"Boarding" in der Notaufnahme

MICHAEL HILLEBRAND

Hintergrund

In der medizinischen Nomenklatur tauchen stets neue Begriffe auf, deren Interpretation manchmal fragwürdig erscheint. Ein solcher neuer Begriff ist das „Boarding“ für Notaufnahmen. Dieser Begriff allerdings – aus der Luftfahrt übernommen – lässt sich gut auf die Prozesse der Notaufnahme übertragen.

Nach Landung eines Passagierflugzeuges fährt dieses zum Gate. Türen öffnen sich, Passagiere steigen aus, die Koffer werden entladen, eine Reinigungsfirma bereitet das Flugzeug auf den neuen Flug vor. Passagiere steigen ein, das Flugzeug wird betankt, der Pilot gibt neue Daten in den Boardcomputer (FMC) ein und die Passagiere bereiten sich mithilfe der Stewardessen auf den bevorstehenden Flug vor. Das Zeitfenster ist knapp, sodass ein Flugzeug möglichst nach 30 Minuten den „Push back“ (Verlassen des Gates) vornehmen sollte.

Übertragung auf die Notaufnahme

Dieser Ablauf ist vergleichbar mit einer Notaufnahme. Nach Behandlung eines Patienten im Behandlungszimmer sollte dieser, auf Befunde oder weitere Untersuchungen wartend, das Zimmer verlassen. Das „Boarding“ beginnt. Der Behandlungsraum steht somit nach entsprechender Reinigung dem nächsten Patienten zur Verfügung. Patienteninformationen (Ananmnese, Befunde u.ä.) werden in den Computer (analog der FMC) eingegeben, der Patient ist bereit zum „Abflug“ auf die Station. Nicht selten ist die aufnehmende Station noch nicht bereit. Im Flugalltag unvorstellbar, dass ein Flugzeug auf dem „Taxiway“ lange wartet, bis das Rollfeld frei wird. Im Krankenhaus schon. Grund ist die fehlende zentrale Koordination. Auf dem Fluggelände übernimmt diese Aufgabe der Tower. Einen Tower im Krankenhaus zu finden, dürfte heute noch schwer fallen. Stationäre Abläufe wie die Bereitstellung eines freien Bettplatzes, d.h. pünktliche Entlassung von der Station, Koordination des Transportdienstes u.a. entziehen sich dem Einfluss einer Notaufnahme. Andererseits wird die Notwendigkeit des stationären Bereichs, ausreichende Kapazitäten zur Verfügung zu stellen, zwar im Tagesverlauf gesehen, doch teilweise nur zögerlich – manchmal bis in den Nachmittag hinein umgesetzt. Die Implementierung eines „Towers“ kann also nur da stattfinden, wo der Patient (Flugzeug) gesichtet wird. Die Leitstelle Notaufnahme könnte so einen Tower darstellen. Organisatorische Schritte wie die Zuordnung der Behandlungszimmer (Gates), die Beauftragung der Reinigung der Behandlungsräume, die Koordination der Holding (Warteposition für Patienten = Taxiway), die Stations- und Bettsuche, die Bestellung des Transportdienstes und andere Aufgaben könnten zentral gesteuert sein. Der wesentliche Vorteil wäre neben koordiniertem Arbeiten die zentrale Übersicht. Einer und nicht mehrere Mitarbeiter entscheiden über den Vorgang des „Boarding“.Nach Eintreffen der ersten Patientenanflutung (Crowding bis Overcrowding) in den Notaufnahmen – durchschnittlich zwischen 10 und 12 Uhr – existiert bis zur zweiten Flutwelle eine kurze Abflutung. So erreichen i.d.R. zwischen 12 und 14 Uhr deutlich weniger Patienten die Notaufnahmen. Innerhalb dieses Zeitkorridorrs ist es für die Notaufnahmen entscheidend, dass die morgendlich eingetroffenen Patienten behandelt, aufgenommen und stationär untergebracht sind.

Voraussetzungen

Fehlendes zentrales Towermanagement bedingt zögerliches Boarding. Idealerweise existiert eine Aufnahmestation – auch wenn diese als Thema für sich gesehen auch ihre organisatorischen Probleme mit sich bringt.Liegt das Belegungsmanagement hoheitlich im Verantwortungsbereich der Notaufnahmen, kann sich aus diesem organisatorischen Konstrukt ebenfalls ein optimiertes Boarding entwickeln. Doch was benötigt man, um dieses Vorhaben effektiv zu gestalten?

  • Zentrales Belegungsmanagement über die Notaufnahme („Bettenhoheit“)
  • Rückhalt der Geschäftsführung
  • gutes Monitoring der Belegung auf Stationen, welches stets aktuell sein sollte
  • funktionierendes Transportmanagement innerhalb des Krankenhauses
  • straffe Prozessorganisation in der Notaufnahme, um z.B. unnötige Untersuchungen – also Untersuchungen ohne „Notfallindikation“ – zu vermeiden und die Behandlungszeit zu straffen
  • funktionierendes Triage-System
  • wertschätzende Kommunikation

All diese Aspekte tragen dazu bei, die Prozesse für den Notfallpatienten effektiver zu gestalten und die Abläufe für die Notaufnahmen zu optimieren. Ziel ist es, Notaufnahmen von Patienten nicht mehr als „Störfaktor“ für den stationären Betrieb zu empfinden. Dies gelingt nur mitHilfe einer guten Kommunikation – welche als Grundlage für das Boarding angesehen werden muss.Um diese Ziele zu erreichen, ist in vielen Krankenhäusern ein Umdenken erforderlich. Es fängt damit an, die Wertigkeit der Notaufnahmen zu erkennen und als wesentliches Portal einer jeden Klinik zu etablieren. Diese Struktur bedarf einer engagierten und kompetenten Führung, deren Eigenschaften neben medizinischer Kompetenz Organisationgeschick und Standhaftigkeit im Konfliktmodus sein sollten.

Fazit

Zusammenfassend ist Boarding ein Begriff, der viele Prozesse im Zusammenspiel beschreibt. Wie in einem Uhrwerk drehen sich nicht alle Zahnräder gleich schnell. Dennoch passt in einem Uhrwerk das Gefüge so zusammen, dass das Zeittempo konstant gleich gehalten wird. Wer sich dem Thema Boarding widmet, wird unweigerlich die verschiedenen Zahnräder (Prozesse vom Eintreffen des Patienten bis hin zur stationären Ankunft) beleuchten müssen. Hierbei tangiert man die Befindlichkeiten und die Hoheitsgebiete anderer Klinikführungen. Beharrlichkeit und wertschätzende Kommunikation sind die wesentlichen Instrumente, die solch ein Projekt gelingen lassen.

Auszug aus der Neuauflage von "Das ZNA-Buch"


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