den und diese langfristig in das Bewegungsverhal­ten zu integrieren. Nur so kann ein:e Wanderer:in ohne zu große Erschöpfung das Ziel erreichen.

Analog sehen 4a22397656975e2b5b25139a460c63e9abaa7df6.pngwir die zweite Etappe unserer Vision – die Integration von Gesundheit als Selbstverständlichkeit in unseren Alltag. Dies kann u.a. durch eingebaute Sen­sorik in Wearables und Alltagsgegenständen geschehen, durch smarte Assistent:innen und At-Home-Tests, unter­stützt durch telemedizinische Angebote. Kern sind dabei integrierte Gesundheitsdienstleistungen, die – wo mög­lich – bequem von zuhause durchgeführt werden können, verbunden – wo notwendig – in die Versorgung vor Ort.

Der Aufstieg zum höchsten Gipfel – oder: Zwischenmenschlichkeit durch Technologie

Nun steht das Erklimmen des höchsten Gipfels bevor. Ein Blick auf das bisher Erreichte lässt uns stolz werden und die Strapazen der langen Wanderung vergessen.

Der höchste Gipfel unserer Vision ist die Zwischen­menschlichkeit im Gesundheitswesen, unterstützt durch Technologie. Digitale Tools erleichtern den Ver­sorgungsalltag und ermöglichen es dem medizini­schen Personal, sich verstärkt ihren Kernaufgaben zu widmen: Hand anlegen, zuhören und Hoffnung ge­ben. So wird die Gesundheit der Patient:innen priori­siert und eine Interaktion auf Augenhöhe ermöglicht.

Lina Behrens (Berlin) und Dr. med. Johanna Ludwig (Unfallkrankenhaus Berlin)

Welche Vision haben Sie von der Gesundheitsversorgung der Zukunft?

Das zukcfb8ada31cc83e27337387a6f7472e167c1ed26b.pngünftige Gesundheitswesen stellt den Menschen in den Mittelpunkt der Versorgung und befähigt ihn, seine Gesundheit – und Krankheit – aktiv zu gestalten und zu managen. Gesundheitsversorgung wird von vielen Akteuren, darunter traditionellen Leistungserbringern wie Ärztinnen und Krankenhäusern, aber auch vielen nicht-traditionellen Versorgern und Trägern, angebo­ten werden. Cloudbasierte Plattformen und IT-Lösun­gen verbinden alle Akteure und ermöglichen damit den Datenfluss und die Datennutzung in Echtzeit. Gesund­heitsleistungen werden individualisiert und auf die Be­dürfnisse des Einzelnen zugeschnitten. Der Fokus wird auf Prävention, Früherkennung und disease interception liegen. So wird das gegenwärtige Krankheitsverwal­tungssystem zu einem wahren Gesundheitssystem.

Insgesamt sehen wir drei große Trends, die eine wichtige Rolle spielen.

  1. Konsumismus: Die derzeit eher passive Patientin, die erst bei Unwohlsein oder Beschwerden ärztliche Hilfe auf­sucht, wird zukünftig schrittweise zur aktiven Konsu­mentin, die durch Technologie und erhöhte Gesund­heitskompetenz (health literacy) befähigt, ihre Gesund­heit und Krankheit selbst verwaltet. Drehscheibe hierfür ist eine umfangreiche digitale Gesundheits­akte (nicht „Patienten“akte!), in der Krankheits- aber vor allem auch Gesundheitsdaten von der Geburt bis zum Tod strukturiert zusammenfließen. Dazu gehö­ren klinische Daten sowie Daten aus Apps, Weara­bles und smart sensors, die eine umfassende individu­elle Datengrundlage für jeden Einzelnen schaffen.
  2. Lokalisierung: Der zukünftige Konsument wird die Ent­scheidungen, welche Gesundheitsleistungen er wann in Anspruch nehm3bcb4ed3ac0fd5b3df3c8f4f45021729f1468d6c.pngen wird, nach persönlichen Krite­rien treffen. Verbraucherfreundlichkeit, Komfort, Ser­vice und Preis-Leistungsverhältnis werden dabei eine Rolle spielen. Der Gesundheitsmarkt wird reagieren und dem Konsumenten im freien Wettbewerb ent­sprechende Angebote, basierend auf individuellen Datenanalysen, machen. Dadurch wird das Gesund­heitswesen zugänglicher und lokaler, aber auch frag­mentierter: Digitale Angebote werden an Zahl und Be­deutung zunehmen, da sie sich leichter in den Alltag integrieren lassen. Das häusliche Umfeld wird zum Mittelpunkt der Gesundheitsversorgung. Durch di­gitale Lösungen, Sensorik und Robotik wird es Men­schen mit chronischen Erkrankungen, Behinderun­gen und zunehmendem Alter ermöglicht, ein selbst­bestimmtes und sicheres Leben im eigenen Zuhause zu führen und so ihre Lebensqualität zu verbessern.
  3. Individualisierung: Aufbauend auf rasanten Fortschrit­ten in der Molekularbiologie und Genetik und hö­heren Erwartungen der Konsumenten, werden Ge­sundheitsleistungen von der Prävention und disease interception bis hin zu Behandlun­gen und Nachsorge zunehmend auf individuelle Bedürfnisse zu­geschnitten. Diese Individua­lisierung der Gesundheit wird nicht nur genetische, sondern auch Umwelt- und Alltagsfakto­ren wie soziale Determinanten von Gesundheit mit einbeziehen.

Prof. Dr. Dr. Christian Dierks und Monika Rimmele 
Dierks + Company

Welche Vision haben Sie von der Gesundheitsversorgung der Zukunft?

Ich rechne fest damit, dass sich die Gesundheitsversor­gung in Deutschland auch in den kommenden Jahren positiv entwickelt und noch besser als heute sein wird. c42ef6c8a6911e3d571df1b9590c8f78da7ea6b7.pngOberstes Ziel muss sein, auch weiterhin jedermann den Zugang zu modernster Medizin möglich zu ma­chen. Risiken für diese Maxime sehe ich nur, falls es zu einem einschneidenden Wirtschaftseinbruch kom­men sollte. Eckpunkte der zukünftigen Entwicklung:

  • die Gesundheitsversorgung wird digitaler und nachhaltiger
  • die Verweildauern in Krankenhäu­sern nehmen sukzessive ab
  • in die ländliche Versorgung greift unter­stützend die Telemedizin ein
  • Universitätskliniken werden sich zu Zent­ren regionaler Versorgungsverbünde weiterent­wickeln, denn Spitzenmedizin und Netzwerk- Partnerschaften müssen kein Widerspruch sein

Besonderes Augenmerk muss der Pflege gelten: Die an­strengenden Tätigkeiten der Pflegefachberufe bedür­fen nicht nur pflegeunterstützender digitaler Appli­kationen; der in Japan selbstverständliche Einsatz von Pflegerobotern wird auch in Deutschland kommen. In nicht allzu ferner Zukunft wird die Zusammenarbeit von Menschen und humanoiden Partnern zum All­tag der Pflege gehören. Dank kluger Maßnahmen der Politik in den vergangenen Jahren werden sich die so wichtigen Therapieberufe ebenfalls stabilisieren.

Auch die Ärzteschaft steht vor erheblichen Umwäl­zungen. Immer mehr Vertragsärzte wechseln von der Selbstständigkeit in das Angestelltenverhältnis, da­mit werden Diagnostik und ambulante Therapie in MVZs und Polikliniken zum Normalfall. Die Medi­zin – auch gerade im ärztlichen Bereich – wird weib­licher. Das ist eine erfreuliche Entwicklung, die sich aber auch in höheren Hierarchien abbilden sollte.

Prof. Dr. med. Axel Ekkernkamp
BG Klinikum Unfallkrankenhaus

Welche Vision haben Sie von der Gesundheitsversorgung der Zukunft?e52790c0f1a661a9d1e8059ab948a84c040d204d.png

Meine Vision der Gesundheitsversorgung der Zukunft ist ein System, in welchem psychische und physische Gesundheit gleichberechtigt gesehen und behandelt wer-den. Grundlage dafür ist ein selbstbestimmter, datenbasierter und menschenzentrierter Ansatz. Die Empfehlungen, die ausgesprochen werden, basieren auf neuesten Studiendaten und Erkenntnissen, und sollten in jeder Hinsicht – wie z.B. Geschlecht, Familienhistorie, gesundheitliche Vorgeschichte, individuelle Ausgangslage – auf die jeweilige Person angepasst sein. Die gesamte „User Journey“ wird von Software und Künstlicher Intelligenz begleitet – von Prävention, Erstkontakt, Triage, Diagnostik, bis hin zu behandlungsbegleitendem Monitoring. Für die Zukunft der Versorgung psychischer Erkrankungen ist noch zu ergänzen, dass die Orientierung und der frühe, niedrigeschwellige Zugang zur Behandlung wesentlich erleichtert werden, genauso wie die Behandlung im ambulanten oder häuslichen Umfeld. Eine präzise, umfassende und frühzeitige Diagnostik ist dafür eine unbedingte Voraussetzung – unterstützt von passenden, smarten Technologien, Künstlicher Intelligenz mit Insights aus passiven und aktiven Datenquellen. Die Übergänge zwischen Software und menschlichem Fachpersonal sind fließend, oft unbemerkt von den Betroffenen.

Laura Henrich
Klenico Health GmbH

Welche Vision haben Sie von der Gesundheitsversorgung der Zukunft?

Das Ge10f4c04af241b9439348d54900c37faab70b3d48.pngsundheitssystem der Zukunft wird sich weiter­hin an den Chancen sowie Defiziten der Versorgung, aber auch zunehmend an den technologischen Mög­lichkeiten orientieren. Die Konstante in dieser Glei­chung bleibt bis auf Weiteres der menschliche Orga­nismus, der durch die Forschung immer weiter auf­geschlüsselt wird, was neue Ansatzpunkte für Thera­pien, Diagnostik, Früherkennung etc. ermöglicht.

Im Sinne der Digitalisierung ist davon auszugehen, dass Problemstellungen, die heute die Diskussionen be­herrschen, in Zukunft weitgehend gelöst sind. Erst wenn Fragestellungen rund um den Datenschutz, um den mobilen Zugang der Patienten zum Gesundheitssystem, um Interoperabilität und Schnittstellen, die Qualität der Primärsysteme und Verfügbarkeit der Infrastruktur so­wie die damit verbundene Akzeptanz bei den Leistungs­erbringern nicht mehr das Tagesgeschehen bestimmen bzw. zufriedenstellend beantwortet sind, kann sich die ganze Kraft der Digitalisierung auch in der Versorgung entfalten. Die Diskussionen der Zukunft werden insbe­sondere rund um ethische Fragen zum Einsatz der Künst­lichen Intelligenz, um die Vermeidung der Entmensch­lichung der Versorgung, um Eigenverantwortung und die Ökonomisierung der Versorgung geführt werden.

10 Gedanken zur Gesundheitsversorgung der Zukunft

  1. Die Digitalisierung wird das verbindende Ele­ment aller Beteiligten der Versorgung und zwi­schen den Lebensbereichen (Ernährung, Gesundheit, Sport, Arbeit, Entertainment, Familie etc.) sein.
  2. Dabei wird das Smartphone – oder in Zukunft eine andere Consumer-Technologie – das Zentrum des pa­tientenzentrierten digitalen Ökosystems sein. Pri­märsysteme der Leistungserbringer, Kostenträger etc. sowie die gesamte Infrastruktur werden sich auf das patientenzentrierte digitale Ökosystem ausrichten.
  3. Digitalisierung wird im Versorgungskontext eine eigene starke Lobby bekommen, die sich nicht anderen Interessen unterordnen muss.
  4. Versorgung wird dezentralisiert bzw. standortunab­hängig funktionieren, soweit dies technisch mög­lich ist. Der Patient:innen werden Gesundheits­einrichtungen nur noch betreten, wenn eine phy­sische Intervention unbedingt erforderlich ist.
  5. Moderne Patient:innen und Ärzt:innen wer­den einander aufgrund diverser digitaler Ent­scheidungshilfen für beide Seiten partnerschaft­lich begegnen, was die Kommunikation in der Versorgung und die Anforderungen an die ärzt­liche Ausbildung nachhaltig verändern wird.
  6. Die ärztliche Versorgung wird sich weiter spezia­lisieren können, da telemedizinische Entschei­dungshilfen oder Beratungen grundlegende Fra­gen sowie Bagatellerkrankungen von Patien­ten ohne direkten Arztkontakt klären können.
  7. Dadurch werden sich Arbeitsmodelle, Dele­gationsgrad und Selbstverständnis des ärzt­lichen Tuns dauerhaft wandeln.
  8. Etablierte Organisationsein­heiten der Versorgung (KHs, Praxen, Apotheken etc.) wer­den sich durch die Digitali­sierung stark umformen und je nach Anpassungsfähigkeit und Gestaltungswillen an Rele­vanz verlieren oder gewinnen.
  9. Die Finanzierung der Ver­sorgung wird sich zunächst in Richtung digitaler Wahl­tarife entwickeln und dauer­haft digitale Versorgungsmo­delle als Standard behandeln.
  10. Die Nutzung der künstlichen Intelligenz wird Teil des Ver­sorgungsstandards für die in­dividuelle aber auch die öf­fentliche Gesundheit.

Diese Entwicklungen werden zur Folge haben, dass der Unterversor­gung in ländlichen Regionen zu gro­ßen Teilen begegnet werden kann, wodurch sich regionale Wettbe­werbsvorteile signifikant verschieben bzw. nivellieren werden. Deutsch­land wird durch eine konsequente Digitalisierung der Versorgung und medizinischen Forschung weiterhin eine weltweit führende Rolle in der Medizin spielen, was Deutschland als Wirtschaftsstandort interessant machen und zum sozialen Frieden beitragen wird. Menschen wer­den länger und gesünder leben. Der ärztliche und der pflegerische Beruf werden an Attraktivität gewinnen, wenn die Digitalisierung der Ver­sorgung konsequent genutzt wird.

Dr. Florian Fuhrmann
kv.digital

Welche Vision haben Sie von der Gesundheitsversorgung der Zukunft?

Für mich steht und fällt die Gesundheitsversorgung damit, dass wir das Potenzial der Digitalisierung ausschöpfen, dass wir uns wieder stärker auf die Kraft der natürlichen Medizin zurückbesinnen und Gesundheit holistischer verstehen.

Kranke Menschen kennen es nur allzu gut: über-füllte Warteräume und ewige Wartezeiten, bevor sie überhaupt einen Termin erhalten. Eine Odyssee von einer Praxis zur nächsten ist die Regel, nicht die Ausnahme. Das alles muss aber nicht sein. Wir haben er-lebt, wie Digitalisierung und Innovation Konsument:innen in den Mittelpunkt und den Service-Gedanken an oberste Stelle gerückt haben. Das sollte doch erst recht der Fall sein, wenn wir es nicht mit Konsument:innen zu tun haben, die Produkte oder Dienstleistungen erwerben wollen, sondern mit Patient:innen, die er-krankt sind und auf unsere Hilfe angewiesen sind.

Wir haben zudem erlebt, dass die Idee und der alleinige Beschluss, sich digital weiterzuentwickeln, das Problem nicht lösen. Es hapert an der richtigen Umsetzung.

Ein bestes Beispiel dafür, wie langsam sich das Gesundheitssystem teilweise wandelt, ist medizinisches Cannabis. Der Gesetzgeber hat 2017 explizit einen therapieoffenen Ansatz gewählt. Jede Ärztin und jeder Arzt können also in der Theorie medizinisches Cannabis verschreiben – vorausgesetzt, die Menschen sind chronisch erkrankt und andere Therapieoptionen haben sich nicht bewährt. Tatsächlich haben geschätzt aber nur circa zwei Prozent aller Ärztinnen und Ärzte bis dato überhaupt medizinisches Cannabis verordnet – und das obwohl die Nebenwirkungen oft viel geringer sind als bei anderen Medikamenten. Ursache dafür ist, dass das Gesetz im Alltag der Ärzt:innen, Apotheker:innen und Patient:innen k4361a83f9a3d1db35ce162e0862cd5640354f591.pngaum integriert wurde. Es fehlten von Beginn an Schulungsmaterial für Ärzte und Apotheker, um den Umgang mit der speziellen Medikation von Cannabis zu vereinfachen. Das Fachpersonal wurde vom Staat in der Umsetzung im Stich gelassen, was zu einer mehrheitlichen Ablehnung von Cannabis als Medizin geführt hatte. Nur durch Eigeninitiative konnten sich Arzt, Apotheker und Patient Wissen aneignen. Auf dieser Eigen-initiative beruhte auch das Wachstum des Marktes seit März 2017. Allerdings befinden sich noch heute viele Patient:innen auf der Suche nach Ärztinnen oder Ärzten, die Erfahrung mit Cannabis haben und gewollt sind, sie bei der Therapie zu unterstützen. Oft leider vergebens.

Von daher haben Digitalisierung und medizinisches Cannabis einen gemeinsamen Nenner: Beide könnten den Lebensalltag vieler erkrankter Menschen weltweit enorm verbessern. In meiner Vision vom Gesundheitswesen der Zukunft sehen die Innovationszyklen deutlich kürzer aus als bisher und sorgen dafür, dass wir daten-basiert Therapien individualisieren und optimieren. Vor allem basiert jedes innovative Vorhaben auf einem klaren Execution Plan, der alle Stakeholder der jeweiligen Märkte berücksichtigt. Das ist meines Erachtens mit Abstand der größte Fehler im Gesundheitswesen: Davon auszugehen, dass Ärztinnen und Ärzte, Apotheken, Ver-sicherungen und andere Beteiligte sich eigenständig über neue Therapien und neue digitale Ansätze informieren und diese aus eigenem Antrieb heraus implementieren.

Anna-Sophia Kouparanis
Bloomwell Group GmbH

Welche Innovationen können wir heute schon sehen und wie zahlen diese auf diese mögliche Zukunft ein?

Welche Innovationen können wir heute schon sehen und wie zahlen diese auf diese mögliche Zukunft ein? 

Ich denke hier sehr einfach. Gesundheitsversorgung – so bin ich überzeugt – ist eine tief menschliche Angelegen­heit. Ich glaube an keine Zukunft, in der die gesamte Kette der Gesundheitsversorgung von Robotern und Computern übernommen wird. Ganz im Gegenteil, der Faktor Mensch wird in Zeiten von Web 3 und dem Meta­verse immer mehr an Gewicht und Relevanz gewinnen. Dennoch ist nicht für alle Schritte in der Gesundhe7c491ea6b27d3a7923f240585ffd3227a9a40660.pngits­versorgung manuelle oder analoge Arbeit notwendig – ich denke hier an Dokumentation, bestimmte Bereiche in der Diagnostik oder vermeintlich einfache Schritte wie Terminvergabe. Abgesehen von Innovationen im therapeutischen Bereich habe ich große Hoffnung auf Innovationen, die dazu verhelfen, die Zeit am Patien­ten zu maximieren und Ärzten und Patienten helfen, die richtigen Entscheidungen gemeinsam zu treffen.

Das sind meine beiden Hauptkriterien, die ich anlege:

  1. Werden Ärzte und Patienten dadurch direkt oder indirekt mehr sinnvolle Zeit miteinander ver­bringen können? Darunter fällt alles, was Ab­läufe effizienter macht wie z.B. Telemedizin, elek­tronische Datenverarbeitung und -speicherung
  2. Werden Ärzte oder Patienten bessere Entschei­dungen treffen können? Dazu gehören zum Bei­spiel Lösungen, die zu mehr Transparenz führen oder datenbasierte Diagnosealgorithmen einsetzen.

Wie man an den genannten Beispielen schon sieht, wird Digitalisierung und der Einsatz von Tech­nologie ein Kerntreiber von Innovation sein.

Dr. Sophie Chung
Qunomedical

Welche Innovationen können wir heute schon sehen und wie zahlen diese auf diese mögliche Zukunft ein?

Innovation beschreibt im Wortsinne ja immer eine „Neuerung“ (abgeleitet vom lateinischen „innovare“, was so viel heißt wie „erneuern“). Dabei geht es nicht nur um neue, technische Produkte. Sondern wir können Innova­tion auch in der zeitlichen oder sozialen Dimension ver­stehen. Auch Gesundheitsverhalten, das durch digitale Anwendungen verändert wird, ist somit eine Innovation.

Ein aktuelles Beispiel für eine solche Innovation sind Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA). Mit ihnen wird beispielsweise Leitlinien-relevantes Wissen direkt in0a7054e92d6950ec69adcf152e4109c95100bf60.png den Alltag übertragen – und das auch noch individua­lisiert. Nutzer:innen können ihr Verhalten mithilfe einer DiGA unter anderem in angstauslösenden Situ­ationen oder bei ihrer Ernährung verändern. Sie kön­nen Fortschritte einfacher und regelmäßiger prüfen, durch technische Unterstützung erweitern (z.B. durch eine Virtual-Reality-Brille) oder erhalten automatisch Hinweise für Änderungen. Wenn dies zu wirksame­ren Therapieansätzen führt, als wir sie bislang haben, dann ist das durchaus innovativ. Denn die Anwendun­gen erneuern so unseren Umgang mit Erkrankungen. Auch im Bereich der asynchronen Telemedizin sehen wir Innovationen, z.B. durch den Einsatz von KI in der Diagnostik. Diese Fälle zeigen, wie digitale Lösungen ganz neue Patientenwege erschließen und ein neues Monitoring von Erkrankungen ermöglichen. Sie alle machen es möglich, die Versorgung für Patient:innen individueller und niedrigschwelliger zu gestalten und den oder die Einzelne enger in den Prozess einzubin­den. Dank digitaler Anwendungen können Patient:in­nen unabhängig von ihrem Wohnort eine gleichbleibend hohe qualitative Versorgung in Anspruch nehmen.

Dr. Anne Sophie Geier
Spitzenverband Digitale Gesundheitsversorgung (SVDGV)

Welche Innovationen können wir heute schon sehen und wie zahlen diese auf diese mögliche Zukunft ein?21426d7eb17f75cc0020aa7936e8068264048822.png

Nun, tatsächlich ist Deutschland beim Thema Patientensicherheit ein „Entwicklungsland“ und hinkt anderen Ländern deutlich hinterher, ähnlich wie bei dem Thema Digitalisierung. Beide Themen gehören aber auch unter bestimmten Aspekten zusammen: Die Digitalisierung wird die Patientensicherheit in den einzelnen Versorgungsprozessen verbessern.

Bis zu 80 Prozent der Patientenschäden sind auf mangelnde Kommunikation zurückzuführen, dies könnte sich zum Beispiel bei einer klugen und intelligenten Anwendung der elektronischen Patientenakte verbessern lassen. Für eine bessere Patientensicherheit muss die Digitalisierung insgesamt aber noch einen gewaltigen Schub erfahren.

Dr. Ruth Hecker
Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V.

Welche Innovationen können wir heute schon sehen und wie zahlen diese auf diese mögliche Zukunft ein

Morgen ist heute: Femtech oder Female Digital Health als Teil der neuen medizinischen Versorgung. Schaut man auf den Trend, dass immer mehr, vor allem junge Frauenb1870ee568ee1dab468669836500dc13479d7fc1.png diese o.g. Themenvielfalt bei einer Frauenärzt:in angesiedelt sehen wollen, zum anderen diese Frauen digital affin sind und die Vorteile der Digitalisierung zu schätzen wissen – Zeitersparnis, umfassende Informationen, unmittelbarer Service – dann wird deutlich, warum sich in den letzten Jahren so viele FemTech Unternehmen und Digital Female Health Start-ups weltweit dieser Themen angenommen haben und diese bedienen. Sie alle basieren auf einer Service- der Prozessinnovation. Gerade in den Themenfeldern wie Menopause und Verhütung, aber auch Ernährung, Kinderwunsch, Sexualberatung sind in den letzten Jahren diverse Firmen entstanden, die weltweit wachsen. Interessant an diesen Unternehmen ist, verglichen zu der klassischen Arztpraxis, dass sich die Firmen ein Thema heraussuchen und dieses umfassend in die Tiefe ausarbeiten und hier zur Beratung in der Praxis konkurrenzfähig werden, wo bekanntermaßen die Zeit knapp ist. Außerdem bieten sie weitere Services an: Die Pillenpackung wird nach Hause geschickt, der Kredit für die Kinderwunschbehandlung mitgeliefert, die medizinische Versorgung kommt an den Arbeitsplatz, usw.

Für die betroffenen Frauen bedeutet das, dass sie auf ihrer „Patient Journey“ dort abgeholt werden, wo sie stehen, was für viele einen unschätzbaren Vorteil bietet.

Und gerade bei Themen, wo es nicht um Leben und Tod geht, ist Service wichtiger denn je.

PD Dr. med. Maike Henningsen
HELIOS ambulant
Geschäftsfeldentwicklung, digitale Innovation Ambulanter Fachbereich Frauenheilkunde und Geburtshilfe

Welche Innovationen können wir heute schon sehen und wie zahlen diese auf diese mögliche Zukunft ein?

Das Gesundheitswesen befindet sich in einem dramatischen Zustand, der sich nicht allein auf einen Mangel an Innovationen zurückführen lässt. Ins-besondere die folgenden drei Faktoren dürften ursächlich für viele Fehlentwicklungen sein:

Faktor 1: Viele Gesundheitsunternehmen sind Finanzdienstleister.

Jedes Unternehmen bewegt sich in einem Spannungsfeld der teils widersprüchlichen Interessen verschiedener Stakeholder, auch Gesundheitsunternehmen bilden hierbei keine Ausnahme. Da die Eigentümer von vielen Gesundheitsunternehmen Finanzinvestoren sind, die eine gewisse Gewinnerwartung mitbringen, wer-den viele medizinische Entscheidungen durch kommerzielle Interessen beeinflusst. Am Ende werden zwar auch Gesundheitsdienstleistungen erbracht, diese dienen aber wiederum dem Zwecke der Gewinnerzielung.

Faktor 2: Im Gesundheitswesen werden Ressourcen verschwendet.

Nicht alle Gesundheitsunternehmen sind Finanzdienstleister. Insbesondere Gesundheitsunternehmen in öffentlicher Trägerschaft weisen allerdings oft eine unzureichende Prozessinfrastruktur auf, die dazu führt, dass finanzielle, personelle und andere Ressourcen verschwendet werden. Treten monetäre Defizite auf, werden diese oft durch öffentliche Gelder ausgeglichen. So fehlt der Anreiz, eine ressourcenschonende Prozessinfrastruktur aufzubauen und Versicherte bekommen für ihr Geld weniger Gesundheitsdienstleistungen als anderswob9c5072e870995ef939ab72696956dedc5b00094.png

Faktor 3: Das Gesundheitswesen zerstört die Erde.

 Im Gesundheitswesen werden für viele Prozeduren Rohstoffe aus nicht erneuerbaren Quellen verwendet. Und auch der große Anteil an Einwegprodukten in der medizinischen Versorgung trägt dazu bei, dass sich viele Handlungen destruktiv auf das Ökosystem Erde auswirken. Von einer Kreislaufwirtschaft, bei der ausschließlich auf erneuerbare Ressourcen zurückgegriffen wird, ist das Gesundheitssystem noch sehr weit entfernt.

Purpose Economy als Alternative? Patientinnen und Patienten haben also die Qual der Wahl. Entweder begeben sie sich in die Obhut von Finanzdienstleistern, die zwar häufig über eine leistungsfähige Prozessinfrastruktur verfügen, Therapieentscheidungen aber ausweislich der Einschätzung vieler Fachleute auch anhand kommerzieller Überlegungen treffen (Osterloh 2022). Oder sie begeben sich in die Obhut von Einrichtungen, in denen zwar keine Gewinnerzielungsabsicht besteht, aber die defizitäre Prozessinfrastruktur einer modernen Spitzenmedizin im Wege steht.

Es liegt also nahe, das Beste aus bei-den Welten zusammenzuführen. Einerseits eine leistungsfähige und digitalisierte Prozessinfrastruktur, die die Bedürfnisse der Patient:innen bestmöglich erfüllt, andererseits eine gesellschaftsrechtliche Ausgestaltung der Unternehmen, bei der nicht Investoren, sondern ausschließlich Patient:innen und Beschäftigte vom wirtschaftlichen Ergebnis des Unternehmens profitieren. Das schließt eine Ökonomisierung der Medizin nicht aus, ganz im Gegenteil: Eine ökonomische Herangehensweise an die Gesundheitsversorgung ist erforderlich, um einen verschwenderischen Verbrauch von Ressourcen zu verhindern und zugleich finanzielle Spielräume für eine bessere Ausgestaltung des Gesundheitswesens zu schaffen.

Unternehmen, bei denen der Purpose (= Sinn und Zweck) im Vordergrund steht und nicht in erster Linie kommerzielle Interessen erfüllt werden, lassen sich unter dem Begriff „Purpose Economy“ zusammenfassen. Zwei wesentliche Prinzipien unterscheiden Purpose-Unternehmen von herkömmlichen Unternehmen:

  • Die Eigentümerschaft liegt bei den Menschen, die die Werte des Unternehmens teilen
  • Die Eigentümerschaft berechtigt nicht zur Gewinnentnahme

Aufgrund dieser beiden Prinzipien wandelt sich die Rolle der Eigentümer dahingehend, dass sie das Unternehmen treuhänderisch im Sinne des gemeinsamen Purpose führen und weiterentwickeln. Diese Tätigkeit darf natürlich vergütet werden, eine Ausschüttung von Gewinnen an die Eigentümer ohne entsprechende Gegenleistung ist allerdings ausgeschlossen. (Homeyer u. Reiff 2020)

Purpose-Unternehmen verfolgen nicht in erster Linie kommerzielle Interessen, sondern dienen einem höheren Zweck. Da die Eigentümerschaft an ein gemeinsames Werteverständnis gebunden ist und nicht zur Gewinnentnahme berechtigt, stehen Gewinne in vollem Umfang für die Purpose-Erreichung zur Verfügung. Es existieren bereits heute Rechtsformen, die genau dieses Ziel konstitutionell im Unternehmen verankern können. Neben Genossenschaften und komplexen Stiftungsmodellen ist aktuell auch die neue Rechtsform „Verantwortungseigentum“ in der Diskussion, die das Potenzial hat, die Versorgungslandschaft nachhaltig zu prägen. (Sanders et al. 2020)

Prof. Dr. med. Felix Hoffmann
Purpose:Health e.V.

Welche Innovationen können wir heute schon sehen und wie zahlen diese auf diese mögliche Zukunft ein?

  • Digitalisierung und niedrigschwellige Gesundheitsangebote sind heute schon möglich, wegen der engen Regulatorik aber wenig attraktiv für die Anbieter in Deutschland
  • starre Versorgungsmodelle können durch mobile Einheiten aufgebrochen und die Leistung heute schon an alle Orte in der Welt gebracht werden
  • Capitation oder regionale Gesundheitsangebote und Versorgungsmodelle sind heute bereits machbar, bislang aber nicht gewollt

Was im klassischen Produktmarkt Gesetz ist, hält Schritt für Schritt auch Einzug in das Gesundheitswesen: Das Produkt muss zum Kunden. Das heißt konkret, dass d90e4a724a1a1d4f8da89045d40468a640e37182.pngwir schon heute durch Apps, Telemedizin und digitale Services in der Lage sind, frühere „physische“ Leistungen digital zu den Menschen zu bringen. Die Videosprechstunde ist ein sehr passendes Beispiel. Dennoch sind diese niedrigschwelligen Gesundheitsangebote im deutschen Gesundheitswesen durch einengende Regulatorik und ineffiziente Vergütung für Anbieter wenig attraktiv. Hier sollten wir nicht den Fehler machen, am Bedürfnis der Menschen vorbei zu regulieren. Wir sehen in den USA gesundheitsfremde Unternehmen wie Amazon Kooperationen mit Telemedizinanbietern schließen – Es ist eine Frage der Zeit, bis diese Welle nach Deutschland kommt.

Es gibt heute schon erste Pilotprojekte, die die klassischen starren Versorgungsmodelle aufbrechen. Eine Umfrage im Auftrag von Helios hat 2021 ergeben, dass rund ein Drittel der Deutschen sich mobile Versorgungsangebote wünschen würden. Jetzt müssen wir skalierbare Angebote schaffen und sie aus der Pilotphase herausholen. 2035 werden laut einer Studie der Robert Bosch Stiftung bundesweit 11.000 Hausärzte fehlen. Wir müssen jetzt das Paradigma ändern, dass Gesundheitsversorgung immer und überall die physische Anwesenheit eines Arztes erfordert.

Und: Wir müssen über den Tellerrand schauen. In der EU gibt es Versorgungsmodelle, wie Beispielsweise Capitation, die zeigen, dass Versorgung auch unter gänzlich anderen Aspekten und mit einer weiteren Schonung von Krankenkassen-Budgets und präventiven Ansätzen im Fokus funktionieren.

Enrico Jensch
Helios Health GmbH

Wie arbeiten Sie persönlich oder innerhalb Ihrer Organisation ganz konkret darauf hin, welche anschaulichen Beispiele gibt es heute schon?

7c003ea55ed883abf034968109475c8820d56f60.pngWie arbeiten Sie persönlich oder innerhalb Ihrer Organisation ganz konkret darauf hin, welche anschaulichen Beispiele gibt es heute schon? 

Mittlerweile gehen einige Unternehmen das Thema Gesundheits-Coaching sehr aktiv an. Die Gründe liegen auf der Hand: Mitarbeitende, die gesund und zufrieden sind, sind nicht nur engagierter und motivierter. Sie sind auch kreativer und machen weniger Fehler. Außerdem sind die Fehlzeiten bei gesunden Mitarbeitenden geringer und zufriedene Mitarbeitende wechseln seltener den Arbeitsplatz – Firmen profitieren somit auch ökonomisch. Auch das Thema mentale Gesundheit wird wichtiger für Firmen: Eine Publikation in der Fachzeitschrift Lancet 2016 zeigte, dass für jeden investierten Dollar zur Behandlung von Angstzuständen und Depression der „Return on Investment“ 4 USD ist (Chisholm et al. 2016). 
Solche Gesundheits-Coachings sind natürlich freiwillig für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Diejenigen, die sich daran beteiligen, nutzen dafür meist ihre eigenen „Wearables“, die sie sowieso schon besitzen.

Dr. Tobias Silberzahn
McKinsey & Company
 

Wie arbeiten Sie persönlich oder innerhalb Ihrer Organisation ganz konkret darauf hin, welche anschaulichen Beispiele gibt es heute schon? 

Süddeutsche Zeitung schrieb vom „Wunder von Thüringen“ und Heime und Spitäler sprach vom „Goldstandard für Krankenhäuser“. Das Zukunftsinstitut von Matthias Horx nannte Eisenberg ein Vorbild für die „Living Clinic Community“. Wir haben bei uns in Eisenberg Vieles realisiert, das in Deutschland als zukunftsweisend gilt. Lassen Sie mich beispielhaft drei Innovationen nennen:

ead16fda2d7d5d4bd29ed63f430f7eec69d8d81b.pngErstens: unsere digitale Patientenakte, ein Mitbringsel von einer Reise nach Kalifornien. Salesforce ist dort auch auf dem Markt der Gesundheitsdaten ein großer Player und bietet Gesundheitsbetrieben personalisierte Lösungen und eine Gesundheits-Cloud, die sogenannte Health Cloud, an. Dieses Modell importierten wir nach Eisenberg: Unsere IT erarbeitete für unsere Klinik innerhalb von neun Monaten mit europäischen Salesforce Customizing-Partnern ein Patientenportal, holte den Datenschutzbeauftragten des Freistaats Thüringen und dessen Freigabe mit an Bord und schöpfte einen siebenstelligen Förderbetrag des Landes aus. Das Ergebnis ist das cloudbasierte Patientenportal der Waldkliniken Eisenberg – vor drei Jahren gestartet und sehr erfolgreich. Der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat unsere Patientenakte als zukunftsweisend und bundesweit nachahmungswert geadelt. Unsere eigenen medizinischen Versorgungszentren docken sich gerade an. Auch in der Region niedergelassene Ärzte wollen sektorenübergreifend dabei sein. Wir bieten diese fertige und vom deutschen Datenschutz abgesegnete Lösung übrigens auch anderen Krankenhäusern an. Interesse gibt es wenig. Lieber baut jeder eine eigene, sündhaft teure Lösung, die in ein paar Jahren fertig sein soll, oder man wartet auf die Lösung vom Bund, die seit 16 Jahren entwickelt wird. Das ist echter Innovationsstau, Made in Germany.

Ein zweites Beispiel für Innovation an unseren Waldkliniken in Eisenberg: Unsere Kapazitätsplanung, kurz „Kapa“ genannt. Über zwei Jahre entwickelten wir zusammen mit niederländischen Partnern ein Tool, das auf Patienten-Daten der Vorjahre beruht und mit dem sich prognostizieren lässt, wie viele Patienten mit welchen spezifischen Indikationen wann zu erwarten sind. Studien aus Holland (und Dänemark) hatten gezeigt, dass die Abweichungen in Zehn-Jahres-Zeiträumen gering sind – übrigens selbst bei großen Akut-Krankenhäusern und auch bei Notfällen – und sich darauf basierend eine genaue Personal- und Ressourcenplanung realisieren lässt. Diese Kapazitäts- und Ressourcenplanung wird seit einem Jahr in Eisenberg umgesetzt. Zusammen mit der Unit-Struktur konnte so ein Pflegeschlüssel von 1:8 (bundesweit haben wir im Durchschnitt 1:14) erzielt werden. Die Mitarbeiter in der Pflege sind damit sehr glücklich, weil sie verlässliche Dienstpläne bekommen und wieder wirklich „pflegen“ dürfen, und auch die Patienten schätzen den entsprechend hohen Pflege-Level. Wirtschaftlich schont die Kapazitätsplanung Personal- und Materialressourcen. Und die Kolleg:innen in der Pflege bekommen damit zu einem erheblichen Teil ihre Berufung zurück.

Das dritte Beispiel aus unserem Haus ist die Mitarbeiterbeteiligung. Alle Mitarbeitenden waren während der Entstehungsphase unseres Neubaus unmittelbar an den Entwürfen für ihre zukünftige Arbeitssituation und -organisation beteiligt und sie können daher heute die Versorgung der Patient:innen bestmöglich steuern. Sie mussten die ihre Arbeit betreffende Veränderungen nicht abwarten, sondern sie haben das neue Haus und alle Abläufe mitgestaltet. Heute können die Mitarbeiter also nicht sagen „Früher war alles besser“, sondern sie entwickelten eine gemeinsame Vision ihrer Arbeit. Auch hiermit geben wir den Kolleg:innen wieder ein Stück weit ihre Berufung zurück – genauso wie mit unserer Patientenakte und der Kapazitätsplanung.

David-Ruben Thies
Waldkliniken Eisenberg GmbH

Wenn wir aktuelle Entwicklungen weiterdenken, welche grundlegenden Veränderungen kommen auf uns zu?

Wenn wir aktuelle Entwicklungen weiterdenken, welche grundlegenden Veränderungen kommen auf uns zu? 

Das ist für mich die Gretchenfrage: Lassen wir Veränderungen auf uns zukommen oder gestalten wir sie, weil wir bestimmte Ziele und Vor­stellungen haben? Vor Jahren war allenthalben vom „Deutschland mit dem weltbesten Gesundheits­system die Rede“. Nicht nur, dass diese Vermutung heute zunehmend seltener zu hören ist. Sie ist, glaube ich, auch ein Hemmnis, denn so zu denken und zu sprechen unter­stützt, teils bewusst, teils unbe­wusst, Besitzstandswahrung und lähmt Veränderungswillen.4233eb7a293a2babfa9ea58b8680796eebfd6933.png

Das bemerken wir etwa bei der Digitalisierung, bei der Deutschland vermutlich in keiner Branche zu den weltbesten gehört, im Gesundheits­wesen schon gar nicht. Dabei liegen in digitalen Zugängen zu Gesund­heitsversorgung riesige Chancen! Menschen könnten sie als direkten Gewinn für ihr persönliches Leben erfahren, etwa, weil fortschrittliche Medizin niedrigschwelliger erreicht werden kann. Weil Präzisionsme­dizin in der Onkologie schonendere Therapieverfahren ermöglicht, bei größeren Behandlungserfolgen. Oder weil es egal ist, ob man sie in der Großstadt oder auf dem Land in Anspruch nehmen muss. Aufsei­ten derer, die Versorgung anbieten, könnten Schnittstellen abgebaut oder so reduziert werden, dass sie Patientinnen und Patienten nicht mehr zur Last fallen – das wäre ein Effizienzgewinn für die Akteure im Gesundheitswesen, vor allem aber für die Menschen, die es als Kunden und Patienten nutzen. Silos einrei­ßen, plattformbasiert zusammen­arbeiten und konsequent auf ein Ziel ausrichten: Unser Gesundheitswe­sen strukturell also so zu verändern, dass es konsequent auf Patienten zentriert ist, Krankheiten vermei­det und wieder wirtschaftlich wird.

Andrea Galle
BKK VBU

Wenn wir aktuelle Entwicklungen weiterdenken, welche grundlegenden Veränderungen kommen auf uns zu?

Die Medizin hat in den vergangenen Jahren unglaubliche Fortschritte ge­macht! Moderne Therapien setzen immer früher an, berücksichtigen zunehmend die individuellen biolo­gischen Besonderheiten und Bedürf­nisse von Patient:innen, wirken im­mer zielgerichteter und präziser. Das Konzebdcea0659c20669dd70a2b92b44e00bae7a13213.pngpt der „Disease Interception“ geht sogar noch einen Schritt wei­ter: Es sieht vor, in das Krankheits­geschehen einzugreifen, bevor die Erkrankung im eigentlichen Sinne ausbricht. Validierte Biomarker wer­den es eines Tages möglich machen, ein besonders hohes Erkrankungs­risiko oder bereits laufende Krank­heitsprozesse zu erkennen, noch bevor sich klinische Symptome ge­bildet haben. Das Zeitfenster zwi­schen der frühen Diagnose und dem eigentlichen Ausbruch der Erkran­kung bezeichnen wir bei Janssen als „Window of Opportunity“. Im Ideal­fall gelingt es innerhalb dieses Zeit­fensters, die Krankheit durch eine gezielte Therapie aufzuhalten, zu verzögern oder den Krankheitsver­lauf sogar umzukehren. Mithilfe von

Biomarkern werden Ärzt:innen im Rahmen einer präventiven Diagnos­tik in der Lage sein, Gesundheits­risiken ihrer Patient:innen frühzei­tig zu erkennen, sodass sie diese im Hinblick auf mögliche Behandlungs­optionen beraten und rechtzeitig die medizinisch notwendigen Schritte einleiten können. Damit ändern sich natürlich auch die Rollen und Ver­antwortlichkeiten aller Beteiligten.

Dr. Dorothee Brakmann
Janssen-Cilag GmbH

Wenn wir aktuelle Entwicklungen weiterdenken, welche grundlegenden Veränderungen kommen auf uns zu? 

Die Zusammenarbeit aller Akteure im Gesundheitswesen wird sich grundlegend ändern. Die letzten zwei Jahre haben uns gezeigt, was möglich ist, wenn Wissenschaft, Wirtschaft und Politik kooperieren: Noch nie wurden in so kurzer Zeit Impfstoffe und Therapeutika ent­wickelt und zugelassen. Die gro­ßen Herausforderungen im Bereich Gesundheit, wie Infektionskrank­heiten, Antibiotikaresistenzen aber auch Maßnahmen zur Prävention von Erkrankungen und Epidemien, brauchen gemeinsame Ziele und eine globale Kooperation aller Betei­ligten. Die Entwicklung des welt­weit ersten Ebola-Impfstoffes von MSD war ein großer Schritt zur Be­kämpfung der tödlichen Ausbrüche. Dass dies auch so schnell gelingen konnte, verdanken wir einer inter­nationalen Zusammenarbeit von akademischer Forschung, Indust­rie, staatlichen Institutionen und internationalen Organisationen, wie zum Beispiel der WHO und UNICEF.

Heute produzieren 750e762f81b1c4d329d37827de287db95b4d38c0.pngwir in Deutsch­land den Impfstoff für die Welt.

Aber auch bei uns im Land brau­chen wir Zusammenarbeit. Gesund­heit zu fördern und zu erhalten be­ginnt im Alltag der Menschen. Integ­rierte Versorgung gelingt nur, wenn der Einzelne im Zentrum seines persönlichen Gesundheitsnetzwerks steht. Hierfür gilt es, sektorenver­bindend Kompetenzen zu bündeln und gute Ideen umzusetzen. MSD fördert deshalb das Projekt „MiMi“.

Mehrsprachige MiMi-Gesundheitsmediator:innen

Das Projekt „Mit Migranten für Migranten (MiMi) – Interkulturelle Gesundheit in Bay­ern“ des Ethno-Medizinischen Zentrums e.V. (EMZ) wird durch das Bayerische Staatsminis­terium für Gesundheit und Pflege und MSD unterstützt. Engagierte Migrant:innen wer­den zu Themen aus dem Bereich Gesundheit und Prävention ausgebildet und geben das Wissen in mehrsprachigen Infoveranstaltun­gen weiter. Ziel ist es, die Gesundheitskompe­tenz von in Bayern lebenden Migrant:innen zu fördern und einen Beitrag zur Reduzierung ungleicher Gesundheitschancen zu leisten (www.mimi.bayern).

Chantal Friebertshäuser
MSD Sharp & Dohme GmbH

Wenn wir aktuelle Entwicklungen weiterdenken, welche grundlegenden Veränderungen kommen auf uns zu?

Die Medizin bleibt nicht der hei­lige Gral, der von wenigen Gralshü­tern mit weißen Kitteln und poli­tischen Ämtern bewacht wird. Ob wir es wollen oder nicht, die Rollen werden sich verändern. Da ist zum einen die Femininisierung der Me­dizin, die dazu führt, dass Modelle, wie Medizin praktiziert wird sich ändern. Stichworte sind die Verein­barkeit von Familie und Beruf aber auch neue Kommunikationsmodelle zwischen Ärzten und Patienten. Zum anderen werden Patienten immer mehr zu Experten ihrer eigenen Kör­per und Erkrankungen. Wenn man dazu betrachtet, wie das medizini­sche Wissen zunimmt, so kann man keinem Arzt verübeln, dass er nicht alles zu jeder Erkrankung weiß.

Viele Frag5f6fd789c40e7eace596b5f33f49398ade97a5fb.pngen von Patienten können wir gar nicht beantworten, weil es schlicht nicht erforscht wurde. Man muss kein Experte für COVID sein, um in der täglichen Berichterstat­tung zu sehen, dass nur zu wenigen Dingen eine konsentierte Meinung unter Experten herrscht, selbst, wenn all diese Experten Mediziner sind. Meiner Meinung nach ha­ben wir die ethische Pflicht, Daten nach den Möglichkeiten der Digi­talität zu sammeln und auszuwer­ten. Selbstverständlich müssen die Anforderungen des Datenschutzes ausreichend Berücksichtig werden. Allerdings wird uns diese Daten­sammlung in die Lage versetzen, kluge KI-Systeme zu erstellen, die in der ärztlichen Behandlung Möglich­keitsräume für Therapien eröffnen können. Kein Kollege muss sich von einem KI-System narzisstisch ge­kränkt fühlen. Die KI wird die Ärzte nicht verdrängen, es wird sie zu bes­seren Ärzten machen. KI-gestützte Medizin wird in den kommenden Jahren eine Selbstverständlichkeit sein. Es wird ein Kunstfehler sein, bei medizinischen Entscheidungen nicht eine KI konsultiert zu haben, es wird Facharztausbildungen für datengetriebene Medizin geben. Diese Positionen werden in Kran­kenhäusern sehr wichtig werden, da von ihren Entscheidungen klini­sche Outcomes abhängen werden.

Die Verfügbarkeit von Daten aus Wearables wird in Zukunft in Phase IV Studien herangezogen werden und wenn der wissenschaft­liche Diskurs in dieser Lebenswirk­lichkeit angekommen sein wird, dann haben wir die Grundlagen für den Schritt von der evidenzbasier­ten Medizin zur emergenzbasierten Medizin geschafft. Das ist noch ein weiter Weg, aber ich bin optimis­tisch. Die Abschaffung der emi­nenzbasierten Medizin hat meh­rere Jahrhunderte gedauert. Die­ser Schritt wird schneller gehen.

Dr. med. Tobias Gantner
HealthCare Futurists GmbH

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Es wird zukünftig zu einem Para­digmenwechsel in der Medizin kommen, in dessen Zentrum die Präzisionsmedizin stehen wird.

Molekulare Informationen ermöglichen individuelle Dia­gnosen und Therapien mit höchst möglicher Präzision.

Präzisionsmedizin in der Zu­kunft wird noch viel genauer als jetzt eine präzise individuelle moleku­lar-basierte Diagnose mit vorher­sagbar wirksamen und sicheren Therapie-Optionen ermöglichen.

Neue Medikamente und The­rapien können schneller, güns­tiger und mit geringeren Risi­ken und Ausfällen in klinischen Studien entwickelt werden.

Auch die Versicherungen werden sich umstellen: Heute wird nach Leistungskatalog abgerechnet. In Zu­kunft wird sich der Erfolg einer Be­handlung bzw. eines Medikaments in der Erstattung wiederfinden. Der Behandlungserfolg kann adhoc oder im Nachgang gemessen wer­den („value based reimbursement“). Die Zukunft der Präzisionsmedizin ist „4P-Medizin“: prädiktiv, präven­tiv, personalisier und partizipativ.

Die Frage ist nicht, ob diese Zukunft stattfindet, son­dern wie und wann.

Prof. Dr. med. Mathias Goyen
GE Healthcare

Wenn wir aktuelle Entwicklungen weiterdenken, welche grundlegenden Veränderungen kommen auf uns zu?

Im Bereich der Genomik kommt einiges auf uns zu. Wir könnten bereits vor der Geburt des Individuums mit hochinnovativen digitalen Sensortechnologien und genetischen Analyseverfahren Krankheiten und Lebenseigenschaften messen und letztendlich auch manipulieren. So könnten Neugeborene direkt nach der Geburt eine Art Mikrobiom-Impfung mit einer optimalen Mixtur an nützlichen Mikroben erhalten. Diese Art von „Impfung“ sollte es im Laufe des Lebens immer wieder geben, z.B. nach einer Antibiotika-Behandlung.

Es kann noch weitreichendere Veränderungen durch die Möglichkeiten der Optimierung des menschlichen Genoms geben. Durch Werkzeuge wie die molekulare Genschere1be124c7557a256484a41cfc94a2e28f233adb3c.png CRISPR-Cas9 werden wir in der Lage sein, schon in Keimzellen Genveränderungen herbeizuführen. China hat durch den umstrittenen Eingriff in Keimzellen von Zwillingen bereits technologisch bewiesen, dass durch das Entfernen des für den AIDS-Erreger wichtigen Protein-codierenden Gens CCR5 eine Immunität herbeigeführt werden konnte. Auch wenn eine angeborene Immunität gegen AIDS zunächst eine sinnvolle Genveränderung darstellt, sind wir nicht weit weg vom „Designer-Baby“ mit z.B. einem höherem IQ, stärkeren Immunsystem oder einem besonderen Talent. Nicht nur in Keimzellen werden wir diese Technologie anwenden, auch an lebenden Organismen sind genetische Veränderungen im Zusammenspiel mit Stammzellen bereits technologisch machbare Realität. Wie weit wir diese Werkzeuge, mit denen wir in die Evolution eingreifen, verwenden werden, kann nur ein ständiger gesellschaftlicher, politischer und ethischer Diskurs ergeben. Es wäre gewagt, sich hier allein auf die Wirtschaft und die im Kapitalismus üblicherweise gesetzgebende Gewalt des Marktes zu verlassen. Der Markt für kommerzielle Möglichkeiten solcher Anwendungen ist gigantisch und braucht eine regulierende, ethisch handelnde Instanz.

Es bleibt die Frage, ob die Menschheit, und sicherlich auch andere Lebewesen, in wenigen Generationen schon aus verschiedensten Mutanten mit unterschiedlichsten Eigenschaften bestehen wird. Klar ist, wenn wir diese Werkzeuge sinnvoll einsetzen, kann theoretisch jedes Individuum im Sinne eines längeren, gesünderen Lebens davon profitieren. Dies wiederum wird das Gesundheitssystem, vor allem im Versorgungsbereich, enorm entlassen.

Dr. rer. nat. Paul Hammer
BIOMES NGS GmbH

Wenn wir aktuelle Entwicklungen weiterdenken, welche grundlegenden Veränderungen kommen auf uns zu?

Bei 73 Mio. gesetzlich Krankenversicherten in Deutschland, jährlich ca. 27,8 Prozent von einer psychischen Erkrankung betroffenen Personen (Jacobi et al. 2014) und einem Gesetz, dass es diesen Menschen ermöglicht, kostenfrei auf Rezept eine nachweislich wirksame digitale Behandlung zu bekommen, sollte man davon ausgehen, dass bestehende Versorgungslücken bereits der Vergangenheit angehören. Doch noch immer warten laut Bundespsychotherapeutenkammer rund 40 Prozent Betroffene psychischer Erkrankungen mindestens drei bis neun Monate auf den Beginn einer Behandlung.

Außerdem kommen wir mit digitalen Angeboten dem Bedürfnis nach Selbsthilfe nach. Denn viele Menschen mit psychischen Leiden scheuen sich davor, sich um eine psychotherapeutische Behandlung zu bemühen, da sie ihre Probleme eigenständig lösen wollen – Mit psychologischen Online-Therapieprogrammen ist das weitgehend möglich. Ein Großteil unserer Arbeit bei HelloBetter besteht deshalb darin, Wege zu finden, das Potenzial der DiGAs auch tatsächlich zu nutzen.939be4463f58e47d2a30a0a9d3fd64c7c53f3b82.png

Das Zulassungsverfahren des BfArM und die Preisverhandlungen mit dem GKV-Spitzenverband sind nur erste Schritte auf dem Adoptionsprozess. Nach der offiziellen Markteinführung geht es u.a. darum, dass ärztliches und psychotherapeutisches Fachpersonal weiß, dass, welche und wie DiGAs verschrieben werden können. Da sich die Verschreibung finanziell für die Behandler:innen kaum lohnt, ist zudem die Überzeugung wichtig, dass DiGAs für Hilfesuchende einen direkten Mehrwert darstellen.

Momentan verschreiben nur ca. 4,7 Prozent der Ärzt:innen DiGAs.

Wenn es um die notwendige Akzepanz und Informationsverbreitung geht, damit diese Zahl steigt, ist es immer wieder interessant festzustellen und wichtig zu wissen, dass DiGAs nicht etwa von digital affinen jungen Behandler:innen an ebenso junge Patient:innen verschrieben werden: So beträgt der Altersdurch-schnitt der DiGA-Verschreiber:innen 58 Jahre und der DiGA-Nutzenden 47 Jahre. Gleichzeitig geht es darum, dass Betroffene wissen, dass ihnen kostenlose sofortige digitale Hilfe zu steht, damit sie diese mittels einer Verschreibung einfordern können. Ein dritter Punkt sind Kooperationen mit Krankenkassen und Pharmaunternehmen.

Dr. Hanne Horvath
HelloBetter

Wenn wir aktuelle Entwicklungen weiterdenken, welche grundlegenden Veränderungen kommen auf uns zu?

Bereits heute finden in anderen Industrien sehr relevante Entwicklungsschritte ausschließlich digital statt. In der Automobilwirtschaft wird ein Auto mithilfe entsprechender Design-Programme konstruiert und sogar Crashtests zunächst am Computer durchgeführt, bevor ein echter Prototy339536ff71061c3da14ea6f126e51e11c03c50e8.pngp gebaut und in der realen Welt getestet wird. In der chemischen Industrie wird Moleküldesign mit Superrechnern betrieben. Hier sind Dinge möglich geworden, die vor einigen Jahren noch nicht denkbar waren, weil die Leistungsfähigkeit der Software und der Hardware enorm zugenommen haben.

Die verfügbare Rechenleistung wird es ermöglichen, dass künftig auch in der biopharmazeutischen Industrie immer mehr Forschungsarbeit am Computer durchgeführt werden kann. Voraussetzung dafür ist, dass die richtigen Modelle und Simulationen entwickelt werden, mit denen die enorm komplexen biologischen Vorgänge im menschlichen Körper und beim Wirkstoffdesign korrekt abgebildet werden können. Gelingt das, könnten in Zukunft eine effizientere Entwicklung und Produktion von Biopharmazeutika realisiert werden und außerdem sowohl Tierexperimente als auch klinische Studien mit Menschen zwar nicht obsolet, aber doch deutlich in ihrem Umfang reduziert werden.

Joachim Kreuzburg
Sartorius AG

Worauf müssen sich die beteiligten Menschen im Gesundheitswesen einstellen?

Worauf müssen sich die beteiligten Menschen im Gesundheitswesen einstellen?

Um ausreichend Fach- und Führungskräfte zu halten und zu gewinnen, müssen Unternehmen mehr Zeit auf Kommunikation mit zukünftigen und bestehenden Fach- und Führungskräften verwenden, und zwar klar und transparent. Die größten Talente im Unternehmen sollten für die größten Herausforderungen eingesetzt werden. Das geht nur, wenn starre, in Stein gemeißelte Hierarchien abgeschafft und durch flexible und herausforderungsbezogene Strukturen ersetzt werden.

In Zukunft wird es im209ab891cbbf5557023ced2d0144081bf9704132.pngmer wichtiger sein, die Unternehmenskultur und die objektiv gemessene Mitarbeiterzufriedenheit transparent nach außen zu kommunizieren, damit das Unternehmen nicht nur Fachkräfte findet, sondern auch von ihnen gefunden wird. Unternehmen müssen ihre Fach- und Führungskräfte ganzheitlicher begreifen und auch unterstützen, damit sie einen Mehr-wert bieten und gegebenenfalls auch Umzugsbereitschaft oder Bleibebereitschaft bei den Fach- und Führungskräften auslösen bzw. fördern.

Die Fach- und Führungskräfte des Gesundheitswesens werden in den nächsten Jahren erleben, dass Veränderungen immer schneller werden, dass viel häufiger Neues gelernt werden muss. Die Halbwertszeit von Wissen nimmt ab. Umgekehrt werden sie von der immer stärkeren Position im Arbeitnehmermarkt profitieren. Dafür sollten sie für sich klären, wie sie ihr Leben grundsätzlich gestalten möchten und was wichtige Rahmenbedingungen auch für ihr Berufs-leben für die nächsten Jahre sind.

Der Mangel an Personal wird dazu führen, dass im Gesundheitswesen der Zukunft Prozesse noch schneller und vor allem standardisierter ablaufen werden. Damit wird das Personal im Gesundheitswesen der Zukunft entlastet, aber auch Freiräume in der Gestaltung einzelner Prozesse verlieren. Für die persönliche Weiter-entwicklung der Karriere wird neben medizinisches Fachwissen die Fähigkeit treten, Daten richtig zu lesen und Auswertungen bewerten zu können. Ebenso die Fähigkeit, Verantwortung im Kontext einzelner Auf-gaben und Projekte zu übernehmen.

Führung wird weniger eine Position sein, sondern eine Auf-gabe für einzelne Bereiche. Teams werden diverser werden in Bezug auf Nationalitäten und Herkunft, aber auch Generationen. Denn ein Teil des Mangels wird über längere Arbeitszeiten der Experten ausgeglichen werden, was einen immer späteren Renteneintritt bedeutet. Möglicherweise wird der Renteneintritt aber freiwillig verzögert. 

Patrick A. Haberland

DHR Global

Worauf müssen sich die beteiligten Menschen im Gesundheitswesen einstellen?

„Einstellen“ klingt so passiv. Mitmachen ist doch viel besser. Die Augen offenhalten, in den Dialog gehen, Neues ausprobieren. Gemeinsam in einen positiven, lebendigen Zustand kommen, in dem Transformation gelingen kann. 46ff30f2552fb3f8b300d03fab33e537a3d85641.png
Es ist wirklich wichtig, dass wir alle mit dabei sind. So viel steht auf dem Spiel. Es werden immer einmal wieder Berechnungen präsentiert, was die Digitalisierung des Gesundheitswesens „bringen“ könnte, wie viele Milliarden wir einsparen könnten, wenn alle Möglichkeiten konsequent genutzt würden. Das ist 
natürlich ein wichtiger Aspekt. Der Kostendruck ist groß, und wir müssen schon deshalb dringend vorankommen und die anstrengende Phase bald hinter uns lassen, in der wir Papierformulare in digital übersetzen – diese Phase, in der die Veränderungsprozesse ganz viel Kraft und Geld kosten und ihre positiven Wirkungen noch nicht zeigen. Aber in Wahrheit geht es doch um viel mehr. Wenn es um die Gesundheitsversorgung der Zukunft geht, dann geht es um die Frage, wie wir leben wollen in unserer Gesellschaft. Wie wir den technologischen Fortschritt für uns einsetzen können, ohne uns neuen Zwängen zu unterwerfen. Wie wir die Plattformökonomie ermöglichen und dennoch unsere Gestaltungsfreiheit und unsere individuellen Bewegungsräume behalten können. Wie wir Gerechtigkeit und Diskriminierungsfreiheit in die neuen Verhältnisse transponieren. Wie es uns gelingen kann, alle mitzunehmen, unabhängig von Alter, Einkommen, Wohnort und Bildung, und Versorgungsangebote zu machen, die so digital oder so menschlich sind, wie es zu den Bedarfen der Menschen gerade passt.
 

Dr. Susanne Ozegowski
Bundesministerium für Gesundheit 

Worauf müssen sich die beteiligten Menschen im Gesundheitswesen einstellen? 

4a34eee2775e4bfeffc7451e7f3b39459d13b321.pngAuf Grundlage dessen, was die nachhaltigen Entwicklungsziele zugrunde legen, sind es vor allem drei Punkte, die für Patienten in Zukunft spürbar werden. 

  •  Sie werden bei der Prävention ebenso wie bei der Dokumentation, Kontrolle ihrer Daten, der Nachsorge und Pflege mehr Selbstverantwortung für die eigene Gesundheit übernehmen müssen. 
  • Es wird gleichzeitig mehr und auch teilweise unüberschaubare Angebote an Hilfe geben, sodass es einigen Menschen schwerfallen wird, den für sie richtigen Weg zu finden, bzw. die richtige Auswahl zu treffen. 
  • Das Arm-Reich-Gefälle, das bei den 17 SDGs der UN angesprochen wird und gerade den Punkt der guten und erschwinglichen Grundversorgung für alle anmahnt, wird gerade für Anti-Aging und Heilung seltener Krankheiten weiterhin gelten, ebenso wie für ein komfortable Betreuung im Krankenhaus. Gerade hier ist zu befürchten, dass sich eine Zweiklassenmedizin aufgrund der Kosten der Technik in der Medizin und zunehmenden Fachkräftemangels noch weiter ausprägt.

Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg
SRH Institut für Nachhaltigkeitsmanagement

Worauf müssen sich die beteiligten Menschen im Gesundheitswesen einstellen?

Neben den positiven Visionen aus der vorangegangenen Frage gibt es Entwicklungen, die mit berechneter Sicherheit eintreffen werden und die zu bewerten sind. Wir werden älter, wir werden weniger, wir werden auch vermehrt älter. Mehr Menschen als jemals zuvor werden Therapie, Pflege und Betreuung benötigen. Gleichzeitig wird es immer weniger Menschen geben, die diese Pflege leisten können, und es wird gleichfalls immer weniger Menschen geben, die durch ihre sozialversicherungspflichtigen Tätigkeiten für die Finanzierung dieses Systems sorgen.

Das alles ist hinreichend bekannt. Nur, was könnte das tendenziell bedeuten? Ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder hinreichende fachliche Tiefe hier eine Auflistung an möglichen, vielleicht sogar wahrscheinlichen Entwicklungen:

  • Die GKV wird in ihrem aktuellen Umfang irgendwann nicht mehr finanzierbar sein. Der Leistungskatalog wird ausgedünnt und eine Basisversorgung etabliert werden. Darüber hinaus gehende Versorgungsleistungen werden Privatangelegenheit. Und somit werden Zusatzversicherungen für alle Belange stärker in den Vordergrund rücken.a395b97545ac8c968a9e07e55077b9acf1d069a2.png
  • Dies wiederum macht Gesundheit für die Menschen teurer als heute. Geld, welches für Selbstzahlung oder Versicherung aufgebracht werden muss und anderweitig nicht mehr zur Verfügung steht. Dies könnte Entwicklungen auslösen, dass Menschen zunehmend auf ihre allgemeine Gesundheit achten und dazu Digitale Health Services nutzen werden – möglicherweise mit Unterstützung von Krankenversicherungen, die – statt teure Diagnosen und Krankheiten zu bezahlen – lieber in Prävention mithilfe digitaler Services investieren.
  • Menschen werden verstärkt darauf achten, dass Daten zu ihrer Gesund- und Krankheit zentral verfügbar und wiederverwendbar sein werden: Vitaldaten, Scans, Diagnosen, Medikationen, Befunde, Behandlungen, etc. Und für viele Menschen wird unerheblich sein, ob dieser „Digitale Health Service“ als eine „gesetzliche Leistung“ oder eine Leistung eines Hyperscalers aus den USA angeboten wird.
  • Bis dahin müssen sich die Krankenkassen und Leistungsgerbringer in Deutschland darauf verständigt haben, dass vor allem die administrative Abwicklung von Prozessen im Gesundheitswesen digitalisiert, standardisiert, interoperabel und in Echtzeit durchgeführt werden kann: Rezepte, Anträge, Prüfungen, Genehmigungen Abrechnungen, Interaktionen von Versicherten, Patientinnen und Patienten müssen digital zwischen allen beteiligten Akteuren fließen.

Dazu ist die korrekte Sicht auf den Datenschutz und die Datensicherheit notwendig. Best Practice – gern aus anderen Ländern oder sensiblen Branchen übernommen – anstatt der Pflege überbordender bürokratischer Bestimmungen, die zum Abwürgen digitaler Prozesse im Gesundheitswesen führen.

Istok Kespret
HMM Deutschland GmbH