Wir zahlen für Qualität und Komplexität
Das Buch Das Gesundheitswesen im internationalen Vergleich bietet einen umfassender Überblick über die Strukturen der Gesundheitssysteme von über 30 Mitgliedstaaten der Europäischen Union und der OECD.
Herr Schölkopf, Sie vergleichen weltweit Gesundheitssysteme – welches Land stellt die gängigen Annahmen der Gesundheitsökonomie so richtig auf den Kopf?
Auf den Kopf stellt der internationale Vergleich nichts – aber seine Ergebnisse relativieren schon die eine oder andere hierzulande manchmal vorgetragene Hypothese. So hört man ja immer wieder, die Menschen gingen seltener zum Arzt, wenn sie in Vorleistung gehen und sich dann die Kosten erstatten lassen müssen. Dafür findet man im internationalen Vergleich aber keine Belege. Die These, private Versicherungen könnten wirtschaftlicher arbeiten als öffentliche Gesundheitssysteme, lässt sich sogar ziemlich klar widerlegen. Und generell: Die Annahme, dass wettbewerblich organisierte Gesundheitssysteme effizienter wären als staatlich organisierte – die wartet meines Erachtens auch noch auf Bestätigung.
Frau Grimmeisen, Brüssel mischt im Gesundheitswesen zunehmend mit. Ist dasein notwendiger Impulsgeber oder eher ein stiller Machtzuwachs zulasten der Nationalstaaten?
Ein klares Sowohl-als-auch. Ein Beispiel ist der Bereich Public Health. Hier hat die Europäische Union in den vergangenen Jahren wichtige Akzente bei der Tabakprävention und der Bekämpfung von „Volkskrankheiten“ gesetzt. Ein ganz anderes Feld adressieren die jüngsten EU-Initiativen zum Europäischen Gesundheitsdatenraum bzw. zum Europäischen Sozialversicherungspass, mit denen die EU starke Digitalisierungs-Impulse für die nationalen Gesundheitssysteme setzt. Zur Wahrheit gehört allerdings auch,dass Brüssel es in der Regel nicht bei vagen Impulsen und Apellen belässt,sondern diese in Richtlinien und Verordnungen gießt – und damit unweigerlich nationalstaatliche Handlungsspielräume verengt. Ein gutes Beispiel dafür sinddie Kompetenzzuwächse während und im Nachgang zur COVID-19 Pandemie.
Herr Schölkopf, Deutschland gehört zu den teuersten Systemen weltweit – zahlen wir für Qualität oder vorallem für Komplexität?
Wir zahlen hierzulande sicherlich oft auch für Qualität und– mit Blick auf unser System der Selbstverwaltung – auch für Komplexität, aber vor allem zahlen wir für Quantität. Auf der einen Seite gibt Deutschland mittlerweile so viel für Gesundheit aus wie kein anderes europäisches Land, auf der anderen Seite stehen diesem Mitteleinsatz nicht die Resultate gegenüber,die man erwarten würde - und die man auch erwarten sollte. Das wird bereits beim Blick auf die Lebenserwartung deutlich, bestätigt sich aber auch, wenn man auf konkrete Messwerte der medizinischen Behandlungsqualität im Detail schaut; da haben wir wirklich Nachholbedarf. Gleichzeitig erlaubt sich Deutschland z.B.in der Krankenhausbehandlung oder bei den Besuchen niedergelassener Ärzte Fallzahlen, die man in kaum einem anderen Land findet. Hier gibt es klaren Optimierungsbedarf, und die Politik hat das ja auch erkannt.
Frau Grimmeisen, grenzüberschreitende Versorgung klingt nach europäischer Erfolgsgeschichte – in der Praxis eher Vision oder schon gelebter Alltag?
Gelebter Alltag, absolut. Sprechen Sie mit Leistungserbringern oder Krankenkassen, die in Frankfurt/Oder, Trier oder in Aachen tätig sind. Die werden Ihnen das bestätigen. Europa garantiert Freizügigkeit und grenzenlose Mobilität und seine Bürger machen davon reichlich und gerne Gebrauch. Als Arbeitnehmer, als Studierende, als Touristen oder als Rentner. Und dabei können sie sich darauf verlassen, dass ihr Gesundheitsschutz „mitreist“. Das ist aus meiner Sicht eine großartige Errungenschaft und ein Punkt, an dem Europa ganz und gar nicht abstrakt, sondern sehr konkret ist.
Herr Schölkopf, viele Länder ringen mit steigenden Kosten. Welches System zeigt aus Ihrer Sicht, dass Effizienz und Gerechtigkeit kein Widerspruch sein müssen?
Darauf gibt es leider keine ganz einfache Antwort. Die Ergebnisse internationaler Vergleiche erwecken vielmehr den Eindruck, als ob es einen Trade-off zwischen Versorgungsqualität und Zugang zur Versorgung gibt. In Deutschland kommt man z.B. vergleichsweise schnell zum Haus- oder Facharzt, aber bei der Behandlungsqualität gibt es noch viel Luft nach oben. In manch anderen Gesundheitssysteme ist es umgekehrt: Australien beispielsweise bekommt in den Vergleichskriterien des Commonwealth Fund bei der Versorgungsqualität Bestnoten, liegt aber bei den Wartezeiten auf Arzttermine eher weiter hinten. Wenn es um Effizienz und damit um Fragen der Koordination der Versorgung und der Überwindung von Schnittstellen zwischen den Sektoren geht, können wir allerdings von den meisten anderen Gesundheitssystemen noch etwas lernen.
Frau Grimmeisen, Hand aufs Herz: Welche Reform aus dem Ausland würde dem deutschen System gut tun?
Vorweg: Die eine Reform aus dem Ausland, die im Handstreichalle Herausforderungen des deutschen Systems löst, gibt es meines Erachtens nicht. Was wir aus dem internationalen Vergleich mitnehmen können sind Reformbausteine mit Transferpotential. Beispielsweise der einheitliche Versicherungsmarkt in den Niederlanden. Dort ist die substitutive PKV seit 2006 Vergangenheit und die ehemals gesetzlichen Träger konkurrieren jetzt nachgleichen und strikten Regeln mit den privaten Krankenversicherungsträgern um die Versicherten. Nebenbei genießen die niederländischen Krankenkassen deutlich mehr Gestaltungsfreiheit bei Verträgen mit Leistungserbringern. Ein weiteres Element sehe ich in Frankreich, wo sich die Finanzierung der GKV zunehmend vom Bezugspunkt Arbeitseinkommen gelöst hat und auf weitere Einkommensarten sowie auf zweckgebundene Steuern setzt. Auch die integrierten Versorgungsmodelle, die den Versicherten in der Schweiz und den USA angeboten werden, können durchaus Reformimpulse für die Leistungserbringung in Deutschland liefern.
Dr. Martin Schölkopf studierte Politik- und Verwaltungswissenschaft an der Universität Konstanz und ist seit 2022 Leiter der Abteilung „Pflegeversicherung und -stärkung“ im Bundesministerium für Gesundheit.
Simone Grimmeisen studierte Politik- und Verwaltungswissenschaft an der Universität Konstanz und arbeitet seit 2018 als Referentin der Unterabteilung Kostenabrechnung/Forderungsmanagement international beim GKV-Spitzenverband, Deutsche Verbindungsstelle im Ausland (DVKA).