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Wir müssen den Finger in die Wunde legen

Krankenhausreform, Ambulantisierung und knappe Beteiligungsfristen bei der Gesetzgebung: Dr. Heidemarie Haeske-Seeberg, neue Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit, spricht im Interview auf dem Hauptstadtkongress 2026 über die drängendsten Baustellen für eine sichere Versorgung – und darüber, was sie in ihrem neuen Buch „Qualitätsmanagement neu denken“ anders macht als andere.

Das Aktionsbündnis Patientensicherheit will Sicherheitsstandards dauerhaft in der Versorgung verankern. Im Gespräch mit Patrick Weisbrod erklärt die neue Vorsitzende Dr. Heidemarie Haeske-Seeberg, wo sie als Erstes ansetzen will – und warum ihr die Reformdynamik im Gesundheitswesen derzeit mehr Sorgen als Genugtuung bereitet.

Frau Dr. Haeske-Seeberg, welche Prioritäten setzen Sieals neue Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit?

Die Themen liegen im Moment eigentlich auf der Straße. Durch die Krankenhausreform entstehen weiter gestufte Versorgungsstrukturen: sektorenübergreifende Versorgungseinrichtungen, mittelgroße Häuser und Einrichtungen mit einem großen, komplexen Versorgungsspektrum – und die müssen zusammenarbeiten. Zum einen gibt es Patienten, die in kleinen Kliniken eigentlich nicht mehr behandelt werden können, weil das gar nicht finanziert wird, und die weitergeschickt werden müssen. Zum anderen übernehmen dieselben Häuser Patienten aus großen Einrichtungen, deren Kernbehandlung dort bereits erfolgt ist. Da wird es hin und wieder zu Komplikationen kommen. Wenn ein Haus ein Krankheitsbild nicht von Anfang bis Ende beherrscht, muss klar geregelt sein: Ab wann muss ich ein anderes Krankenhaus einbeziehen, ab wann nehme ich den Patienten zurück? Das muss abgestimmt und mit strukturierten Verfahren abgesichert werden – und zwar nicht nur vertraglich mit Erreichbarkeitszeiten wie "8 bis 18 Uhr", sondern inhaltlich-medizinisch. Genau da wollen wir ansetzen und fragen: Wo liegen die Patientensicherheits-Stolperfallen?

Patientensicherheit steht angesichts von Fachkräftemangel und steigenden Versorgungsanforderungen stärker im Fokus. Wo sehen Sie aktuell den größten Handlungsbedarf?

Ein Thema habe ich gerade skizziert, das zweite große ist die Ambulantisierung. Wenn die Politik bekommt, was sie sich wünscht, wird vieles, was bisher grundsätzlich stationär behandelt wurde – also mit mindestens einer Nacht Sicherheit im Krankenhaus –, künftig ambulant durchgeführt. Nur ist das Gesundheitssystem darauf gar nicht eingerichtet. Mich fragt praktisch jeder Arzt, der einen Patienten ambulant behandelt, ob diese rüberhaupt zeitnah eine Nachversorgung bekommt. Wir kennen alle das Problem überfüllter Terminkalender. Man kann Patienten aber schlecht operativ versorgen, ohne die Nachsorge sichergestellt zu haben. Hinzu kommt: Die gesetzliche Qualitätssicherung richtet sich bislang weitgehend auf den stationären Bereich. Durch die Ambulantisierung wandern aber viele Eingriffe – gerade in der Kardiologie – aus dem stationären Setting heraus, und die Qualitätssicherung ist dort gar nicht mehr einbezogen. Das kann so nicht richtig sein. Da müssen wir uns Gedanken machen und den Finger in die Wunde legen.


Die Gesundheitswirtschaft steht vor enormem wirtschaftlichem Druck. Wie lässt sich verhindern, dass Qualitäts- undSicherheitsaspekte dabei in den Hintergrund geraten?

Das ist ein bisschen die Quadratur des Kreises. Patientensicherheit ist ein sehr abstraktes Konstrukt – letztlich ist alles, was man im Gesundheitswesen tut oder unterlässt und besser hätte tun sollen, entweder eine Frage von Qualität oder von Risiko. Patientensicherheit betrifft also praktisch jedesThema. Für einen ehrenamtlich geführten Verein mit überschaubaren Mitteln bedeutet das: Wir müssen sehr genau priorisieren. Die Versorgungsübergänge, die ich genannt habe, gehören dazu. Weiterführen werden wir außerdem unsere Aufklärungskampagne zur frühzeitigen Erkennung von Sepsis – nach wie vor sterben Menschen, die überleben könnten, wenn im Gesundheitssystem rechtzeitig an Sepsis gedacht und entsprechend diagnostiziert worden wäre, oder wenn die Bevölkerung besser aufgeklärt wäre. Dafür sind wir auch weiterhin dankbar für die finanzielle Unterstützung des Bundesgesundheitsministeriums. Die Welt wird sich weiterdrehen, aber wir werden klare Schwerpunkte setzen und diese konsequent verfolgen.

Welche Rolle sollten Politik, Leistungserbringer und Industrie künftig gemeinsam spielen, um eine sichere und zukunftsfähige Gesundheitsversorgung zu gestalten?

Zusammenarbeit ist tatsächlich das Stichwort. Wir haben inden letzten Jahren erlebt, dass die Politik die großen Akteure im Gesundheitssystem – Ärztekammern, Kassenärztliche Vereinigungen, DeutscheKrankenhausgesellschaft und so weiter – durchaus in die Gestaltung der Gesetzgebung einbezogen hat. Man sagt, man wolle miteinander sprechen, aber die Fristen im Gesetzgebungsprozess werden teils so eng gesetzt, dass zwischen Veröffentlichung und Stellungnahme kaum Zeit bleibt – manchmal hat man eine Woche, um gefühlt 250 Seiten zu lesen und zu analysieren. Ich habe Verständnis dafür, dass es schnell gehen soll und man den "Herbst der Reform"endlich erleben will. Aber eine etwas ausgewogenere Diskussion und die Einbeziehung wichtiger Wissensträger würde die Zusammenarbeit stärken – und vermutlich auch bessere Gesetze hervorbringen, sodass nicht ein halbes Jahr später schon ein Anpassungsgesetz nötig wird.


Zum Schluss noch eine Frage zu Ihrem kommenden Buch"Qualitätsmanagement neu denken", das bei der MWV erscheint: Was haben Sie darin neu gedacht?

Ehrlich gesagt gibt es da wenig Revolutionäres. Qualitätsmanagement entwickelt sich weiter, und ich habe natürlich aktuelle Entwicklungen aufgenommen, etwa wie sich die ISO 9001 weiterentwickeln soll – dazu gibt es einige Ausführungen. Was das Buch aber von vielen anderen unterscheidet: Ich habe mir sehr viel Mühe gegeben, herauszuarbeiten, was ich als Führungskraft immer getan habe, um meinen Vorstand so zu informieren, dasser wirklich entscheidungsfähig ist. Aus der Fülle des Wissens über Qualitätsmanagement und darüber, wie man Instrumente gestaltet und in die Praxis bringt, habe ich versucht herauszufiltern: Was muss ich meinem Vorstand erzählen, damit er eine informierte und beruhigte Entscheidung treffen kann? Genau das habe ich versucht, in diesem Buch aufzuschreiben.

Vielen Dank für das Gespräch.


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