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"Glauben Sie Ihren Patienten"

Dr. Per Otto Schüller und Dr. med. Christian Gogoll, Herausgeber der MWV-Neuerscheinung „Long COVID – fachübergreifendrichtig diagnostizieren und therapieren“ sprechen im Interview über reflexartig falsche Therapieempfehlungen, eine Versorgung, die noch zu oft in Fachgrenzen denkt, und warum niedergelassene Ärzte mit diesem Syndrom nicht allein gelassen werden dürfen.


Herr Dr. Schüller, Sie vereinen als Kardiologe, Pneumologe und Sozialmediziner gleich mehrere Fachperspektiven auf Long COVID. Wo sehen Sie die größten Überschneidungen zwischen kardialen und pulmonalen Langzeitfolgen – und warum wird dieser Zusammenhang in der Versorgungspraxis noch zu wenig beachtet?

Herz und Lunge bilden bei Long COVID eine funktionelle Einheit. Belastungsdyspnoe, reduzierte Leistungsfähigkeit oder thorakale Beschwerden lassen sich häufig nicht eindeutig einem einzelnen Organ zuordnen. Viele Betroffene zeigen zudem eine ausgeprägte Belastungsintoleranz, bei derkardiale, pulmonale und autonome Mechanismen eng miteinander verknüpft sind. In der Versorgung wird noch zu oft in Fachgrenzen gedacht, obwohl Long COVID eine interdisziplinäre Diagnostik und Behandlung erfordert.


Dr. Gogoll, als Co-Autor der S1-Leitlinie zum Long-/Post-COVID-Syndrom haben Sie den aktuellen Forschungsstand maßgeblich mitformuliert. Welche Empfehlungen aus der Leitlinie finden Sie in der ambulanten Praxis am schlechtesten umgesetzt – und warum klafft diese Lücke?

Am schlechtesten umgesetzt sehe ich das strukturierte Pacing-Konzept bei PEM (Post-Exertional Malaise): Viele Kolleginnen und Kollegen empfehlen reflexartig Aktivitätssteigerung oder Sport, obwohl die Leitlinie genau das bei PEM-positiven Patienten ausdrücklich nicht empfiehlt. Die Lücke entsteht vor allem durch fehlende Schulung – PEM ist in der klassischen internistischen Ausbildung schlicht kein Thema. Dazu kommt Zeitdruck: Ein 10-Minuten-Kontakt reicht nicht, um ein individuelles Energiemanagement zu erklären und zu überprüfen.


Herr Dr. Schüller, das Buch widmet sich auch der Versorgungsrealität, ambulant wie stationär. Welche strukturellen Hürden begegnen Long-COVID-Patienten im deutschen Gesundheitssystem am häufigsten, und was müsste sich aus sozialmedizinischer Sicht dringend ändern?

Viele Betroffene erleben lange Wartezeiten, unklare Zuständigkeiten und eine fragmentierte Versorgung. Gerade Patientinnen und Patienten mit komplexen Symptombildern werden häufig zwischen verschiedenen Fachdisziplinen weitergereicht. Aus sozialmedizinischer Sicht benötigen wir eine bessere Vernetzung zwischen ambulanter Versorgung, Rehabilitation und spezialisierten Long-COVID-Angeboten sowie eine stärkere Berücksichtigung von Teilhabe und Erwerbsfähigkeit. Entscheidend ist, die Betroffenen frühzeitig in die jeweils passende Versorgungsstruktur zu lotsen.


Herr Dr. Gogoll, Sie sind Pneumologe und zugleich Psychoonkologe. Wie prägt diese doppelte Perspektive Ihren Umgang mit Long-COVID-Patienten, bei denen körperliche Erschöpfung und psychische Belastung oft schwer voneinander zu trennen sind?

Die psychoonkologische Ausbildung und Tätigkeit hat mich gelehrt, dass schwere körperliche Erkrankungen immer auch eine existenzielle Dimension haben – dieses Denken hilft mir enorm bei Long-COVID. Ich versuche nicht zu hierarchisieren, ob ein Symptom „organisch” oder „psychisch” ist, sondern beides als gleichwertig real zu behandeln. Gerade bei Fatigue und kognitiven Einschränkungen ist diese Haltung entscheidend, weil Patienten häufig traumatisierende Vorerfahrungen mitbringen, nicht ernst genommen worden zu sein.


Herr Dr. Schüller, hat sich Long COVID seit dem ersten Auftreten im klinischen Verständnis des Syndroms verändert – und welche offenen Fragen treiben Sie persönlich noch um?

Unser Verständnis von Long COVID hat sich deutlich weiterentwickelt. Mittlerweile sprechen zahlreiche wissenschaftliche Befunde dafür, dass unterschiedliche Mechanismen wie Immunfehlregulation, autonome Dysfunktion, endotheliale Veränderungen oder persistierende Entzündungsprozessean der Krankheitsentstehung beteiligt sind. Gleichzeitig ist Long COVID wahrscheinlich kein einheitliches Krankheitsbild, sondern umfasst verschiedene Subgruppen. Die entscheidende offene Frage bleibt für mich, wie wir dieses Wissen in wirksame und gezielte Therapien für unsere Patientinnen und Patienten übersetzen können.


Herr Dr. Gogoll, als Sprecher des Long COVID-Netzwerks der KV Berlin und mit Anbindung an die Post-COVID-Ambulanzen der Charité sitzen Sie an einer wichtigen Schnittstelle zwischen Versorgung, Forschung und Politik. Was ist Ihre wichtigste Botschaft an niedergelassene Ärztinnen und Ärzte, die Long-COVID-Patienten betreuen und sich oft allein gelassen fühlen?

Sie sind nicht allein; das Gefühl der Überforderung ist kein Versagen, sondern eine ehrliche Reaktion auf eine Erkrankung, für die das System noch keine fertigen Antworten hat. Meine wichtigste Botschaft: Glauben Sie Ihren Patienten, auch ohne Laborbefund. Vernetzen Sie sich – das LongCOVID-Netzwerk der KV Berlin und die Post-COVID-Ambulanzen der Charité sind als Backup und Konsultationsstruktur gedacht, nicht als Ersatz für die Hausarztebene. Ein konkretes Angebot dafür ist unser Qualitätszirkel Post-COVID: Hier tauschen sich niedergelassene Ärztinnen und Ärzte regelmäßig zu Fallstricken, neuen Erkenntnissen und praktischen Versorgungsfragen aus – kollegial, praxisnah und ohne den Druck eines Fachkongresses. Wer sich bisher alleingelassen fühlt, findet dort Orientierung und ein Netzwerk, das trägt.


Zu den Autoren:

Dr. med. Christian Gogoll ist Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie sowie Psychoonkologe (DKG). Bis zu seinem Wechsel in die Ambulanten Dienste der Evangelischen Lungenklinik Berlin leitete er u.a.das Department für Pneumologie in der Ev. Elisabethklinik. Aktuell praktizierter im Lungen-MVZ Weißensee. Als (Co-) Autor der S1-Leitlinie zum Long-/Post-COVID-Syndrom und der dazugehörigen Patientenleitlinie zählt er zu den führenden Experten der DGP auf diesem Gebiet. Zudem ist er Sprecher des Netzwerkes LongCOVID der KV Berlin und ist eng an die Charité Berlin und die dortigen Post COVID Ambulanzen angebunden.

Dr. Per Otto Schüller absolvierte sein Medizinstudiuman der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Nach seiner Promotion erfolgte seine klinische Ausbildung in der Uniklinik Düsseldorf. Seit 2011 ist er Chefarzt der Abteilung für Kardiologie und Pneumologie der MEDIAN Klinik Flechtingen. Er ist Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Pneumologie, Sozialmedizin sowie kardiovaskulärer Präventivmediziner.


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