Value-based Healthcare ist das Ziel
Prof. Dr. Alfred Angerer und Dr. Florian Liberatore sprechen als Herausgeber im Interview über ihr Buch "Management im Gesundheitswesen: Die Schweiz" und erläutern, wie sich Rolle von Management im Zusammenhang mit der Digitalisierung verändert.
An Prof. Dr. Alfred Angerer
Herr Angerer, Ihr Buch strukturiert die Managementthemen nach dem selbst entwickelten ELS-Modell statt nach klassischen BWL-Funktionsbereichen – was ist der entscheidende Vorteil dieses Ansatzes für Praktiker im Gesundheitswesen?
Das Management von Gesundheitseinrichtungen ist ausgesprochen komplex. Entscheidungsträger brauchen eine Struktur, die dieser Komplexität gerecht wird. Wir haben uns bewusst gegen die klassische Gliederung nach BWL-Funktionsbereichen entschieden, weil sich in der Praxis gezeigt hat, dass man das Management systemisch denken muss. Und genau das leistet das ELS-Modell. Außerdem lässt es sich gut für alle Akteure anwenden trotz unterschiedlicher Geschäftsmodelle der einzelnen Akteure im Gesundheitswesen.
Lean Management ist einer Ihrer Forschungsschwerpunkte – wie hat sich der Stellenwert von Prozessoptimierung in Schweizer Spitälern seit der letzten Auflage verändert?
Den meisten Akteuren ist inzwischen bewusst, wie wichtig Prozessoptimierung geworden ist. Neu droht allerdings ein Missverständnis: Man könnte naiv annehmen, mit der Digitalisierung werde das Thema weniger relevant .Doch das Gegenteil ist der Fall. In der neuen Auflage machen wir sehr deutlich, dass gute Prozesse die Grundlage für jede Digitalisierungsinitiative sind. Die Reihenfolge ist entscheidend, im Buch sprechen wir von der E.V.A.-Logik: Unnötige Prozesse eliminieren, die verbleibenden vereinfachen, ganz an Schluss automatisieren und digitalisieren.
Digital Health gilt als Zukunftsthema – welche konkreten Entwicklungen greift die neue Auflage auf?
Es gibt wohl keinen Akteur, der von der Digitalisierung nicht betroffen ist. Im öffentlichen Fokus stehen oft die spektakulären Technologieeinsätze in den medizinischen Kernprozessen. Etwa KI in der Radiologie oder Robotik in der Chirurgie. Aus Managementsicht ist jedoch meist ein anderer Aspekt entscheidender: die Optimierung der administrativen Prozesse. Uns war wichtig zu betonen, dass sich diese Potenziale nur heben lassen, wenn die Technologie nahtlos in den operativen Alltag der Organisation eingebettet wird. Und genau das ist eine klassische Managementaufgabe, die mit diesem Buch unterstützt werden soll.
An PD Dr. Florian Liberatore
Herr Liberatore, das Buch widmet sich auch dem „Steuern" von Organisationen – wie fließt der Gedanke des Value-Based-Healthcare-Managements in dieses Kapitel ein?
Statt reiner Kostenkontrolle rücken wir den Patientennutzen und messbare Behandlungsergebnisse ins Zentrum der Steuerungsinstrumente. Value-based Healthcare ist das Ziel der Versorgung, was dann möglichst wirtschaftlich umgesetzt werden muss. So lernen Führungskräfte, Wirtschaftlichkeit und echten Mehrwert für Patientinnen und Patienten in Balance zu bringen.
Neu in der 3. Auflage ist ein Gastkapitel zur Krankenversicherungsbranche – warum war es Ihnen wichtig, diese Perspektive stärker einzubinden?
Krankenversicherer wandeln sich vom reinen Kostenträger zunehmend zum Partner in neuen Versorgungsmodellen – ihre Rolle im System gewinnt dadurch deutlich an Gewicht. Uns war wichtig, diese Entwicklung nicht nur zu beschreiben, sondern direkt von Praktikern aus der Branche einordnen zulassen. So erhalten Leserinnen und Leser einen authentischen Blick auf diesen Wandel.
Das Buch richtet sich explizit an Studierende ebenso wie an Führungskräfte – wie gelingt der Spagat zwischen Lehrbuch und Praxishandbuch?
Als Autoren an einer Fachhochschule leben wir angewandte Forschung und praxisnahe Lehre tagtäglich – das prägt auch das Buch.Theoretische Grundlagen werden durchgehend mit Praxisfallstudien und konkreten Managementwerkzeugen verknüpft. So lernen Studierende fundiert, während Führungskräfte dieselben Kapitel als Nachschlagewerk für ihren Alltag nutzen.
Abschlussfrage an beide Herausgeber:
Was macht dieses Buch aus Ihrer Sicht zu einem Standardwerk für das Schweizer Gesundheitswesen – und an wen richtet es sich in erster Linie?
Das Buch ist ein Standardwerk, weil es als einziges konsequent die Besonderheiten des Schweizer Gesundheitswesens abbildet – von Spitälern über Pharma bis zu Krankenversicherern – und Theorie eng mit Praxis verzahnt. Es richtet sich an Studierende der Gesundheitsökonomie, Betriebswirtschaft und Medizin ebenso wie an Fach- und Führungskräfte im Gesundheitswesen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Zu den Autoren:
Prof. Dr. oec. Alfred Angerer unterstützt als Berater und Coach zahlreiche Organisationen des Schweizer Gesundheitswesens im Bereich Operations und Strategie. Seine Forschungsprojekte liegen im Bereich Prozessoptimierung (Lean Healthcare), Organisationsentwicklung und Digital Health, deren Ergebnisse er in internationalen Fachzeitschriften und Konferenzen präsentiert.
PD Dr. Florian Liberatore unterrichtet zu Management-Themen im MSc. in Business Administration – Major Health Economics and Healthcare Management an der ZHAW sowie in zahlreichen CAS- und MAS-Kursen des Instituts. Für namhafte Unternehmen im Schweizer Gesundheitswesen führt er Forschungs- und Beratungsprojekte durch. In der angewandten Forschung ist er mit zahlreichen Drittmittelprojekten (SNF, KTI/Innosuisse) präsent und veröffentlicht seine Forschungsergebnisse regelmässig in internationalen Fachzeitschriften und auf Konferenzen.