Sprachrohr Zukunft: Digitale Souveränität

Das Gesundheitswesen befindet sich in einem Prozess des fundamentalen Wandels. Disruptive Entwicklungen benötigen differenzierte und kontroverse Diskussionen. In der Rubrik "Sprachrohr Zukunft" kommen Akteure mit ihren Positionen und Lösungsansätzen für die zukünftige Ausgestaltung des Gesundheitswesens zu Wort. Den Einstand geben Christian Buhtz & Denny Paulicke von der Denkschmiede Gesundheit zum Thema Digitale Souveränität im Gesundheitswesen. Die Denkschmiede Gesundheit ist eine Interessensgemeinschaft und Sprachrohr der jungen Generation im Gesundheitswesen, die sich aktuell in einen Verein umwandelt.

Digital souverän? Kompetenzen für die junge Generation im Gesundheitswesen

CHRISTIAN BUHTZ & DENNY PAULICKE

Digitale Souveränität bedeutet Individuum, Gesellschaft und Technik zusammenzudenken. Im Gesundheitswesen bedeutet digitale Souveränität vor allem zu wissen, welche Folgen die Nutzung digitaler Technologien hat. Dies beinhaltet Möglichkeiten und Potenziale im positiven Sinne zu erkennen, aber auch negative Folgen kritisch einordnen zu können. Eine souveräne (Nicht)Nutzung benötigt ausreichend informierte und mit Empowerment ausgestattete NutzerInnen.

Wie wichtig die konkrete Einordnung und kritische Reflexionsfähigkeit von digitalen Elementen im Gesundheitswesen ist, belegt auch die jüngste GKV-Studie, in der der Zusammenhang einer methodisch-fundierten Rezeptionsfähigkeit der NutzerInnen und der Nutzennachweise für die PatientInnen ausführlich beschrieben wird.

Professionelle Weiterentwicklung

Die junge Generation wird das Gesundheitswesen nachhaltig digital verändern. In der gesellschaftlichen Debatte, die besonders im Gesundheitswesen kontrovers geführt wird, sollten diese sich anbahnenden Wandlungsanschübe so fundiert sein, dass sie zu einem nachhaltigen und patientenorientierten Nutzen beitragen. Vor diesem Hintergrund erscheinen Debatten, die losgelöst sind von wissenschaftlichen und bildungsrelevanten Fundierungen und Orientierungen, wie z.B. den CanMeds oder der konkreten Integrationsfähigkeit von digitalen Systemen in bestehende Prozesse, nur geringfügig konstruktiv. Junge Führungspersönlichkeiten, die sich vor allem durch Leidenschaft und Neugier auszeichnen, dabei jedoch stets den Fokus auf Verbesserung und Entwicklung im Sinne der evidenzbasierten Vorgehensweise legen, treffen Entscheidungen aufgrund ihrer professionellen Haltung zur Weiterentwicklung.

Junge Generation als Gatekeeper und Multiplikatoren

Um junge Menschen für die Digitalisierung zu begeistern, braucht es demnach eine Debatte zur Professionalisierung der Prozesse, Strukturen sowie der beruflichen Bilder im Gesundheitsweisen – diese kann nicht losgelöst von fachlichen Expertisen und Kompetenzen geschehen. Digitale Souveränität bedeutet somit auch, aktuelle Tendenzen mit einer kritischen Perspektive einzuordnen und in advokatischer Verantwortung gegenüber den Patienten einschätzen zu können – dies gelingt, vor allem dort, wo Multiplikatoren auf Führungsebene gewonnen werden, die auf der Basis einer Transformationskompetenz den Gestaltungsprozess vorleben.

Junge Anwender von digitalen Elementen im Gesundheitswesen benötigen Kompetenzen, um sich im digitalen Raum zu orientieren und ihn mitgestalten zu können. Dies ist eine Voraussetzung zur sozialen Teilhabe, die sich auf der Organisationsebene vor allem durch die Wahrnehmung einer Multiplikatorenfähigkeit, also dem Weitertragen von ethischen Grundsätzen sowie der Öffnung des Themas für neue Personen (z.B. auf Station) auszeichnet.

Datensolidarität

Beispielsweise ist Datensolidarität essenziell, um digitale Lösungen sozialverträglich zu gestalten. Daten sind nur absolut sicher, wenn sie nicht gespeichert werden. Das Erfassen und Speichern von Daten muss mit einem Nutzen für den Nutzer und/oder die Gesellschaft begründet, absolut transparent und somit überprüfbar gestaltet werden. Marketingbegriffe wie das „verbesserte Nutzererlebnis“ erfüllen diese Anforderung nicht. Der Nutzer darf im Sinne der Menschenrechtskonvention nicht benachteiligt oder diskriminiert werden, nur weil er seine privaten Daten nicht herausgibt. Beispielsweise dürfen ihm keine Dienstleistungen oder die soziale Teilhabe vorenthalten werden. Der Nutzer mit seinen Daten darf nicht zum Produkt werden. Diese Fähigkeit muss aufgebaut und bei der Patientenversorgung reflektiert werden. 

Algorithmen, die auf Grundlage von Daten und -mustern Entscheidungen treffen sollen, müssen transparent und anhand nachvollziehbarer Prozesse ersichtlich und einordbar sein, um sie an ethischen Regeln und gesellschaftlichen Normen und Werten überprüfen zu können. Dafür ist es auch unabdingbar, dass offengelegt wird, wo im Gesundheitswesen algorithmische Entscheidungen eine Rolle spielen. Diese Reflexionsfähigkeit muss in den Köpfen der jungen Generation gezielt aufgebaut und trainiert werden. Dazu bildet im ersten Schritt die Auseinandersetzung mit ethischen und rechtlichen Rahmenbedingungen die Basis.

Partizipation & Dialog

Gerade die junge Generation muss sich stärker als Sprachrohr – so wie es die Denkschmiede Gesundheit lebt – in gesellschaftliche Dialoge einbringen. In der Klima-Debatte scheint dies bereits hervorragend zu funktionieren. In der Gestaltung der Digitalisierung gibt es jedoch noch Luft nach oben; denn eine technikoffene Gesellschaft erfordert Partizipation in allen Bereichen. Die partizipative und evidenzbasierte Ausrichtung im Gesundheitswesen bedeutet demnach auch, dass noch stärker als bisher die Beteiligung der BürgerInnen notwendig ist.


Christian Buhtz ist Gesundheits- und Pflegewissenschaftler (M.Sc.) sowie Fachinformatiker und gelernter Kinderkrankenpfleger und verknüpft diese Fachbereiche in seiner Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter einer Medizinischen Fakultät. Er beforscht die Möglichkeit bestehende und zukünftige Technologien in die breite Versorgungspraxis zu bringen. Herr Buhtz war vor und während seines Studiums als Kinderkrankenpfleger tätig. Er schrieb seine Masterarbeit zum Thema "Robotische Systeme zur pflegerischen Versorgung im häuslichen Umfeld". Er ist ehrenamtlich aktives Mitglied der Denkschmiede Gesundheit (DeGe).

Denny Paulicke ist gelernter Logopäde und hat anschließendzunächst ein Bachelor-Studium in Gesundheitswissenschaften und im Anschluss ein Master-Studium im Fach Gesundheits- und Pflegewissenschaften absolviert. Nach Stationen im klinisch-therapeutischen Bereich war er u.a. an der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg als WissenschaftlicherMitarbeiter tätig. Er ist Scientific Consultant bei einem großen Projektträger für das Bundesministerium für Bildung und Forschung und das Bundesministerium für Gesundheit. Zusätzlich ist er Lehrbeauftragter an verschiedenen Hochschulen im Gesundheitswesen. Er ist ehrenamtlich aktives Mitglied der Denkschmiede Gesundheit (DeGe).


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