Rehabilitation ist die beste Investition
Rehabilitation gilt vielen noch als Randthema imGesundheitssystem — dabei steckt darin nach Ansicht von Prof. Dr. Marc Baenkler einer der wirksamsten Hebel gegen Fachkräftemangel, demografischen Wandel und steigende Kosten. Im Interview auf dem Hauptstadtkongress 2026 erklärt der CEO von MEDIAN Deutschland und Professor für Krankenhausmanagement an der Medical School Hamburg, warum Reha als Investition statt als Kostenfaktor gedacht werden muss, wie Digitalisierung die Nachsorge demokratisiert und welche Rolle sektorenübergreifende Patientenpfade dabei spielen.
Herr Prof. Baenkler, unser Gesundheitssystem steht vor enormen Herausforderungen: Leistungsverdichtung, demografischer Wandel, Fachkräftemangel, wirtschaftlicher Druck. In Ihrem Buch „Die Rehabilitation der Zukunft" schreiben Sie, Rehabilitation sei die Antwort darauf. Warum ist gerade die Reha eine so wichtige Säule der Gesundheitsversorgung?
Rehabilitation ist bereits heute ein wichtiger Beitrag für die Gesellschaft. Man vergisst dabei oft, dass Reha auch ein Teil der Prävention ist. Man kann drei Ebenen unterscheiden: Primärprävention bedeutet, Krankheiten von vornherein zu vermeiden. Sekundärprävention heißt, Krankheitenfrühzeitig zu erkennen. Und Tertiärprävention ist genau das, was Rehabilitation leistet: nach dem Erkennen einer Krankheit die Auswirkungen und Folgeschäden zu minimieren und die Teilhabe am Leben zu erhalten. Teilhabe bedeutet dabei nicht nur ein funktionierendes privates Umfeld, sondern auch, möglichst lange möglichst leistungsfähig zu bleiben, gerade angesichts der aktuellen Debatte über die Rente. Es geht darum, wie wir Menschen so gesund halten, dass sie arbeiten können und auch nach dem Renteneintritt einen möglichst gesunden, krankheitsarmen Lebensabend haben. Das ist im Grunde die Antwort auf sehr viele der Herausforderungen, vor denen wir aktuell stehen — vom Fachkräftemangel biszu den aktuellen Diskussionen um die Rente.
Sie plädieren dafür, Rehabilitation neu zu denken, als permanente Infrastruktur für Lebensqualität. Was sind die drei wichtigsten Punkte, die sich ändern müssen, und wo liegen die größten Stolpersteine auf dem Weg?
Erstens: Rehabilitation muss als Prävention verstanden werden. Niemand würde ernsthaft sagen, man müsse an Prävention sparen aber genau das widerfährt der Reha momentan, weil sie in Deutschland noch ein Schattendasein führt. Hier braucht es einen klaren Mindset-Wechsel. Zweitens: Rehabilitation muss von dem Moment an mitgedacht werden, in dem eine Krankheitauftritt oder diagnostiziert wird — nicht erst danach. Es reicht nicht, eine akute Erkrankung zu behandeln oder zu reparieren; man muss von Anfang an die Auswirkungen mitdenken und minimieren. Drittens, und das wird oft vergessen: Rehabilitation ist eine Investition, kein Kostenfaktor. Jeder Euro, der in Reha investiert wird, kommt mehrfach zurück, je nach Bereich etwa das Drei- bis Fünffache. Bei einer derart hohen Rendite dürfen wir hier nicht sparen, sondern müssen mehr investieren, auch in den Ausbau der Kapazitäten.
Blicken wir auf die Patientenseite: Wie verändert sich deren Rolle im Zuge der digitalen Transformation in der Rehabilitation? Welche neuen Wege lassen sich damit beschreiten?
Das Patientenbild heute ist ein völlig anderes als noch vor 20, 30 Jahren. Wir sehen deutlich komplexere, häufig multimorbide Krankheitsbilder. Erkrankungen, die früher innerhalb kurzer Zeit durchgestanden waren, sind heute oft chronische Begleiter, man denke etwa an onkologische Erkrankungen. Hinzu kommt: Patient:innen leben heute in anderen Lebensmodellen als früher, oft ohne das Mehrgenerationen-Umfeld, das früher nach einem Krankenhausaufenthalt aufgefangen hat. Viele bewältigen ihren Alltag heute allein. Umso wichtiger ist es, Menschen mit allen technischen Möglichkeiten in ihr normales Lebens- und Arbeitsumfeld zurück zubegleiten. Ein zentraler Hebeldafür ist die digitale Nachsorge: Nach einem Reha-Aufenthalt — einer Art geschütztem Labor, in dem man Alltagsbedingungen üben kann — entscheidet sich, was tatsächlich in den Alltag transferiert werden kann. Etwa die Hälfte derPatient:innen könnte von einer strukturierten Nachsorge nach Reha-Entlassungprofitieren, genutzt haben sie in der Vergangenheit aber weniger als zehn Prozent, weil der Zugang zu schwierig war, die Anfahrtswege zu lang oder Arbeitszeiten regelmäßige Vor-Ort-Termine unmöglich machten. Genau hier setzt digitale Nachsorge an: Sie entkoppelt Betreuung vom Ort. Reha-Patient:innen können unabhängig vom Wohnort die Unterstützung erhalten, die sie brauchen. Das demokratisiert den Zugang zur Nachsorge erheblich.
Ein weiteres Stichwort ist die sektorenübergreifende Zusammenarbeit. Welche Modelle funktionieren in der Praxis bereits gut und machen Mut?
Ich beginne gern mit einem bewährten Beispiel und schließe mit einer Vision. Wir kooperieren eng mit zahlreichen Akutkliniken, mit manchen so eng, dass wir gemeinsam abgestimmte Patientenpfade entwickelt haben, bei denen die Rehabilitation bereits ab dem Zeitpunkt der OP-Indikation bei elektiven Eingriffen mitgeplant wird. Das heißt: Schon wenn der Operationstermin feststeht, ist klar, wie der Reha-Aufenthalt aussieht und in welchem Zustand und mit welchen Fähigkeiten der Patient oder die Patientin die Rehaklinik am Ende verlässt. Dadurch ist die Anschlussbehandlung nahtlos abgestimmt, statt erst nachträglich organisiert zu werden. In der Praxis sehen wir dadurch kürzere, medizinisch sinnvolle Verweildauern im Akuthaus. Teils reduziert sich der postoperative Aufenthalt bei elektiven Eingriffen auf wenigeTage, bei gleichzeitig besseren Behandlungsergebnissen. Wir konnten das bereits mit mehreren Kliniken und Trägern erproben und rollen es gemeinsam weiter aus. Meine Vision geht noch weiter: ein vollständig integrierter Patientenpfad über alle Sektoren hinweg, bei dem sich die Vergütung ausschließlich an der Ergebnisqualität orientiert, unabhängig davon, in welchem Sektor die Leistung erbracht wird. Nicht die Zahl der Behandlungstage sollte zählen, sondern das tatsächliche Ergebnis für die Patientin oder den Patienten.
Vielen Dank für den positiven Blick in die Diskussion und den spannenden Einblick.
Das Gespräch führte Anna-Lena Spies für die Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (MWV) auf dem Hauptstadtkongress 2026.